Der Sprung

Dienstagmorgen in einer mittelgroßen Stadt. Manu, eine junge Frau in Gärtnerkleidung, steht auf dem Dach eines Mietshauses. Sie brüllt, tobt, wirft Gegenstände hinunter, vor die Füße der zahlreichen Schaulustigen, der Presse, der Feuerwehr. Die Polizei geht von einem Suizidversuch aus.
Einen Tag und eine Nacht lang hält die Stadt den Atem an. Für Finn, den Fahrradkurier, der sich erst vor kurzem in Manu verliebt hat, bleibt die Zeit stehen. Genau wie für ihre Schwester Astrid, die mitten im Wahlkampf steckt. Den Polizisten Felix, der Manu vom Dach holen soll. Die Schneiderin Maren, die nicht mehr in ihre Wohnung zurückkann. Für sie und sechs andere Menschen, deren Lebenslinien sich mit der von Manu kreuzen, ist danach nichts mehr wie zuvor.
Ein lebenspraller Roman über eine eigenwillige Frau und über die Schicksale, an denen wir voreingenommen oder nichtsahnend vorübergehen. Mit Esprit, Sinnlichkeit und Humor erzählt Simone Lappert vom fragilen Gleichgewicht unserer Gegenwart.

(Buchpräsentation Diogenes Verlag)

Ein Schatten legt sich über die Welt

von Beat Mazenauer
Publiziert am 03.02.2020

Eine Frau, die Störgärtnerin Manu, steht oben auf der Dachkante eines Hauses am grossen Platz. Sie legt sich in die Luft und springt ins Bodenlose. Einen Tag und eine Nacht lang hat sie auf dem Dach ausgeharrt und der Polizei Widerstand geleistet.

Von unten haben ihr die Menschen zugeschaut, sie zu beruhigen versucht, mit Schimpfworten verhöhnt oder sich beim Vorübergehen bloss über das Spektakel gewundert. Der kleinstädtische Platz wird zum bevölkerten Zentrum von Simone Lapperts Roman, der das turbulente Geschehen aus dem Blickwinkel von zehn Personen festhält, die in unterschiedlichen Beziehungen zur Frau auf dem Dach stehen. Manus anschwellende Wut verfolgen die einen aus persönlicher Betroffenheit – so der Polizist Felix, der sie überreden soll, herunterzukommen, oder Finn, der Freund der jungen Frau, oder ihre Halbschwester Astrid, deren politische Karriere ausgerechnet wegen eines solchen Ereignisses Schaden zu nehmen droht. Andere gehen ihren Geschäften nach und achten nur zwischendurch auf das, was auf dem Dach geschieht. Von der Autorin klug und subtil orchestriert, verfolgt der Roman das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven über einen Zeitraum von rund 24 Stunden in geraffter Echtzeit.

Manus Schattenwurf erinnert spontan an Simone Lapperts Erzähldebüt Wurfschatten, in der die Geschichte einer jungen Frau zwischen Unschlüssigkeit und Angststarre erzählt wird. «Ada musste an die Schatten der Passanten denken und daran, dass Wurfschatten die Existenz ihrer Werfer bezeugten; Schatten im Inneren des Körpers hingegen bedeuteten Zysten, Tumore, Gerinnsel und gefährdeten die Existenz, löschten sie aus.» In diesem doppelten Sinn erzählt auch Der Sprung gleichermassen von den äusseren Schatten wie von ihren inneren Verwerfungen ihrer Figuren. Beispielsweise von Edna, die einst die erste Lokomotivführerin im Land war, nach zwei «Personenunfällen» aber freigestellt worden ist und tief in sich drin die Wut der jungen Frau auf dem Dach nachempfinden kann.

Mit Edna schälen sich die beiden Kernmotive heraus: die Erinnerung und die Einsamkeit. Jede der Figuren in diesem kleinstädtischen Wimmelbuch versucht, nicht an den Erinnerungen und der Einsamkeit zu ersticken. Die einen trotzen ihren Grübeleien, andere flüchten in einen Seitensprung oder freuen sich an den süssen Kleinigkeiten des Alltags. Einzig Roswitha scheint ein ruhender Pol zu sein. Als Gastgeberin in ihrem Café am Platz weiss sie die eigene Einsamkeit grossherzig mit anderen zu teilen, so dass sich bei ihr alle für Momente aufgehoben fühlen – selbst Edna.

Simone Lappert greift zehn Personen heraus und verfolgt sie durch diesen einen Tag. Jede von ihnen erzählt eine eigene kleine Geschichte, die auf vielfältige Weise ins Ganze verwoben ist und darin aufgeht. Dabei beweist die Autorin eine ausserordentlich kluge Diskretion und Raffinesse darin, dass ihr Panoptikum eines kleinstädtischen Lebens nicht alle Geheimnisse ausplaudert, sondern wohlweislich einige davon zu bewahren weiss. Zudem fokussiert sie das Handeln und Erinnern ihrer Figuren nicht allein auf das Kerngeschehen am grossen Platz. Der Roman bewahrt so etwas natürlich Wachsendes und Wucherndes, ganz wie es der eigentlichen Heldin auf dem Dach angemessen ist. Schon in Manus Berufsbezeichnung, Störgärtnerin, steckt die Störung der guten Ordnung. Sie weiss alles über Pflanzen, ja mehr noch scheint sie wie diese zu empfinden. Deshalb befreit sie in ihrer Freizeit Topfpflanzen aus ihren engen Gefässen, um sie in einem eigenen Waldbiotop auszuwildern. Pflanzen kommunizieren über ihre Wurzeln miteinander – genau so wie es die Figuren in diesem verästelten Buch tun.

«Nichts war wie vorher. Absolut gar nichts» heisst es einmal. Das Zitat ist auch auf jene Geschichte gemünzt, die so etwas wie ein geheimes Epizentrum innerhalb des Romans bildet. Die Frau auf dem Dach wirft Felix, den Polizisten, in ein Ereignis zurück, das in seinem Kopf auf einmal wieder da ist, «gestochen scharf». Es ist eine beklemmende Jugendgeschichte mit seinem asthmatischen Freund Iggy, die er seit dessen Tod tief in seinem Unterbewussten verdrängt hat und die jetzt aufbricht.

Der Sprung erzählt in wechselnder Folge jeweils aus der Perspektive einer der Figuren. Umrahmt und interpunktiert werden diese Kapitel von kurzen schwindelerregenden Texten, die Manus Sturz aus deren Optik erzählen und ihr so eine Rolle im Buch geben, die nicht allein der Sensationsgier geschuldet ist. Von aussen wird sie instinktiv als gefährlicher Störfaktor erkannt, der die Gesellschaft aus ihrem verschlafenen Alltagstrott aufschreckt. Wenn sie sich am Ende in die Luft legt und fällt, tut sie es nicht aus Lebensmüdigkeit, sondern aus Wut und aus Verzweiflung, gerade weil die Ursache ihres Aufenthalts auf dem Dach einem banalen Missverständnis geschuldet ist. Zum Zeitpunkt ihres Sprungs aber haben sich viele Zuschauer bereits abgewendet – nur die Feuerwehr hält glücklicherweise mit ihrem Sprungtuch die Stellung.

Kurzkritik

Für einen Moment hält die Welt den Atem an, danach ist nichts mehr wie davor. Auf einem Hausdach am grossen Platz steht eine Frau und droht hinunterzuspringen. Von unten schauen die Menschen hoch, versuchen die Frau zu beruhigen, rufen Schimpfworte in den Himmel oder wundern sich bloss beim Vorübergehen über das Spektakel. In Der Sprung beschreibt Simone Lappert eine kleinstädtische Szenerie mit Menschen, über die sich ein Schatten legt. Eine Reihe von ihnen begleitet der Roman über den Zeitraum von 24 Stunden hinweg. Jede dieser Figuren hat einen Knick im eigenen Lebenslauf. So entwirft Lappert aus unterschiedlichen Perspektiven ein klug orchestriertes Gesellschaftspanorama. (Beat Mazenauer in Viceversa 14, 2020)