Gletscherstück Gedichte
Die neuen Gedichte von Nathalie Schmid erzählen von der Gleichzeitigkeit und der Polarität unseres Daseins. Sie stossen in Tiefen vor, in denen Gewissheiten rasch verblassen. Sie widmen sich einem Personal, dessen Erfahrungs- und Traumwelten von Schönheit und Unsicherheit erzählen.
(Präsentation Wolfbach Verlag)
Kontemplative Stimmung
Einer der ersten Bände in der REIHE, der dritte genau genommen, stammte von der Lyrikerin Nathalie Schmid. Gletscherstück sind ihre neuen Gedichte überschrieben. Im Unterschied zu jenen von Beat Brechbühl zeichnet sich ihre Lyrik durch eine hohe formale Homogenität aus. Nathalie Schmid gerät immer wieder ins Erzählen, um beiläufige Begebenheiten und Erinnerungen festzuhalten. Sie behält dabei meist eine kompakte Form bei, mit mal kürzeren, meist langen Versen und ohne unterteilende Leerzeilen. Dieser prosaische Gestus wird aufgelockert, indem Schmid fast ganz auf Satzzeichen verzichtet und ihr lyrisches Parlando mittels Zeilenum- und -abbrüchen neu interpunktiert und rhythmisiert. So erhält eine im Grunde simple «Nachricht» einen ganz eigenen Klang:
Von meinem Balkon aus sehe ich
Frau Suters gebückten Rücken
zwischen den Dahlien sie trägt
die dunkelblaue Strickjacke und ihre
Schürze. (...)
Die verstohlene Beobachtung wirft das lyrische Ich auf sich selbst zurück, als ob «alles ein eigenes Gewicht tieferes Glück» hätte und in den golden flimmernden Blättern dennoch bereits die dünnen Eisschichten des Winters erahnbar wären.
Erinnerungen spielen immer wieder eine Rolle, die im Garten mit dem alten Kirschbaum gewissermassen ein Medium finden, oder einen Anlass, um mit einem lyrischen Du in Zwiesprache zu treten. «(...) Unkraut / ist auch nur ein Geschäft mit der Liebe / sagst du und lächelst (...)». Nathalie Schmids Gedichte wiegen sich sachte in einer kontemplativen Stimmung, weshalb es kaum ein Zufall ist, dass eines der Kapitel mit «Hypnose» überschrieben ist, vorangestellt ein Motto von Lavinia Greenlaw: «Dass der Schmerz auf der weiblichen Seite / hinter dem Auge beginnt».
Aus: «Kosmos und Mikrokosmos. DIE REIHE im Wolfbach Verlag, Jahrgang 2019», Fokus von Beat Mazenauer, 13.01.2020