Fremd genug
Seit Beginn ihres Schreibens, 1970 mit Harmloses, bitte, hat Erica Pedretti sich an die Geschichte der Vertreibung ihrer Familie aus dem tschechischen Mähren herangetastet. Deren Erzählung standen zwei Verbote entgegen: innerfamiliär das Verbot, an die schmerzhaften Verletzungen zu rühren, politisch das Verbot, die Ordnung Mitteleuropas nach 1945 anzutasten. Das hat ein Schreiben in Anläufen und losen, aber motivisch verknüpften Bruchstücken begründet, das der Künstlerin auch ästhetisch als einziges vertretbar erschien. Nun erzählt sie zum ersten Mal in grösseren Zusammenhängen die Vertreibung ihrer Familie, sowohl aus Mähren wie aus der Schweiz, und ihre eigene, schon in der Kindheit einsetzende, zwischen Nähe und Distanz schwebende Verbundenheit mit dem Land, in dem sie sich 1952 dank ihrem Mann niederlassen konnte. Was ihre früheren Texte formal deutlicher prägte, ihr Misstrauen gegenüber jeder voreiligen Stimmigkeit, zeigt sich nun in einzelnen sprachlichen Wendungen und wird durch Illustrationen unterstrichen, die zu ungebundenen Assoziationen einladen. (Daniel Rothenbühler)