Palast der Stille

Ein kleines Cottage auf einer Insel vor der Ostküste Amerikas, mitten im Winter, in der Stille. Ein Mann schaufelt Schnee, redet mit seiner Katze, beobachtet Vögel, genießt die Langeweile und zieht Bilanz über sein bisheriges Leben und Schaffen. Später macht er sich auf den Weg durch den tief verschneiten Wald zu der Kiefer, in deren Krone er einen Ausguck hat: die Welt zu schauen, die Natur, sich selbst.
«Mit wem reden wir, wenn wir allein sind? Mit uns selbst, wenn wir es können.» Hansjörg Schertenleib erzählt von den Segnungen der Stille, selbst gewählter Einsamkeit und von der Liebe, der Liebe zu den Tieren, zur Natur – und zu den Büchern. Eindringlich, wahrhaftig und schwebend leicht.

(Buchpräsentation Kampa Verlag)

«Bereit, erneut ein anderer zu werden»

von Daniel Rothenbühler
Publiziert am 24.08.2020

«Ich ziehe aus, um neue Ansprüche an das Leben zu stellen.» Der Satz von Henry David Thoreau könnte als Devise über dem ganzen Leben und Werk von Hansjörg Schertenleib stehen, vor allem aber über seinem jüngsten Buch Palast der Stille. Vor drei Jahren ist er einmal mehr ausgezogen und hat mit seiner Frau ein Cottage auf Spruce Head Island an der US-Ostküste im Bundesstaat Maine gekauft. Hier verbringt er seither die Stille der schneereichen Wintermonate.

«Kein dressierter Zirkuslöwe»

Einen Kriminalroman, der dort spielt, hat er 2019 veröffentlicht. Eine Rezensentin schrieb damals, er sitze schon an seinem zweiten «Maine-Krimi». Dieser erscheint in den nächsten Tagen, er heisst Im Schatten der Flügel. Doch unterdessen ist ein ganz anderes Maine-Buch erschienen, wunderbar unkonventionell, keiner Gattung zuzuordnen. Darin wechselt Schertenleib auf souveräne Weise hin und her zwischen Berichten über Alltägliches, Erinnerungen an die Vergangenheit, kurzen Erzählungen, Porträts und persönlichen Reflexionen. Es ist wohl sein persönlichstes Buch geworden, keine einfache Selbstoffenbarung jedoch, sondern ein literarisches Spiel damit.

Palast der Stille beginnt in der Replika der Blockhütte am Walden Pond, wo Thoreau sich zu seinem epochemachenden Werk Walden inspirieren liess. Ermutigt durch den amerikanischen Nonkonformisten entschliesst sich ein Ehepaar, ein Cottage in Maine zu kaufen, obwohl die beiden es sich «doch gar nicht leisten können». Der Mann ist in seinem sechzigsten Jahr und «will nicht länger effizient sein, strebsam, zwanghaft optimistisch und erfolgsorientiert». Er erklärt sich «bereit, erneut ein anderer zu werden». Denn er weiss: «Bleibt er in der Schweiz, geht er unter. Er ist am Ende. Ich bin am Ende. Also stehe ich am Anfang.» Zwischen diesem Ich der Gegenwart und dem Er der Vergangenheit wechselt die Erzählung fortan im ganzen Buch. So fiktionalisieren sich Ich und Er gegenseitig: Das Ich entspringt als Entwurf aus dem Er, das Er ergibt sich aus den Erinnerungen des Ich.

In Erinnerungsausschnitten erscheint so das Bild eines eigenwilligen Autors, der nach einer lektürefreien Jugend erst in der Stille seiner einsamen Adoleszenz zum Lesen und schliesslich auch zum Schreiben gekommen ist und dann nur noch dieses kannte und sich dabei nicht um den Erfolg im Literaturbetrieb kümmerte. Diese Grundorientierung erscheint zwar als Wunschvergangenheit des Ich im Cottage, sie findet sich aber auch tatsächlich in vielen Etappen von Schertenleibs Werdegang.

Der Erzähler lässt allerdings – wenigstens zwischendurch – auch durchblicken, dass dieser unbeugsame Autor den Ehrgeiz ebenfalls «nur zu gut aus eigenen alten Autorenfotos» kennt, und berichtet, dass er sich noch unlängst von einem Lektor zu einem Text über Menschen auf der Flucht anstacheln liess, weil «das ankomme und sich verkaufe». Er gibt den Anfang der Erzählung wieder, bricht dann aber ab: «Er ist kein dressierter Zirkuslöwe, der durch den Reifen springt, mag er brennen oder nicht, den ihm ein Lektor entgegenhält.» Die Ironie des Buches liegt darin, dass das Ich den Text löscht, wir ihn aber als Fragment beim Lesen vor uns haben. So haben wir die Möglichkeit die Zweifel zu prüfen, die Er und Ich gemeinsam haben: «Was weiss ich über Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen?»

In der Stille Widerstand

Der Ich-Erzähler weiss durchaus von einem, der seine Heimat immer wieder verliess, doch immer freiwillig, und er berichtet nun von seinen Begegnungen im schneereichen Winter auf Spruce Head Island. Seine Porträts von Menschen, aber auch von Tieren, und seine Naturbeschreibungen machen dieses Buch neben dem Bericht über Schreibdrang und Schreibzweifel eines heutigen Autors zu einem eindringlichen Leseerlebnis.

Menschen sind dem Ich-Erzähler immer dann wichtig, und werden es durch seine Beschreibung auf einprägsame Weise auch für uns, wenn sie sich – wie der Autor dem Schreiben – ganz konzentriert einer Leidenschaft hingeben: die Mutter des Autors dem Lesen, sein Onkel Leopold dem Knöpfeschnitzen und ein amerikanischer Kriegsveteran am Megunticook Lake dem Bau von Stühlen aus Holzresten. Tiere gewinnen durch die präzise Sachlichkeit ihrer Beschreibung eine berührende Nähe: der Kater Pop in Irland, die Katze Smilla im Cottage, eine Maus in der Garage, die die Schnauze reckt, schnüffelt und starrt, bevor sie wegrennt, eine verängstigte Fledermaus, die panisch im Kreis dreht, bevor sie das Fenster zum Ausgang findet.

Bestechend sind auch die häufigen Naturbeschreibungen. Wie Thoreau es verlangte, geht Schertenleib über das blosse Blicken hinaus und sucht im Schreiben das Sehen: «Schnee stiebt von den Bäumen und bringt die Luft zum Flirren. Der Rauch, der aus unserem Kamin steigt, ist das Seil, an dem das Cottage am Himmel hängt». Nicht von ungefähr findet sich dieses Bild stilisiert auf dem Umschlag des Buches wieder. Es fasst zusammen, was die vielen Landschaftsbilder Schertenleibs charakterisiert: Immer wieder geht der Blick nach oben, und immer wieder wird im Sehen die Verbindung zum Gesehenen gesucht, aber nicht wie im romantischen Naturerlebnis durch unmittelbare Vereinigung, sondern in Umschreibungen, Vergleichen, Metaphern. Und in diesen werden oft Vermittlungsweisen der Künste angesprochen: so wenn das irische Licht «schroffe Felsen weich zeichnet, Flüsse in Silbertaue verwandelt und die Abenddämmerung zum Spektakel macht» oder wenn zwei Leuchttürme «als zaghafte Zeichnungen am Horizont [stehen], Skizzen für ein Bild, das noch zu malen ist», oder wenn Wolken, die meerwärts ziehen, als «Stellwände» erscheinen, «die sich rasch verschieben und immer wieder andere Himmelsausschnitte freigeben.»

So ist Schertenleib weder ein Naturbeschwörer noch ein Eskapist, auch wenn sein Ich-Erzähler sich – und uns – für solche Naturbilder begeistert und behauptet, er lebe im Elfenbeinturm. Die Pracht seines Palastes liegt in der Natur, in deren Stille aber steckt Widerstand, nicht nur gegen die Erfolgssucht, sondern auch gegen die Mächtigen, die auf sie zählen. Hat er nicht als Dozent am Schweizerischen Literaturinstitut einmal daran erinnert, Literatur könne auch ein Instrument sein, «um an den Beinen jener Stühle zu sägen, auf denen die Mächtigen sitzen»?