Gegensonnen Gedichte
Wer offen ist für die Aura von Naturphänomenen, wird sich in Ariane Bramls Gedichten zuhause fühlen: «Die Wiesen zeigen Charakter», heißt es in einem von ihnen. Ausgehend von der genauen Beobachtung der Pflanzen, Vögel oder Himmelskörper öffnet sie Horizonte zum Sagenhaften, verbindet Kunst und Magie, Vision und Seelenlandschaft.
Birke
Bald wird
sie tanzen königlich
bald fällt
ihr goldenes Überich
bald ist sie weiß
wie Schnee.
Ihren Schrei
hören drei
der Mond
die Hexe
und ich.
(Buchpräsentation Wolfbach Verlag)
Unaufgeregte Poetik
Die Topoi Natur und Garten spielen in Ariane Bramls Gegensonnen eine zentrale Rolle. Bäume und Vögel prägen ihre lyrische Bildsprache. Die Reize der Einfachheit bleiben daher zwiespältig: die wunderbare Schlichtheit klingt zuweilen etwas allzu harmonisch:
Auch die Spinne
die voll Eifer
ihr Netz webt
als zerrisse kein Tod
ihr Werk
beruhigt mein Herz
Eine solche Naturlyrik bleibt im Mikrokosmos verhaftet, sie konzentriert sich auf Topoi wie Werden und Vergehen, Träumen und Wachen – unter starker Selbstbeobachtung durch das lyrische Ich in einer formal zwar vielfältigen, doch oft allzu unaufgeregten Poetik.
Aus: «Kosmos und Mikrokosmos. DIE REIHE im Wolfbach Verlag, Jahrgang 2019», Fokus von Beat Mazenauer, 13.01.2020