Willkommen im Tal der Tränen

Ein Mann verlässt sein Dorf am Meer. Auf einer Alp in der Schweiz hat er Arbeit gefunden. Tuinar, sagen die anderen zu ihm. Der Mann für alles. Die anderen, das sind Zoppo und der Lombard. Sie weihen den Tuinar in ihre Welt ein, in ihre Sprache der Arbeit.
Romantisch ist das Alpleben nur für Touristen. Der Tuinar ist stolz, einer der drei wahren Hüter des eigensinnigen Lebens am Rande der weiten Ebene zu sein. Die weite Ebene, das ist ihre Kirche. Einen Sommer lang folgen sie ihren Rindern auf unsichtbaren Wegen, entlang einer scheinbar äusseren und einer unscheinbar inneren Logik der Erde.
Doch die weite Ebene hat ihre eigenen Gesetze. Sie ist Geheimnis und Gefahr zugleich. Je tiefer die drei Männer in ihre Stille vordringen, umso weiter und unwegsamer wird sie. Die Sprache als Mittel der Verständigung droht verlorenzugehen.
«Ich bin wie du. Weites Grasland. Rote Flüsse durchädern mich. Fast durchsichtig bin ich. Und zart und zäh und zarter und zäher, noch viel zäher, unheimlich zäh und unendlich zart ziehen die Jahre durch mich hindurch. Machen mich immer mehr zu dem, was ich bin. Alt. Und doch. Ich beginne an keinem Ort. Und an keinem Ort höre ich je wieder auf zu sein.»

Das Buch, an eine Graphic Novel erinnernd, haben Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch als Duo Walter Wolff bebildert.

(Buchpräsentation Verlag Die Brotsuppe)

Rezension

von Martina Keller
Publiziert am 23.09.2019

Nur drei Figuren, der Tuinar, Zoppo und der Lombard, kommen in Noëmi Lerchs drittem Buch Willkommen im Tal der Tränen vor. Drei Menschen und viel Natur um sie herum, Kühe, Wiesen, Nebel, Stürme, Sonne. Die drei verbringen gemeinsam einen Sommer auf der Alp. Wie die drei Figuren von der Natur umgeben und von ihr geprägt sind, so ist der Text in Noëmi Lerchs Buch von Weiss umgeben und geprägt. Nur ein kurzer Textabschnitt, eine Momentaufnahme, eine Beobachtung ist pro Seite gesetzt. Seiten mit wenig Text und viel Weiss wechseln sich ab mit schwarz hinterlegten Seiten mit feinen weissen Illustrationen (des Künstlerduos Walter Wolff, bestehend aus Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch). So sind Text und Bild reduziert, lassen viel Raum. Sie ergänzen sich, widersprechen sich und treten miteinander in einen Dialog – und können aber auch beide als eigenständige Stränge gelesen und betrachtet werden.

Vom Leben auf der Alp erzählt Willkommen im Tal der Tränen – ein häufig romantisiertes Leben, das aber hart und einsam sein kann. Es beginnt mit einem Bewerbungsgespräch: Zoppo stellt einen Gehilfen auf der Alp ein, «Tuinar» genannt: «Der Tuinar legt seine Hände auf den Tisch. Legt sie dort parat. Wozu einen Lebenslauf vorlegen. Ein Diplom hat er keines. Aber seine Hände.» Zoppo sagt zum Tuinar: «Und du wärst also der Tuinar. Der Zusenn. Der Mann für alles.» und damit ist er eingestellt.

Ist die Kommunikation zwischen den drei Männern zu Beginn karg und knapp, so droht sie im Verlauf des Buchs ganz abhandenzukommen. Das Unvermögen, miteinander zu kommunizieren und sich zu verstehen, steigert sich in eine Sprachlosigkeit. So steht zu Beispiel auf einer Seite gegen Mitte des Buches: «Der Tuinar weiss nicht mehr was sagen. Fallen ihm an einem Tag zwei Sätze ein, die er sagen könnte, spart er einen davon auf. Für den nächsten Tag.» Etwas später: «Am Abend löscht der Tuinar alle Sätze, die er an diesem Tag gesagt hat. Alle Sätze, die er gedacht hat.» Dies ist eine der wenigen Entwicklungen, die im Text auszumachen sind, die vor allem vom Tuinar ausgeht, und die auch durch die vielen Weissflächen und durch die Reduziertheit der Illustrationen aufgenommen wird.

Vieles entwickelt sich nicht, sondern ist einfach, oder breitet sich viel eher in alle Richtungen aus, als dass eine Entwicklungsrichtung ausgemacht werden könnte. So wie der Nebel, der sich oft über die Alp legt, oder der Regen, der dem «Tal der Tränen» den Namen gibt. Es gibt einzelne Andeutungen von Geschichten, die sich aber meist wieder verlaufen, im Ungefähren bleiben. So kommt die Verlobte des Lombarden oder einzelne Touristen zu Besuch, oder ein Zeitungsartikel über Landwirtschaftssubventionen wird gelesen. Das sind Einfälle der Welt in ein Leben, das nicht von einer Abfolge von Ereignissen, sondern von Stimmungen, Handlungen und Beobachtungen rhythmisiert ist.

Die Zeit zerfällt in einzelne Momente und Bilder, verliert ihre Kontinuität. Diese Entwicklung scheint einherzugehen mit dem langsamen Zerfall der Sprache. Die Wortkargheit der drei Figuren macht umso mehr Platz für ihre Gedanken und Beobachtungen ihrer Umwelt. Die drei Männer sind sensibel und nehmen ihre Umgebung intensiv wahr, jeder für sich. In einer verdichteten und poetischen Sprache zeichnet Noëmi Lerch Bilder eines Alplebens, die gleichzeitig wunderschön und schmerzvoll sind, idyllisch und brutal. Alle Dinge, sei das der Polentakessel, seien das die Fliegen oder Brennnesseln oder die tönenden Heizungsrohre erhalten eine genaue Kontur. Vor allem der Natur und ihren Veränderungen gilt grosse Aufmerksamkeit: So wird zum Beispiel unterschieden zwischen einer Schneesonne, einer Regensonne, einer Sonnensonne.

Die feinen Nuancen im Gefühlsleben der Bergbewohner finden sich in Naturbeschreibungen gespiegelt, und umgekehrt wird das Innenleben der Protagonisten mit ihrer Umgebung verglichen, so verschmelzen Figuren und Umwelt zu einer sprachlichen Einheit. Über die Launen des Lombarden heisst es einmal: «Sie sind rund wie die Kühe, wenn sie nichts als die gelben Blumen gefressen haben. Manche sind kalt und nass wie der Nebel, wenn er den ganzen Tag dem Boden entlang gewandert ist. Und manche werden immer schwererer, wie die Mistkaretten, wenn es regnet». Lerchs Sprache bewegt sich stimmig in dem von ihr geschaffenen Kosmos.

Durch die skizzenhaften Texte zieht sich eine Sehnsucht der Figuren, ein Gefühl, vielleicht auch ein Heimweh, das von dieser in sich geschlossenen (Sprach-) Welt wegdeutet. Die drittletzte Seite zeigt den Tuinaren mit dem «schwarzweissen Soldaten», seinem Hund, an einem Bahnhof: «In der Ferne vermuten sie das Meer.» Sowohl der Bahnhof wie auch das Meer stehen für eine Freiheit, für eine Möglichkeit der Weite, des Weggehens. Doch auch in diesem Aufbruch droht die Einsamkeit: «Das Meer ist vielleicht die weiteste Ebene der Welt. Im Winter ist da niemand. Ein leerer Rivellastuhl flattert im Wind». Auf der ersten Seite des Buchs stand: «Die weite Ebene. Im Winter ist da niemand. Es gibt diese Orte. Sie brauchen Zeit. Keinen Besuch». So schliesst sich ein Kreis und führt gleichzeitig in eine offene Weite.

Kurzkritik

In skizzenhaften Momentaufnahmen schreibt Noëmi Lerch in ihrem dritten Buch Willkommen im Tal der Tränen vom oft romantisierten Leben in den Bergen. Drei Figuren, Zoppo, der Lombard und der Tuinar, verbringen einen Sommer zusammen auf der Alp. Im Laufe der Zeit haben sie sich immer weniger zu sagen, ihre Kommunikation reduziert sich auf ein Minimum, dafür sind sie genaue Beobachter ihrer Umgebung. Die kurzen poetischen Textabschnitte auf jeder Seite wechseln sich ab mit feinen, reduzierten Illustrationen des Künstlerduos Walter Wolff, die den Text widerspiegeln, weiterentwickeln, aber auch für sich eine Geschichte erzählen. (Martina Keller in Viceversa 14, 2020)