En passant
Gedichte

En passant schlägt im Schach ein Bauer einen andern, der allzu schnell an ihm vorbeiziehen will. Anders in der Poesie: hier ist ein aufmerksam Vorbeigehender der Glücklichere, der da oder dort den Gewinn davonträgt. Das zeichnet die Gedichte von Kurt Aebli aus: dass wir in Zeitlupe versetzt werden und genauer zu sehen beginnen, wo scheinbar Unwesentliches, beinah nichts geschieht; dass jedoch in diesen Momenten die Differenz erfahrbar wird zwischen Alleinsein und Einsamkeit – die Sichtweise einer entblößten Existenz.

Selbstgespräch im Nebel

Du kannst nichts machen, das ist
dein Leben, im Fall eines andern
Verlaufs wärst du
ein Anderer,
einer, der anderes
bereut,
einer von denen,
die dir noch rätselhafter
vorkommen als du dir selbst.

(Buchpräsentation Wolfbach Verlag)

Spiel mit «antimodernen Wendungen»

von Beat Mazenauer
Publiziert am 04.01.2020

Kurt Aebli schreibt mit seinem zweiten Gedichtband in der REIHE, En passant sein poetisches Programm weiter – das lyrische Ich nimmt Beiläufiges auf und hält es in oft kurzen Gedichten fest. Dabei erfährt es, wie die Welt kleiner wird, intimer auch und sich auf die ihn umgebende Natur verdichtet; im letzten und vielleicht schönsten Gedicht heisst es, dass er, der Dichter, beim Schreiben zu den Pflanzen gehöre und «dass man sich nicht von der / Stelle rühren, sondern / hochschauend / auf die Bewegung der Erde / verlassen muss». Wobei auffällt, dass am Ende nicht «vertrauen», sondern das doppelbödige «verlassen» steht.
Der Dichter geht seinen Weg in die Einsamkeit, liesse sich folgern: die in der Natur, zugleich die poetische Einsamkeit. Letztere manifestiert sich darin, dass seine präzisen Wahrnehmungen mit «antimodernen» Wendungen spielen. Der Gebrauch von Partizipien sowie syntaktische Umstellungen verleihen den Gedichten etwas Artifizielles, das nicht selten leicht irritiert:

Warum sterben musste
auf dem Nachhauseweg von der Schule
durch Messerstiche
einer Geistesgestörten
ein Kind.

Kurt Aebli ist ein viel zu gewiefter Dichter, als dass man ihm hier nicht Absicht unterstellen kann: die Störung erfährt eine formale Aufhebung. Zugleich befremdet das Verfahren übers Ganze hinweg. Es wirkt, als ob sich Aebli aus der zeitgenössischen Poetik verabschieden möchte: «Jahrhunderte entfernt» davon, bedeutend und modern zu sein, wie es in ein «Ein Moderner» heisst.
Im Unterschied zur stoischen Gelassenheit früherer Bücher macht sich hier etwas Sperriges bemerkbar, formal wie inhaltlich, als ob der Dichter für sich anerkennt: «Nicht gewachsen / dem Auftrag, / auszulöschen / mit wenigen Zeilen / alles mögliche / Geschreibsel». Harmonie ist nicht die Aufgabe von Poesie.

Aus: «Kosmos und Mikrokosmos. DIE REIHE im Wolfbach Verlag, Jahrgang 2019», Fokus von Beat Mazenauer, 13.01.2020