Glück Stimmen
Ein Kind «fehlt» ins Wasser und gleich sind wir in der Welt von Dragica Rajčić Holzner, einer poetischen Welt, die Sprachnormen und Erzählkonventionen aufbricht. Wörter nehmen ungewohnte Formen an, Sätze geraten in Schieflage und Geschichten werden laufend revidiert. «Das Eigentliche / wird nie durch die Worte oder Geschichten weitergegeben», sagt Ana Jagoda, das Ich der Stimmen aus dem Heimatdorf Glück. Und doch will Ana «erzählen ohne Linderung / um erzählend sich zu vergewissern / dass es etwas gibt / wozu erzählen gut ist».
Sie versucht ihre Geschichte zu finden und jene der «Tränen ihrer Ahnen». Es ist eine Geschichte fortgesetzter Misshandlungen und Missbräuche der Frauen durch ihre Väter und Ehemänner, die weitergeben, was sie selbst einst unter der Fuchtel ihrer Väter erdulden mussten. Ein «Womenirrhaus» in Chicago bietet Frauen wie Ana Schutz und Raum zum Aufarbeiten der Traumata. Im Rückblick wird Ana bewusst, wie bestimmte Herrschaftsformen zwischen den Geschlechtern sich auf subtile Weise in der Psyche beider, Opfer wie Täter, sedimentiert haben.
Nach der Inszenierung der Theaterfassung von Glück durch Ursina Greuel erscheint jetzt das Ganze als Spoken Word.
(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand)
Das Knäuel
Glück ist vieles: Ein Monolog, ein Gedicht, ein Dorf – und ein Buch. Protagonistin ist Ana Jagoda, eine junge Frau, die von Kroatien in die USA auswandert. Mit dabei ist ihr gewalttätiger, ihr fremd gewordener Mann Igor. Auch mit dabei ist Vergangenes, Erlebtes: Ana erzählt von Missbrauch, von Hoffnungen, Schweigen und Angst. Von den Eltern, der Freundin der Mutter, die sich beim Dorfbrunnen erhängt hat, dem kleinen Bruder. Sie erzählt, wie sie Igor kennenlernte und mit ihm ihre erste Nacht verbrachte.
wenn jemand uns entgegen gekommen wäre
hätte er zwei magere blasse Jugendliche gesehen
deren Augen so tief wie Meeresurgrund sind.
Für kurze Zeit schien eine Liebe möglich zu sein in jenem beengenden Dorf namens Glück, doch bald schon erkennt Ana:
Die Wirklichkeit isst die Liebe
wie der hungrige Hund Brot.
Dragica Rajčić Holzner erzählt Anas Geschichte mit fesselnder Sprache: Der lange Monolog ist in Sinneinheiten geteilt, welche die Zeile jedes Mal neu beginnen, wie wenn es sich um Verse handelte. Das Deutsch ist nicht grammatikalisch perfekt, sondern zeigt Merkmale der unvollständig erlernten Sprache der Eingewanderten. Was zunächst falsch und holprig scheint, entfaltet sich zu poetischen Wortblüten und entwickelt eine ganz eigene Magie. Aus dem Fehlerhaften und Unvollkommenen entsteht eine Schönheit, so tragisch das Erzählte auch ist. Glück ist ein ganz eigener Sprachkosmos, der die Lesenden schnell in seinen Sog zieht. Nach und nach findet Ana Jagoda Worte für das ihr Widerfahrene, das Erzählen ist ihr Rettungsanker und Ventil. In den USA schafft Ana endlich die Trennung von Igor, sie flüchtet in ein Frauenhaus. Dort sucht sie zwischen den Trümmern ihrer Erinnerung nach sich selbst, nach einem Weg, das Erlebte aushaltbar zu machen:
wie kann einer
sich Glück wachsen lassen
wie die Haare
genau wie die Haare?
Aushalten, nicht fliehen – das ist schwer für Ana, die schon viele Fluchten hinter sich hat: Die Flucht in Gedanken, während sich der Priester an ihr verging, die Flucht aus Glück mit Igor, und schließlich die Flucht weg von Igor ins «Womenirrhaus», wie sie es nennt. Im «Womenirrhaus» wird das «Ich» vorübergehend zu einer «sie», als würde Ana nun von aussen gesehen, vielleicht mit den Augen der Sozialarbeiterin, die den geschlagenen Frauen zu helfen versucht.
Glück ist auch ein Appell: Hinhören, sich einlassen auf die Lebensgeschichte einer geflüchteten Frau, das ist bereichernd für Zuhörer und Gehörte gleichermaßen. Anas Heilungsprozess beginnt damit, dass sie eine Sprache gefunden hat im Angesicht traumatischer Sprachlosigkeit.
Denn, wie sie zu Beginn der Geschichte sagt:
Schliesslich kann keiner von uns allein
das Knäuel von Fiktion
entwirren
die jenes wacklige Ding bilden
das wir Selbst nennen.
Gibt es etwas Menschlicheres als einander die eigene Geschichte zu erzählen? Erzählen, ob mündlich oder schriftlich, trägt dazu bei, das Knäuel möglicherweise eines Tages entwirren zu können. Glück macht damit deutlich, wie viel mehr als nur Papier und Tinte ein Buch sein kann. Denn, so formuliert es ein Freund von Ana Jagoda auf den letzten Seiten von Glück:
In Büchern liegen
die verlassenen Körper der Gedichte
übereinander
um uns zuzudecken
mit ihrer schweren Last der Sehnsucht.
Glück ist ein Monolog, ein Gedicht, ein Dorf – und ein Buch. Dragica Rajčić Holzner erzählt darin die Geschichte von Ana Jagoda, ihre Flucht aus dem kroatischen Dörfchen Glück, ihre Flucht vor dem gewalttätigen Igor, ihre Flucht aus der Sprachlosigkeit: In den Trümmern des Erlebten findet Ana eine eigene Sprache, fehlerhaft, unvollkommen und gerade deswegen ungemein fesselnd. Im «Womenirrhaus» setzt sie sich mit ihrem Leben auseinander und gelangt nach und nach zurück zu sich selbst. Glück ist ein eigener Kosmos, der die Lesenden in den Bann zieht. (Tamara Schuler in Viceversa 14, 2020)