Die Hummerzange
Ein Maine-Krimi

Vor vier Jahren haben sich die Schweizer Kriminalpolizistin Corinna Holder und ihr Mann Michael ein Cottage auf Spruce Head Island in Maine gekauft. Hier wollten sie nicht nur ihre Ferien, sondern später auch den Ruhestand verbringen. Doch seit neun Monaten ist Michael tot, gestorben bei einem Verkehrsunfall. Als Corinna das erste Mal allein nach Maine reist, wird sie von ihren Erinnerungen eingeholt. Aber viel Zeit zum Trauern bleibt nicht, denn als sie im kalten Atlantik schwimmen gehen will, findet sie eine übel zugerichtete Leiche: Dem Mann wurde eine Hummerzange in die Augen gerammt. Corinna nimmt die Ermittlungen auf, zumal sie den Toten kannte: Es ist Norman Dunbar, und der hatte nicht wenig Feinde. Es könnte ebenso eine seiner Frauengeschichten sein, die ihm zum Verhängnis geworden ist, wie auch seine eher unrühmliche Rolle als Investor bei ominösen Geschäften auf der Insel. Oder besteht ein Zusammenhang zu der Initiative gegen die größte Lobsterfabrik auf Spruce Head Island? Als Fremde auf der Insel werden Corinna viele Steine in den Weg gelegt, aber sie lässt sich nicht beirren.

(Buchpräsentation Kampa Verlag)

Eine Hummerzange geht ins Auge

von Beat Mazenauer
Publiziert am 20.05.2019

Ermittlungsarbeit ist das eine, Spannung womöglich etwa anderes. Auf jeden Fall kümmert sich auch Hansjörg Schertenleib in seinem Roman Die Hummerzange nicht sonderlich um die Arbeit der Polizei. Während diese brav und anscheinend erfolglos Indizien und Spuren sortiert, legt er sein erzählerisches Augenmerk ganz auf die Protagonistin Corinna Holder. Sie ist eine ehemalige Kommissarin der Aargauer Kantonspolizei, die nach einem Vielfachmord – wie der krank geschriebene Ermittler bei Roger Graf – in eine Gemütskrise fiel. Schon früher hatte sie mit ihrem Mann Michael an der Ostküste der USA, im Bundesstaat Maine ein Haus erworben, in dem sie sich dauerhaft niederlassen wollten. Doch Michael verunfallte vor einigen Monaten tödlich, so lebt Corinna nun allein in dem Haus, umzingelt von Trauer und Erinnerungen an ihren Mann. Xanax-Pillen helfen ihr darüber hinweg.
Als sie beim Schwimmen einen grässlich zugerichteten Toten im Wasser entdeckt, reisst sie das ein wenig aus ihrer Lethargie, zumal Nachbarn und Bekannte mit involviert sind. Der Tote hat nebenan gewohnt, ein steinreicher Investor, mit dessen Frau Corinna bekannt ist. Natürlich geraten alle irgendwie in Verdacht, als Zeugen, als Täter oder als weiteres Opfer, wer kann das wissen.

Aus dieser privaten Konstellation entfaltet Hansjörg Schertenleib eine Kriminalgeschichte, die ganz an der Polizei vorbeiführt. Ein zwei Mal taucht ein Inspector auf, doch aus der Perspektive seiner Heldin verfolgt der Autor eine andere Spur. Dabei wird schnell deutlich, dass Corinna Holder sich Fragen zu stellen beginnt, doch ohne dass sie eine eigentliche Ermittlung führt. Sie horcht herum, hegt Vermutungen, spricht mit anderen über Verdachtsmomente. Der eigene Kampf gegen die Trauer und damit verbunden gegen die Einnahme von Xanax bleibt stärker.
Trotz Zurückhaltung bringt sie ihre Neugier aber in die Bredouille. Der Hausmeister des Toten macht sich mit irren Winkelzügen und Aussagen verdächtig. Unter unglücklichen Umständen ergibt sich eine private Kommunikation zwischen ihm und Corinna, die auch für die polizeiliche Untersuchung relevant sein könnte. Doch sie zögert, damit zur Polizei zu gehen – bis sie unvermittelt zu tief in der Sache mit drin steckt.

Dieser Plot behält im Roman eine dramatische Note und zugleich etwas Beiläufiges. Intensiver als um den Mordfall geht es dem Autor letztlich um die persönlichen Beziehungen zwischen den handelnden Figuren sowie um Corinnas Erinnerungen, deren Idealisierung allmählich auch Risse erhält. Sie und Michael hatten sich voneinander entfremdet, weil Corinna wegen ihrer beruflichen Krise ein Alkoholproblem hatte. Und ihr Mann, betrog er sie? Unter solchen Aspekten gerät der Krimiplot mehr und mehr in den Hintergrund, selbst da, wo er explizit verhandelt wird. Auch wenn sich eine mögliche Wendung am Ende abzeichnet, bleibt sie unausgesprochen. Hansjörg Schertenleib opfert die auflösende Rettung der Ordnung den persönlichen Gefühlen seiner Protagonistin.

Nicht zuletzt hierin manifestiert sich ein literarischer Anspruch, der den Plot nicht vollständig einer Spannungserzählung unterordnen will. Dies wird durch den literarischen Stil bestätigt, der die Figuren glaubhaft ins Licht rückt und die Region atmosphärisch stimmig beschreibt. Die hin und wieder etwas aufdringliche Detaillierung von Orten, Lokalitäten und Speisefolgen ist womöglich bereits ein Tribut ans Genre, denn im Untertitel verheisst «Ein Maine-Krimi» wohl weitere Fälle mit derselben Protagonistin.

Was Die Hummerzange mit Wolfgang Bortliks Kriminalroman verbindet ist die Figur der lädierten Ermittlerin, die sich neben dem verhandelten Fall mit privaten Problemen herumschlägt. Dies ist ein gängiger Topos. Die Polizeiarbeit verträgt sich offenbar nicht mit Ehe und Familienleben, Ermittler sind im Kriminalroman oft verlassene Menschen auf der Suche nach einem neuen Halt.

(«Und täglich ein neuer Toter». Fokus vom 20.05.2019)