Herr Anselm
Nach 33 Jahren ist Herr Anselm – die treue Seele auf dem «Schiff», wie er seine Schule nennt – auf der Ehrenrunde: Die Schule in einem kleinen Dorf in den Bündner Bergen soll geschlossen werden. Wir begleiten Herrn Anselm nach einem trockenen und heissen Sommer an einem Nachmittag zu Beginn eines Schuljahres und hören ihm zu, wie er mit seiner verstorbenen Frau über das Wetter und das Wasser spricht, über die Vorbilder, die uns geprägt haben, und die Werte, die uns verbinden. Sein Monolog erzählt mit grosser Liebe, viel Witz und einem ebenso frischen wie herzenswarmen Blick von einer Welt, die verschwindet. Bildstark und präzise schreibt Arno Camenisch auf seine unverkennbar eigenwillige Art vom Werden und Vergehen in einem Tal im Wandel der Zeit.
(Buchpräsentation Engeler Verlag)
Rezension
Herr Anselm ist die Geschichte des Abwarts einer Dorfschule in den Bergen Graubündens, der auf dem Friedhof Zwiesprache hält mit seiner verstorbenen Frau. Er wird allerdings nur ein einziges Mal im Buch «Herr Anselm» genannt, die Anrede «Herr» wird sonst nur ironisch-sarkastisch verwendet, z.B. wenn die Rede ist vom neuen «Herr Gmaindspräsident», der die Schule schliessen will.
Wer andere Bücher von Camenisch kennt, taucht bei der Lektüre dieses neuen Romans vom ersten Satz an in eine vertraute Welt ein. Der Erzählton mit den umgangssprachlichen, schweizerdeutschen und romanischen Einsprengseln schafft ein Gefühl von Unmittelbarkeit. Die Hauptfigur des Romans ist ein über die Grenze des Todes hinaus Liebender, und obwohl er an einer Schule arbeitet, wie alle Camenischfiguren kein Intellektueller. Anders als seine Vorgänger besuchte er zwar mit seiner Frau Konzerte und Opernaufführungen in der Arena di Verona, und um mit der Traurigkeit nach ihrem Tod zu Gange zu kommen, schreibt er seine Gedanken auf, wie es ihm ein Bekannter empfohlen hatte.
Als pragmatischer Mensch wusste er bisher mit allen schwierigen Situationen an seiner Schule umzugehen. Sein Arbeitsort ist ein Flachdachbau, der hoch über dem Dorf thront und den er «das Schiff» nennt. In den letzten 33 Jahren hat er dieses Schiff durch alle Unbilden der Zeit zu steuern verstanden, nicht nur mit seinen Qualitäten als Abwart, sondern bei Bedarf auch in Personalunion als Schulpsychologe, als Schulsozialarbeiter und als Ersatzlehrer. Wenn er für einen erkrankten Lehrer einspringen muss, erzählt er den Schülern jeweils Geschichten, und ob sie Hausaufgaben bekommen oder nicht, entscheidet sich im Fussballgoal. So, findet er, hätten sie eine faire Chance. Doch kurz vor seinem Besuch auf dem Friedhof, an einem warmen Septembertag, trifft die Hiobsbotschaft ein, dass die Schule auf Ende Schuljahr geschlossen werden solle. Diesem Schlag weiss er nicht wirklich etwas entgegenzusetzen, nur die vage Aussicht auf einen Protest und das Festhalten an seinen Erinnerungen. Die Erinnerungen werden mit der Schule sterben, davon ist er überzeugt, und redet doch in einem fort dagegen an. Sein Monolog am Grab, beim Giessen der Blumen und beim Rechen des Kieses auf den Friedhofwegen gerät so zu einem grossen Abgesang, nicht immer frei von Sentimentalitäten.
Wenn nicht gerade der Pessimismus von ihm Besitz ergreift und er die Machtlosigkeit der kleinen Leute oder die Klimaerwärmung beklagt, dann ist der Abwart in seinen besten Momenten ein Philosoph. Er staunt über die drei Milliarden Sterne, die es draussen in der Galaxie gibt, denkt über die Welt und das Leben nach, wenn er mit dem Besen vor dem Globus steht und erfasst in ein paar wenigen, präzisen Worten das Wesen der Menschen, die sein Dorf bevölkern. Ärgerlich wird die Rede des Abwarts, wenn er seine Ansichten zu den pädagogischen Reizthemen unserer Zeit kundtut. So weiss er vermeintlich Bescheid über den richtigen Umgang mit hochbegabten Schülern, den Frontalunterricht und Computer im Klassenzimmer und stellt befriedigt fest, dass Kinder im Schweizer Schulsystem das Scheitern lernen. Gut, meint er dann aber, um nicht ganz ins Negative zu kippen, grad zum Hobby sollte man das Scheitern auch nicht machen, wie der Benedict ... Das Tragische entspricht dem Erzählernaturell von Camenisch nicht. Er schaut mit einem leisen, subversiven Humor auf die Welt, und die Melancholie kippt nie in eine wirkliche Depression.
Der Abwart fährt Töffli, geniesst still für sich die Schönheit der ihn umgebenden Natur und denkt in blumigen, überraschenden und immer treffsicheren Sprachbildern: Die Schule des Dorfes sei das Flaggschiff, das vorausfahre und die Richtung angebe, damit man nicht plötzlich im Bermudadreieck lande; der Entscheid der Behörden, die Schule untergehen zu lassen, sei wie wenn einem im Fussball jemand von hinten in die Beine grätsche, und weil er seine Arbeit gerne hat, versteht er die Leute nicht, die sich wie ein Tarzan von Wochenende zu Wochenende schwingen, als wären die Wochentage ein Becken mit Krokodilen.
Der Mann auf dem Friedhof ist entschlossen, sich nicht aufzugeben, angesichts der drohenden Schliessung der Schule und anderer existentieller Probleme, die in sein Bewusstsein drängen. Nicht nur durch Schreiben versucht er, die Trauer in Schach zu halten. Auch Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse frischt er auf und geht an die Orte zurück, an denen er glücklich war mit seiner Frau. Er versucht sich auch vorzustellen, was sie in dieser Situation zu ihm sagen würde und wie sie ihm mit der Hand über den Nacken fahren würde, um ihn zu trösten. Man fühlt sich ertappt, hat man diese Strategien doch alle auch schon ausprobiert.
Verhalten optimistisch bleiben, zweckoptimistisch, aber ja nicht zu viel erwarten vom Leben, und wenn schon untergehen, dann in Würde. Aber nicht aufgeben. Sich trotzdem verschiedene Arten des Sterbens überlegen, damit es einen nicht kalt erwischt. Sich dabei ein wenig klein machen oder zumindest mit dem Kleinsein kokettieren. So ungefähr versucht der Abwart, sich angesichts des unvermeidbaren Untergangs durchs Leben zu retten. Einige literarische Verwandte unterstützen ihn dabei: Don Quichote de la Mancha, Harry Potter, Don Camillo und Peppone. Es sollte klappen, denn in der gegnerischen Mannschaft spielen nur ein paar Globis.
Der Abwart der Dorfschule hält auf dem Friedhof Zwiesprache mit seiner verstorbenen Frau. Er ist gekommen, um ihr von der bevorstehenden Schliessung der Schule zu erzählen, die er seit 33 Jahren wie ein Schiff durch alle Unbilden der Zeit steuert.
Herr Anselm ist eine typische Camenischfigur: Er beobachtet den Lauf der Welt von einem unauffälligen Platz aus, neigt zu Melancholie und zu Nostalgie, und verfügt über einen feinen, subversiven Humor. Ein philosophisches Staunen ergreift ihn angesichts des Sternenhimmels und pragmatisch-philosophisch ist sein Umgang mit den Schülern. Nur wenn er seine Meinungen zu den pädagogischen Reizthemen unserer Zeit zum Besten gibt, flacht er deutlich ab. Stets originell und treffend sind auch in diesem Roman die Sprachbilder, gut gemischt die bekannten Ingredienzien des Autors. (Verena Bühler in Viceversa 14, 2020)