Wie die Milch aus dem Schaf kommt
Roman

Selma Einzig macht in der Hinterlassenschaft ihrer Grossmutter Pauline einen schockierenden Fund. Aus ihrem Alltag herausgerissen macht sich die 35-jährige Protagonistin auf die Suche nach verdrängten Teilen ihrer Familiengeschichte. Sie führt sie in die Ukraine und nach Israel.
Wer waren die papier- und mittellosen Vagabunden, die aus dem Gebiet der heutigen Ukraine in den Thurgau flüchteten und im kleinen Weiler Donzhausen die erste Nudelfabrik in der Ostschweiz gründeten?
Die Reise führt aus dem Vergessen und Verdrängen zu Orten der Selbstentdeckung. Das Erfinden von Erinnerungen, das Fabulieren, aber auch das Erforschen der Gegenwart und Zufallsbekanntschaften erweisen sich als überraschende Mittel, um Lücken zu füllen. Eine Suche nach der eigenen Herkunft, die höchst ambivalent bleibt und mitunter auch von einem verstörenden Unbehagen begleitet wird.
Die Erkenntnis, dass sich im Grunde nichts ändert, man lediglich ein Stück seines Wegs gegangen ist, lässt Selma Einzig ihr Vorhaben am Rand eines Kraters in der Wüste Negev in Rauch aufgehen.
Der Bericht einer abenteuerlichen Reise in einer globalen Gegenwart. Und ein Stück überraschender Industrie- und Migrationsgeschichte aus der Schweiz des 19. Jahrhunderts.

(Buchpräsentation Verlag die brotsuppe)

Eine vom Stamm der Rosa Luxemburg

von Beat Mazenauer
Publiziert am 10.09.2019

«Es war die Zeit der Umbrüche», damals um 1840 in der ostgalizischen Provinz. Die Armut grassierte, Krankheiten wüteten, der Weizenhandel lag darnieder. Den Juden blieb es verwehrt, sich in den Städten niederzulassen. Wer konnte, machte sich deshalb auf die Flucht. So auch Hannah Yuter mit ihren drei Kindern Ruth, Ossip und dem ältesten Jankel – wobei Jankel auch ihr Mann war. In den tristen Verhältnissen ist alles kompliziert. Hannah ist die Tochter einer litauischen Mutter, die sie als Kleinkind in die Obhut einer Engelmacherin gab, damit sie das Mädchen verschwinden lasse. Diese aber liess es am Leben, zog es auf, um Hannah mit neun ins Österreichisch-Ungarische zu bringen, zu Menachem Yuter, von dem Hannah ihren Familiennamen erhielt. Nach dessen Tod machte sie sich nach Westen auf, bis die Flucht 1842 in einem thurgauischen Weiler namens Donzhausen endete. Glück, Tatkraft und mitunter nur minimale Verrückungen des Schicksals bewirkten, dass Hannah und ihre Kinder hier ankommen konnten. Nur die kleine Ruth überlebte die entbehrungsvolle Reise nicht. In der neuen Heimat behaupteten sie sich, indem sie als erste eine kleine Nudelproduktion aufbauten.

Gut 150 Jahre später, im Sommer 2010, macht sich die 35-jährige Selma Einzig auf die Suche nach ihren Ursprüngen, die mit Hannah Yuter zu tun haben. Sie reist nach Galizien, wo sie sich im Gewirr der Familienfäden verstrickt. Daraufhin besucht sie mit ihrer Freundin Janika Israel auf der Suche nach dem Jüdischen, das ihr von Hanna überliefert worden ist. Mit im Gepäck trägt sie Familiendokumente, die sie von ihrer Grossmutter Pauline nach deren Tod erhalten hat. Pauline ist Hannahs Urenkelin. Selma ist bei ihr aufgewachsen, ihre richtige Mutter soll angeblich in Valparaiso leben. Einfach ist das alles wahrlich nicht.

Johanna Liers opulenter Roman Wie die Milch aus dem Schaf kommt ist vieles in einem: eine weit zurückreichende Familiengeschichte und die Suche nach einem Ort, wo es sich zu bleiben lohnt. Letzteres ist nicht nur eine geographische Frage, sondern impliziert auch eine Rolle und Freunde fürs Leben, ein Gebrauchtwerden und die Befreiung von Wünschen, Träumen und Illusionen. Die Protagonistin Selma Einzig geht viele Möglichkeiten durch, erprobt unterschiedliche Orte, testet Liebschaften aus und sucht nach ihrer familiären Herkunft, die ein ostjüdisches Erbe beinhaltet, das sich im protestantischen Thurgau zu behaupten hatte. Dabei überschreitet Selma geographische Grenzen und verwirft Gewissheiten – nur ihr Sohn Joel bleibt ihr nahe.

Stilistisch nimmt Johanna Lier alle diese Verwicklungen auf und organisiert ihren Text entsprechend mit den unterschiedlichsten literarischen Formen. Die Gegenwartserzählung schwankt immer wieder zwischen subjektiver Ich- und distanzierter Er-Rede. Biographische Prosa wird mit kurzen szenischen Sequenzen und mit inneren Monologen aufgelockert, Briefe und elektronische Nachrichten verleihen dem Text Lebhaftigkeit aus intimer Perspektive. Elemente der Reportage fragen in Israel danach, worin das Jüdische besteht; und Recherchen führen an den historischen Stoff heran, der im Kern dieses Buches einen geschlossenen Block ergibt.

Es sind die Frauen, die das Buch prägen: Hannah, Pauline, Selma. «Ich bin vom Stamm der Rosa Luxemburg», behauptet Pauline einmal, mit «herrschsüchtigen Ton», wie Selma meint. In dem Satz steckt nicht nur ein Stolz, sondern auch ein Quäntchen Wahrheit, denn Rosa Luxemburg stammt aus Zamość, das ebenfalls in Paulines Kiste Erwähnung findet.

Selmas fieberhafte Recherche schliesst sich um die breit angelegte historische Erzählung von der Ankunft der ostjüdischen Flüchtlinge im Thurgauischen. Sie hat die Geschichte, wird angedeutet, mit Hilfe der Dokumente Paulines während ihres Aufenthalts in Tel Aviv im Notizheft festgehalten. In diesem Erzählen steckt ein grosses Stück Befreiung. Kennst du die die Grosseltern nicht, sinniert Selma einmal, suchst du sie, und «hast du sie gefunden, verlierst du das Interesse. Aus dem einfachen Grund, weil sie da sind».

Wie die Milch aus dem Schaf kommt ist eine Entdeckungsreise auf vages Terrain: zum einen in den chassidischen Osten, wo die Yuter-Familie dem Gemisch aus Not, Neid, Argwohn, Antisemitismus und Antiziganismus entkommt – nicht ohne schmerzliche Verluste; zum anderen ins orthodoxe Israel, wo Selma bei abtrünnigen Orthodoxen eine «Identität mit etwas dazwischen» findet. Dabei zeigt sich die Autorin engagiert und präzise. Freilich ist sie nicht davor gefeit, ihr grosses Projekt bis in die feinsten Verästelungen auszuerzählen und dabei hin und wieder zur Ausführlichkeit zu neigen. Doch dies hat offenkundig Gründe. Gerade die Wechsel zwischen Ich- und Er-Rede signalisieren, dass es der Autorin und ihrer Heldin um sehr viel geht. Die Fragen nach Herkunft, Familie, Geborgenheit und einem Ort, der Zuhause genannt werden kann, rühren ans Existentielle, zugleich fordern sie Distanz. Sie müssen gelöst werden. Es steckt mehr dahinter als nur die Frage nach einer persönlichen Identität: Es geht um Geschichte und Verantwortung, es geht um Flucht und Grenzen, es geht um Menschlichkeit und wieviel wir selbst dazu beitragen können.

Alles hängt mit allem zusammen, und vieles kann überwunden werden, wenn Offenheit und Menschlichkeit die Grenzen im Kopf lösen – so kommt der Titel ins Spiel. Ilan, den Selma in Tel Aviv kennen lernt, erzählt vom arabischen Jungen Khaled, der ihm, dem jüdischen Freund, erklärt, wie die Milch aus dem Schaf kommt. Ein Zusammenleben in Frieden und Respekt erscheint in ihrer Freundschaft möglich.

Die besagte «Identität mit etwas dazwischen» ist kein sicherer Ort, aber vielleicht der sicherste, der sich finden lässt. Selma erkennt, dass die Wirklichkeit rauer ist als die Illusion. «Es gibt nur den Ort, an dem wir sind», eben dieses Dazwischen. Die Lebenskunst besteht darin, an diesem Ort das Verlangen und die Wünsche wach zu halten, das uns «wie der Fixstern am nächtlichen Himmel die Richtung weist und Orientierung gibt». Darin liegt das Glück verborgen. Vielleicht wird es Selma ergreifen können.

Auf die Frage, was ihr dieses Buch bedeute, hat Johanna Lier in einem Interview geantwortet: «Wow! Unglaublich! Ich fühle diese zwei Worte. Weil ich erstaunt bin, dass ich es geschafft hab’. Dass nun tatsächlich nach zehn Jahren Arbeit ein Buch geworden ist!» Dieses Gefühl der Befreiung ist dem Buch spürbar anzumerken.

Kurzkritik

Eine 35-jährige Frau sucht die Spuren ihrer jüdischen Herkunft im Osten Europas. Sie reist in die Ukraine, von wo vermutlich ihre Vorfahrin Hannah 1942 in die Schweiz geflüchtet war. Im Thurgauischen haben sie und ihr Mann die erste Nudelfabrik aufgebaut. Johanna Liers Wie die Milch aus dem Schaf kommt ist ein breit angelegter Roman über die Suche nach Familie und Identität. Das Buch erzählt engagiert mit grossem formalen Reichtum, der jederzeit spüren lässt, dass es der Autorin dabei um viel geht. Es ist auch ein Teil ihrer eigenen Geschichte. (Beat Mazenauer in Viceversa 14, 2020)