Flügel der Sehnsucht Alte und neue Gedichte
80. Geburtstag am 28. Juli 2019
«Vor einem Jahr hatte ich einen Wutanfall. Weil ich merkte, dass ich zwei Jahre lang nicht gemerkt hatte, dass ich fast nichts Eigenes geschrieben hatte», schreibt Beat Brechbühl in seinem Vorwort. Als es dann darum ging, einen neuen Band zusammenzustellen, wandelte sich die Wut in Freude.
Was nun vorliegt, ist eine Kombination: Zu den «alten» Gedichten gesellt sich eine Abteilung neuer Texte. Brechbühls Frage lautete: «Bestehen die damaligen Texte gegen die von heute?» – Die Antwort findet sich jetzt in Flügel der Sehnsucht.
Das übliche Gehetze, so doof
Da wollte ich ein
einziges winziges Mal in diesem Jahr
mit mir gemütlich sein
und einen halben Abend (fast 3 Stunden) lang
nichts tun,
nur für mich was kochen, die
Seele und den Körper baumeln lassen, und
vielleicht einen Krimi –
da! bei ein bisschen Wein und Fernsehen:
schlaf ich ein, drei volle, gar traumlose, Stunden lang – ich
Trottel
Die ganze poetische Palette
Schon vor Jahren erschien in der REIHE der Band Böime, Böime. In seinem jüngsten Buch Flügel der Sehnsucht unternimmt er nun den Versuch einer Inventur seines Werks. Anlass dafür war ein «plötzlicher Wutanfall», der den 80-Jährigen inne werden liess, dass er die letzten Jahr zwar viel gearbeitet, aber kaum Eigenes geschrieben habe. Daraus entstand die Idee, wie er in der Vorbemerkung schreibt, alte und neue Gedichte miteinander zu konfrontieren. Entstanden ist so eine von ihm selbst vorgenommene Best-of-Auswahl aus insgesamt 13 nicht mehr greifbaren Bänden, denen er eine Reihe neuer Gedichte zugesellt hat.
Beat Brechbühl präsentiert in konzentrierter Form die ganze poetische Palette. Der Band beginnt mit einer «Miniatur» aus Spiele um Pan von 1962, um schnell auszuschlagen zu längeren Zeilen, auf «dass du die Langsamkeit dieser Poesie verstehen lernst». Die frühen Gedichte haben sich gut gehalten. Formal sehr variabel bezeugen sie immer wieder ihre Referenz vor anderen Dichtern wie in der «Oda a Federico Garcia Lorca», vor Musikern wie Mikis Theodorakis oder Künstlern wie Ferdinand Hodler. Diese Referenzen sind kaum zufällig, Brechbühl stellt damit Verwandtschaften her, in denen sich auch politische Konnotationen ausdrücken, die auch auf seine Beschäftigung mit der Heimat, mit der Schweiz abfärben. Diese erhält ebenso scharfsinnige wie schalkhafte Züge. Die Plädoyers wider Engstirnigkeit und Ignoranz bleiben stets ambivalent, wie die Gedichte «Das Dorf» und «Die Stadt» aus dem Band Die Litanei von den Bremsklötzen von 1969 im Tandem vortrefflich demonstrieren.

Die für die 1970er Jahre typische (Aufzähl-)Lyrik, etwa in Branchenbuch, steht hier neben nachdenklichen Versen wie der Betrachtung eines Bildes von Georges Rouault. «Ich will keine Gedichte, die sind, weil es Gedichte gibt», heisst es einmal. Der Vers ist die Keimzelle dieses Schreibens. Das gilt bis heute, auch wenn sich die «neuen Gedichte» im Band durch einen eher lakonischen Tonfall auszeichnen. Sie sind nüchterner, direkter, oft mit umgangssprachlichen Einsprengseln versehen. Die poetischen «Flügel der Sehnsucht» zeigen sich am deutlichsten im 2010 entstandenen mehrteiligen «Am Meer». Es sind behutsame Aufzeichnungen, die beim Wachen zu nächtlicher Stunden entstanden sind und ein Sensorium für das anbrandende Meer bezeugen und damit auch eine tiefe Demut vor der darin waltenden «nervigen Kraft» und Grösse.
Apropos Lyrik-Unternehmer: Den Abschluss macht ein formal vielleicht etwas ungelenk wirkendes, zugleich aussagekräftiges Gedicht, eine Ode ans Handwerk, wie es gerade auch unternehmungslustige Lyriker wie Beat Brechbühl betreiben. «Bitte lasst uns unsre Arbeit tun...»
Aus: «Kosmos und Mikrokosmos. DIE REIHE im Wolfbach Verlag, Jahrgang 2019», Fokus von Beat Mazenauer, 13.01.2020