Sand / Sablun
teis nom
teis nom
da sablun
a la riva dal mar
set leuas
lichan
il sal
da mia saiddein name
dein name
aus sand
am meeresufer
sieben zungen
lecken
das salz
meines durstes
(Dumenic Andry / Claire Hauser Pult, Chasper Pult, Sablun / Sand, Edition Howeg)
Rezension
Eine Sehnsucht nach der Ferne prägt auch die Gedichte von Dumenic Andry, die neuerdings in einer zweisprachigen Ausgabe, übersetzt von Claire Hauser Pult und Chasper Pult, unter dem Titel sand / sablun auf Deutsch und Rätoromanisch vorliegen. Der im Unterengadin geborene Bergler sehnt sich nach der Weite des Meeres, nach dem Sand der Strände. Er träumt vom Abenteuer des Matrosen, wie im gleichnamigen Gedicht «Mariner»:
der matrose
auf seinem
papierschiff
kennt nicht
sein ziel
nur sein
verlangen
Andrys Poesie wird geprägt durch ein Hin und Her zwischen Weite und Enge, Ferne und Heimat, der salzigen Luft und der süssen Kirsche, die sich der Matrose in den Mund steckt, wenn er den hohen Mast erklimmt, wie im Gedicht «kirschenzeit». Dem Licht des Meers antwortet der «november in Ramosch» oder der Inn, der «wild» unter der Brücke durchbraust und sogleich wieder Bilder des anderen evoziert:
ich stehe
auf der Düne
mit sand
in den augen
In dieser Doppelbewegung nach Hause und in die Ferne will der Dichter sich zeigen und zugleich wieder verschwinden wie die Spuren des Vogelflugs, die Wellen im Meer oder die Spur im Sand, die sich unter dem anschwappenden Wasserfilm verliert. Allein, der Sand behält die Spur im Gedächtnis. Davon erzählt in knapper Diktion «ich möchte»:
ich möchte
sie sähen mich
wenn sei nur nicht
schauten
In solchem Wünschen, in der Sehnsucht nach der Ferne steckt hinterrücks auch eine Angst vor dem Vergehen: die Vergeblichkeit, die Vanitas.
Dumenic Andrys Lyrik zeichnet sich durch eine ausgesprochen knappe, präzis gesetzte Sprache aus, in den Zeilen stehen ein, zwei, schon selten drei Worte – also ob sie sich offen zeigen und zugleich in der eigenen Nichtigkeit verschwinden wollen. Das ist natürlich ein raffiniertes Spiel, auf das die Leser und Leserinnen gerne mit ihren eigenen Träumen und Bildern hereinfallen.
Dabei darf nicht vergessen gehen, dass Dumenic Andrys Poesie innerhalb der rätoromanischen Literatur auch intertextuell eng vernetzt ist und dies mit feiner, ironischer Diskretion zu bedeuten gibt. In der Nachrede weist Chasper Pult auf den reflektierten, zugleich zurückhaltenden Charakter dieser Poesie hin, wie Andrys es selbst einmal notiert habe: «Kunst vain da Können, art da smart.»
Claire Hauser Pult und Chasper Pult haben eine ähnlich sparsame Sprache gefunden, die dem a-betonten Rätoromanisch, präzis dem Idiom Vallader, eine adäquate deutsche Klangstruktur verleiht. Dumenic Andry ging ihm dabei in Gesprächen hilfreich zur Hand, hat er doch selbst zahlreiche Werke aus dem Deutschen ins Rätoromanische übertragen, unter anderem Walter Benjamin oder Peter Bichsel.
Dumenic Andry ist ein ausgesprochener zurückhaltender Autor, der mit seinem immensen Wissen sehr behutsam umgeht. Hin und wieder aber findet sich in dem Band, wie zufällig eingestreut, dennoch die eine oder andere Bosheit, scheinbar verschämt, doch wohl gesetzt:
gerade oder ungerade
und wenn schon
lahmärsche
gibt es
als zugabe
Aus: «Hin und her zwischen den Sprachen», ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 01.02.2021