Tod in Genua
Paul und Nina. Weil sie beide dasselbe Buch lasen, waren sie im Rondell der Universität gleich Feuer und Flamme. Der Mathestudent nahm die angehende Opernsängerin mit nach Genua – und die elegante Tante Matilde, «letzter Star Europas», die dazu noch die beste Pasta der Welt macht, erteilte ihnen den Segen für eine Ehe ohne Probezeit. Lustvoll streiten, ob das Schöne das Wahre oder doch das Moralische ist, können Paul und Nina immer noch – dass aber ihr lang gehegter Kinderwunsch nicht in Erfüllung geht, lässt sich nach mehreren Fehlversuchen nur schwer lustigreden. Und als sie jetzt, wieder in Genua, auf dem Friedhof Staglieno die hundertjährige Mathilde zu Grabe tragen, bricht - unaufhaltsam - etwas auf. Sie blicken in einen Abgrund, der weder mit Tom Ford noch mit Chanel zuzuschütten ist.
In Romana Ganzonis erstem, rasant erzählten Roman prallt ein Paar aus der Welt des Zuviel auf das Genua einer alten, echten Dame, die ein anderes Jahrhundert gesehen hat, in einer Stadt, die gerade mit ihnen untergeht.
(Buchpräsentation Rotpunktverlag)
Rezension
Der Titel von Romana Ganzonis erstem Roman lässt vielleicht einen mittelguten Krimi zwischen den Buchdeckeln vermuten. Oder lehnt er sich an Thomas Manns Tod in Venedig an? Schon eher: Tod in Genua ist vieles – eine Liebesgeschichte, ein historischer Roman, ein feministischer Roman, ein Roman über die Künste, über Beziehungen, über das Schreiben, über die Italianità – aber kein Krimi.
Der Roman spielt an einem Tag, dem 5. September 2018: Paul und Nina reisen aus der Schweiz nach Genua an die Beerdigung von Pauls Tante Matilde. Wenige Wochen vorher ist in Genua die Morandi-Brücke eingestürzt. Diese beiden erschütternden Ereignisse stehen am Anfang der Geschichte und prägen den Roman. Sowohl durch den Einsturz der Brücke wie auch durch Matildes Tod wird diesem Text regelrecht den Boden unter den Füssen weggezogen, nichts mehr ist wie vorher, alles muss neu definiert, neu geordnet, neu verhandelt werden. Eine starke Verbindung knüpft sich zwischen der Stadt Genua und der Person Matilde, über die es auf der ersten Seite heisst: «Sie war tot. Und die Stadt franste von oben her aus, sie verdämmerte und erlosch, der beste Teil trieb ins Meer.» Und später: «Hatte die sterbende Matilde an Genua gedacht? Bestimmt nicht. Sie war Genua».
Erzählt wird aus der Perspektive von Nina. Der Mathematiker Paul und die Sängerin Nina lernen sich an der Universität Zürich kennen, es ist Liebe auf den ersten Blick, schon nach kurzer Zeit ziehen sie zusammen und sind seither unzertrennlich. Sie führen eine scheinbar unverkrampfte, geistreiche und dynamische Beziehung – so unbeschwert und harmonisch, dass man neidisch werden könnte. Beide sind starke Charaktere, haben grosse Bewunderung für einander, kennen sich in- und auswendig und wissen sich doch Paroli und interessante Gespräche zu bieten.
Beide verbindet ausserdem die Liebe zu Pauls Tante Matilde, die in jungen Jahren aus der Schweiz nach Genua ausgewandert ist und die sie, eben erst eine Paar geworden, das erste Mal in Genua besuchen. Paul ist Matildes Lieblingsneffe, sie schliesst auch dessen neue Freundin Nina bald ins Herz. Matilde ist eine starke Frau. Sie lebt ihr Leben selbstbestimmt und mit einer beeindruckenden Eleganz. In Ninas Beschreibungen – auch aus ihrer weiblichen Perspektive – wird Matilde bewundert, beinahe vergöttert. Oft zieht Nina Parallelen zu ihrem eigenen Leben, zu ihrem Beruf als Sängerin. Nicht zuletzt scheint Matilde auch die Beziehung von Nina und Paul zu festigen.
Zuerst wird nur zwischen den Zeilen angetönt, was die Liebesbeziehung belastet: Nina und Paul können keine Kinder bekommen. Obwohl sie sich bemühen, trotzdem glücklich zu sein, gelingt ihnen dies immer weniger. Wir erfahren später, dass auch Matilde ein Kind verloren hat: «Paul und ich konnten nicht sagen, was Matilde genau zugestossen war, in welcher Schwangerschaftswoche sie das Kind verloren hatte. Nachfragen war unerwünscht. Das erzähle ich euch ein anderes Mal, sagte Matilde, was hiess, nie». Obwohl Nina und Paul dieses Tabu in Bezug auf Matilde reflektieren, schleicht sich durch den unerfüllten Kinderwunsch etwas zwischen die beiden, über das sie nicht sprechen können und das ihre Beziehung belastet und sie irgendwann zu zerbrechen droht. Erst gegen Ende des Romans lässt sich erahnen, dass Nina sich – und auch uns Leserinnen – diese Geschichte aus ihrer ganz subjektiven Warte erzählt, dass sie vielleicht nicht immer eine zuverlässige Erzählerin ist, auch sich selbst gegenüber nicht.
Tod in Genua erzählt von verschiedenen Liebesbeziehungen und dabei immer auch von der Vergänglichkeit (und deren Schönheit). Vieles steckt in diesem Text – manchmal vielleicht zu viel? Einige Metaphern werden zu stark ausgedeutet, die Dialoge scheinen bisweilen dem Zweck zu dienen, auf etwas hinzuweisen. Hie und da werden einem Bezüge im Text geradezu aufgedrängt. Genauso oft finden sich aber stimmige Bilder, wunderbar feine und auch sehr humorvolle Beobachtungen. Insbesondere die Perspektive Ninas auf Tante Matilde ist sehr liebevoll, sie beschreibt Matilde mit einer bewundernden Distanz, wie diese Parfum trägt und Zigaretten raucht («Es sah aus, als wären Matildes Zigaretten nie ausgeraucht, sie blies Kringel in die Luft, die blass wurden, sich auflösten.») oder wie sie sich für die Oper chic macht («Matilde hatte sich herausgeputzt, mit etwas zu dunkel nachgezogenen Augenbrauchen, der Lippenstift war perfekt aufgetragen, man ahnte mehr als sechzig Jahre Praxis»).
Trotz seines eklektischen Charakters weist der Text durch seine Anlage – die Handlung an einem Tag, durchbrochen von vielen Rückblenden – eine klare Struktur auf. Nicht in jeder Hinsicht vermag er gesamthaft zu überzeugen, besticht aber mit unzähligen Details, mit Beschreibungen von Gegenständen oder psychologischen Finessen, die wir schon aus Ganzonis Kurzgeschichten kennen. In seiner Üppigkeit und seiner Fülle an Beobachtungen, Zitaten, Streitgesprächen, Liebesszenen, Düften, Bildern, Tönen, Anspielungen und Verbindungen spiegelt der Roman seine beiden Protagonistinnen: Matilde und Genua, elegante und starke Schönheiten voller Widersprüche, der Vergänglichkeit unterworfen. Ihre starke Präsenz verdanken sie der Erinnerung – und diesem Text.
Das Zürcher Paar Paul und Nina reist nach Genua an die Beerdigung von Pauls Tante Matilde, kurz nach dem erschütternden Einsturz der Morandi-Brücke. Der Roman spielt an einem Tag, wobei viele Rückblenden in die Vorgeschichte führen. Insgesamt vermag der Text nicht in jeder Hinsicht zu überzeugen, besticht aber mit unzähligen Details, mit Beschreibungen von Gegenständen oder psychologischen Finessen, mit denen die Autorin schon in ihren Kurzgeschichten brillierte. Die Fülle an Beobachtungen, Zitaten, Streitgesprächen, Liebesszenen, Düften, Bildern, Tönen, Anspielungen und Verbindungen spiegelt die beiden Protagonistinnen des Romans: Die Stadt Genua und ihre Bewohnerin Matilde, elegante und starke Schönheiten voller Widersprüche, der Vergänglichkeit unterworfen. (Martina Keller in Viceversa 14, 2020)