Vom Verschwinden der Cousine
Erzählung

Die Erinnerungen an die Cousine, die mit vierzig an Herzversagen gestorben ist, treiben den Protagonisten um. Herkunft und eine ähnliche Migrationsgeschichte verbanden die junge Mutter und den namenlosen Erzähler, sie waren sich wichtige Bezugspersonen. Nun erinnert er sich an ihre Begegnungen, an ihre Worte, auch an ihrer beider Stimmen. Stimmen, die aus einer Zeit zwischen einem zeitlosen Heute und einer längst vergangenen Ursprungszeit zu stammen scheinen und sich auf der Suche nach gelebtem und möglichen Leben immer stärker verweben. Er erzählt von ihren Wahrnehmungen, davon, wie sie ihm von einer weiteren Schwangerschaft berichtet, der sie sich nicht mehr aussetzen will, ihren Entscheidungen. Das Leben scheint ihr immer wieder zu entgleiten oder verschwindet in ein Universum, in dem sich die beiden Stimmen zu einer einzigen Stimme verbinden. Ein raumschaffender und poetischer Text.

(Buchpräsentation Zytglogge Verlag)

Nachfolgend das Verstummen

von Beat Mazenauer
Publiziert am 20.01.2020

Der Verlust eines Menschen ist der Verlust einer Sprache. Im doppelten Sinn. Wer verloren geht, nimmt die eigene Sprache mit, und wer jemanden verliert, wird darob sprachlos. In den schmalen Büchern von Francesco Micieli gibt es viele solcher Verluste, denen er mit literarischen Mitteln beizukommen versucht. Er gehört den Arbreshë an, einer italo-albanischen Minderheit aus den Hügeln Kalabriens, deren Bevölkerung immer kleiner wird. Im Band Mein Vater geht jeden Tag vier Mal die Treppen hinauf und hinunter schrieb er über diese Herkunft. Als seine Eltern in die Schweiz migrierten, folgte ihnen 1965 auch der damals neunjährige Autor. In der Schweiz traf er seine ältere Cousine, die mit ihm den heimischen Dialekt geteilt hat, «diese schöne, auf ihren Alltag reduzierte Sprache». Doch mit ihrem Tod sind diese Gespräche verloren gegangen – und damit auch ein Stück dieser Sprache.

Vom Verschwinden der Cousine greift eine schmerzliche Erinnerung auf. «Ich kann nur erzählen, wenn Wärme da ist», schreibt der Erzähler: «Das Erzählen findet in der Zeit statt. Die Erinnerung an meine Cousine löst Wärme und Zeit aus.» Also kann er darüber schreiben. Ein Syllogismus, der durch Micielis Handschrift die Form eines Requiems erhält. Das Erzählen überwindet das Verstummen, das dem unabänderlichen Geschehen folgt. Es ruft die Gespräche ins Gedächtnis zurück, welche der Erzähler und seine verschwundene Cousine miteinander geführt haben.
Francesco Micieli lässt die Cousine in ebenso poetischer wie lebendiger Weise nochmals auferstehen. Sie hat einst einen Fussballer vom Boden aufgelesen und mit ihm zwei Kinder gehabt. Doch der Mann verlor sich im Delirium und legte sich betrunken in einer kalten Nacht wieder auf den Boden, um nicht mehr aufzustehen. Eines Tages verschwindet auch die Cousine spurlos, lässt die zwei Kinder beim Cousin zurück, und ist unvermittelt wieder da, mit den Worten: «jetzt bleibe ich für immer». Die Erinnerung an sie, ihre Flucht zuerst, dann ihr endgültiges Verschwinden, wird zum melancholischen Memento mori. Immer wieder hat die Cousine davon gesprochen, dass sie bald sterben werde. In ihrer Unstetigkeit spiegelt sich ein schwieriges Leben.

Als Migrantenkinder erlebten beide Ausgrenzungen: «Es reichte eine schlechte, fehlerhafte Sprache.» Solche Erfahrungen kommen dem Erzähler abermals hoch, wenn er im Fernsehen Bootsflüchtlinge sieht, und wie mit ihnen umgesprungen wird. Die Erinnerung erzeugt Ähnlichkeiten mit der Gegenwart. «Die Welt war schon immer schlecht, nur dass das Schlechte nun mit Stolz gezeigt wurde», hält der Erzähler fest und hat dabei deutlich einen italienischen Innenminister vor Augen. Es sind diese Ähnlichkeiten, die der persönlichen Erinnerung einen weiten Hallraum verleihen.

Alles hängt mit allem zusammen, wie Francesco Micieli auf leise Weise zeigt. Er zieht keine vorschnellen Schlüsse, lässt Vergangenes und Gegenwärtiges nebeneinander stehen. Seine Erzählung brilliert durch solche Behutsamkeit, die sich auch formal ausdrückt. Prosa und Poesie werden feinnervig miteinander verknüpft. Die fortlaufende Erzählung arbeitet mit lyrischen Mitteln. Dazu zählen schmaler gesetzte Spalten mit Flattersatz sowie die Setzung von wenigen Zeilen auf einer freien Seite, als ob diese (wie ein Gedicht) für sich allein stehen würden. Der sprudelnde Erzählton neigt so zeichenhaft zur Nachdenklichkeit und zum Verstummen – auch weil mit der verlorenen Gesprächspartnerin die gemeinsame Sprache verschwindet. «Meine Selbstgespräche waren eine Selbsttäuschung», hält der Erzähler gegen Ende fest, und: «Unsere Sprache hatte sich entmachtet.» Dieser Eindruck wird festgehalten, ohne das Trügerische darin zu verbergen. Im Gegenteil, in seiner deutschen Schreibsprache zeigt sich ein Trauernder, der aus dem Gefühl des Verlusts eine anschauliche Erzählung entstehen lässt, die stets etwas poetisch Schwebendes und wunderbar Warmes behält.

Kurzkritik

Beim ersten Mal verschwindet die Cousine nur, um bald zurückzukehren. Dann verschwindet sie für immer. Zurück bleibt der trauernde Erzähler, der sie literarisch nochmals in Erinnerung ruft. Sie beide sind Kinder einer italo-albanischen Minderheit, der Arbreshë. Sie kamen mit ihren Eltern in die Schweiz, wo sie Ausgrenzung erfuhren, um dennoch ganz schweizerisch zu werden. Die heimische Sprache war ihnen gemeinsam. Doch mit ihrem Tod geht ein Stück dieser Sprache verloren. Francesco Micieli hat aus seinen Erinnerungen an seine Cousine ein Requiem geschaffen, das präzise erzählt und zugleich etwas poetisch Schwebendes behält. (Beat Mazenauer in Viceversa 14, 2020)