Entscheidung Roman
Bulgarien im Sommer 1987. Die junge Ärztin Anja wird wie Hunderte Medizinabsolventinnen und -absolventen vom Staat aufs Land beordert. Sie tritt ihre erste Stelle in einem gottverlassenen Dorf im Balkangebirge an. In der harten Lebensschule des Dorfes Svescht lernt sie nicht nur den Tod, das Leiden und die Nöte der eigenartigen Dorfbevölkerung kennen, sondern wird auch mit den bestürzenden Schicksalen der Insassen des dortigen Heimes für Kinder und Jugendliche aus randständigen Familien konfrontiert. Einziger Lichtblick: die Lehrerin Dora. Wie Anja verachtet auch sie das kommunistische System, die Gewalt und den Gewaltapparat, der sich lückenlos und in verschiedensten Formen vom Schul- bis ins Greisenalter der Menschen in der bulgarischen Gesellschaft hinzieht. Dass sich zwischen den zwei stillen Rebellinnen eine Freundschaft entwickelt, bleibt dem Geheimdienstler Genosse Nakov, der alle Fäden im Dorf zieht, nicht verborgen. Er versucht, Anja zur Mitarbeit für die hohe Spionage zu gewinnen. Der Lohn: eine glanzvolle Arztkarriere und akademischer Aufstieg. Ihre Absage wird Anja zum Verhängnis und steigert Genosse Nakovs Hass auf sie.
(Buchpräsentation Braumüller Verlag)
Rezension
Evelina Jecker Lambrevas dritter Roman versetzt uns in die Jahre 1987 bis 1989 und entführt uns in eine fremde Welt, die zu Europa gehört, mit Mitteleuropa allerdings wenig zu tun hat. Wir tauchen tief ein in die bulgarische Provinz und in die Endphase der rund vierzig Jahre währenden kommunistischen Herrschaft über ein wunderschönes, aber in jeder Hinsicht zurückgebliebenes Land im Schatten der Weltgeschichte. «Das hier soll ihr neues Zuhause werden?», lautet der erste Satz des Buches, und bezeichnenderweise ist es ein Fragesatz. Die junge Ärztin Anja Assenova ist gerade in Svescht angekommen – die Studienjahre in Varna liegen hinter ihr, und ohne dreijähriges «Obligatorium» als Landärztin geht es in Bulgarien nicht weiter mit der Karriere. Der erste Mensch, der ihr über den Weg läuft, ist Maria, eines der rund achtzig «Heimkinder», allesamt Opfer zerrütteter Familien, die in Svescht mehr schlecht als recht verwahrt werden. Das Dorf hat um die siebenhundert Einwohner, die Dienststelle, für die Anja nun zuständig sein wird, umfasst weitere fünf noch kleinere Dörfer. «Du glaubst es nicht, ich habe heute den Schock meines Lebens gehabt, als ich aus dem Bus im Dorfzentrum ausstieg», schreibt Anja an ihren Studienfreund und Geliebten Michail. Sehr bald lernt sie auch den Genossen Todor Nakov kennen, einen «Aktiven Kämpfer gegen den Faschismus und Kapitalismus», der in Svescht das Sagen hat und der unerfahrenen Ärztin schon gleich mal mit Nachdruck zeigt, mit wem sie es in den nächsten Jahren zu tun haben wird. Schöne Aussichten!
Junge Romanheldinnen, die helfen, retten und schützen wollen und unbeirrt für das Gute kämpfen, sind in der europäischen Literatur nicht gerade selten. Anja Assenova, die einem Roman von Christa Wolf entsprungen sein könnte, ist eine solche Heldin. Nicht nur, weil sie eine unzureichend ausgestattete Dienststelle mustergültig führt und grundsätzlich die medizinisch richtigen, letztlich einige Leben rettenden Entscheidungen trifft, sondern auch, weil sie – Goethes «verteufelt humaner» Iphigenie nicht unähnlich – als makelloses Inbild warmherziger Menschlichkeit gezeichnet ist und immer wieder den Mut aufbringt, Unrecht und Gewalt zu widersprechen. Und davon gibt es mehr als genug. Die Prügelstrafen und massiven Einschüchterungen im Kinderheim und, als schlimme und völlig logische Folge davon, die einander schlagenden und beissenden Heimkinder lassen Anja oft verzweifeln, ebenso wie die meisten ihrer auf die gewohnten Spritzen und Tabletten fixierten Patientinnen und Patienten. Die grösstenteils wenig freundlichen Nachbarn, die ihr im Dorfladen, in der Kneipe oder auf der Poststelle misstrauisch nachschauen, verunsichern sie zutiefst, und der sich nebenbei auch «Tanzbären» haltende «Zigeunerklan» am Dorfrand mit seiner auch als Wahrsagerin tätigen Grossmutter Hassanitza erscheint ihr wie ein aus der Zeit gefallenes Relikt archaischen Lebens.
Es gibt aber auch eine ganze Menge positiver Begegnungen mit «Menschen aus den verschiedenen Dorfwelten», es gibt die ihr Flusskrebse bringenden, sich nach Zuwendung sehnenden zutraulichen Heimkinder, und es gibt das süsse Kätzchen Topsy, das bald Anjas Mitbewohnerin wird. Anja kann Bücher lesen, die Trost spenden, sie kann die Donnerstags-Literaturabende mit der sympathischen, meistens fröhlichen Dorflehrerin Dora besuchen, und sie kann dem in einer fernen Stadt arbeitenden Michail brieflich ihr Herz ausschütten. Um sie herum eine grandiose Natur, die die Autorin oft so gekonnt und wunderbar beschreibt, dass man den Atem anhält. Wir folgen der Hauptfigur durch ein Provinzleben, in dem Versorgungsengpässe und unzureichende Telefonverbindungen die Regel sind und strukturelle Gewalt wie individuelle Gewalttätigkeit seit jeher zum Alltag gehören. Auch wenn man nun leichter als zuvor an Coca-Cola kommt und neue Schlagworte wie «Glasnost» und «Perestrojka» die Runde machen – die allgemeine Lieblosigkeit und der allgegenwärtige Suff bleiben bestehen, und dass ein Volkspolizist mit seinem Gummiknüppel auf die vor dem Schuhgeschäft geduldig wartenden Frauen eindrischt, rührt kaum einen Menschen. Und immer noch herrscht der Genosse Nakov, für den das Wort «Glockenklang» ein ganzes Gedicht zu einem «reaktionären Gebilde» macht und der nicht davor zurückschreckt, die junge Ärztin mit der Aussicht auf Paris zu locken, sofern sie ihre «patriotische Pflicht» erfüllt und für den gefürchteten bulgarischen Geheimdienst tätig wird. Nein, für den Geheimdienst zu arbeiten, das empfindet Anja dann doch als Verrat an sich selbst – welche Folgen aber hat so ein Nein? Wie intensiv Anja, die als eine der Wenigen im Lande George Orwells 1984 gelesen hat, mit ihrer Ablehnung dieses Angebots ringt, schildert die Autorin in einer der besten Passagen ihres Textes.
Vor allem im zweiten Teil weist der Roman einige Längen auf – es wäre nicht nötig gewesen, alle Geschehnisse haarklein zu erzählen und nur ja kein medizinisches Detail auszulassen. Dennoch bleibt es auch in der zweiten Romanhälfte spannend. Tod und Gewalt sind weiterhin zentrale Motive des Textes, die allseitige Überwachung und das gezielt evozierte Misstrauen auch. In Anjas Dorfalltag ändert sich wenig, selbst wenn das den Heimkindern lange Jahre hindurch Angst machende, bitterböse «Imperialistenkind» verschwunden ist, selbst wenn mancherlei Gerüchte kursieren und die Reisefreiheit für alle Landsleute nicht mehr ganz unerreichbar scheint. Erst einmal muss Anjas altes Dorfleben untergehen – Michail verlässt seine Quasi-Verlobte, Dora setzt sich nach Wien ab, das Kätzchen Topsy wird vom hasserfüllten Nachbarn erschossen, und die unglückliche kleine Maria stirbt an Tollwut. Nichts wie weg aus Svescht! 1989 endlich öffnen sich die Grenzen – die Wende, Gorbi sei Dank! «Die Volkspolizei bewilligte ihre Reise nach Paris diesmal tatsächlich». Anja bestaunt den Westen, ist geschockt von der bunten Warenwelt, besucht auch das berühmte Krankenhaus Pitié-Salpêtrière – und lernt dort Yves kennen, einen Oberarzt aus der Schweiz. Auf dem bulgarischen Land allerdings überwiegt die Skepsis – zu viel Neues in zu kurzer Zeit, das überfordert die Menschen. «Von der Wende war nichts Gutes zu erwarten». Mit heftigen Krächen endet Anjas Aufenthalt in Svescht: Nakov, jetzt nur noch Ex-Genosse, brüllt sie an, Marias aus dem Knast befreite Mutter beschimpft sie auf ordinärste Art und Weise, ihr Begleiter schlägt sie zu Boden. Bulgarien, wohin? Die gewohnte Ordnung hat sich verflüchtigt, eine umfassende Unsicherheit erfasst das Land, skrupellose kriminelle Banden machen sich breit. Was wird werden? Für die Romanheldin bringt, fast wie im Märchen, ein Brief von Yves die vorläufige Rettung, die sich schon länger angedeutet hatte: Anja darf nach Paris, «für ein halbes Jahr als Gastärztin».
Bereits in ihrem ersten Roman Vaters Land (2014) hatte die 1963 in Stara Zagora geborene und seit 1996 in der Schweiz lebende Autorin, die sich bewusst für die Literatursprache Deutsch entschieden hat, die von Brutalität und Opportunismus geprägte gesellschaftliche Atmosphäre und die damit einhergehende Zerrüttung und Zerstörung der Seelen in ihrem Heimatland Bulgarien zum Thema gemacht. Evelina Jecker Lambreva, die als Psychiaterin und Psychotherapeutin in Luzern arbeitet und zudem an der Universität Zürich unterrichtet, bleibt ihrem Thema treu. Entscheidung, etwas zu brav am Leitfaden der Chronologie entlang geschrieben, sich oft etwas zu ausführlich mit offenkundigen Belanglosigkeiten befassend, gelegentlich durch zu schwarz-weisse und daher wenig glaubwürdige Figurenzeichnung nervend, ist dennoch ein spannendes, passagenweise sogar grossartiges Buch – und Evelina Jecker Lambrevas bislang bester Roman.