Balg
Roman

Der Traum vom Familienidyll auf dem Land erweist sich für Antonia und Chris als trügerisch. Der Alltag mit Kind ist anstrengender als erwartet und zu den Gefühlen von Isolation und Überforderung gesellt sich eine zunehmende Entfremdung. Das Paar trennt sich und Antonia sorgt fortan alleine für Timon. Sie droht im tristen, von Armut geprägten Alltag unterzugehen und kümmert sich nur halbherzig um ihren Sohn. Timon wehrt sich immer verzweifelter gegen diese Vernachlässigung, doch niemand erkennt den Hilferuf; Timon wird nur noch stärker ausgegrenzt. Einzig der ehemalige Lehrer Valentin, der sich im Dorf, wie Timon, zugleich eingeengt und ausgeschlossen fühlt, findet Zugang zu dem Jungen. Zwischen den beiden wächst ein fragiles Vertrauen, das von den Dorfbewohnern misstrauisch beäugt wird.
In einem kunstvollen Spiel der Perspektiven beleuchtet Tabea Steiner eindrücklich die schleichende Eskalation zwischen Timon und Antonia sowie die zögerliche Annäherung zwischen Valentin und Timon. In kurzen Szenen werden subtile Entwicklungsschritte präzise eingefangen. Jedes gesagte Wort, jede Geste zählt und das Ungesagte wiegt schwer.

(Buchpräsentation Edition Bücherlese)

Wie ein Balg entsteht

von Felix Schneider
Publiziert am 13.05.2019

Wenn Timon, der «Balg» in Tabea Steiners gleichnamigem Roman, im Kindergarten die Kissen aufschlitzt, wird er natürlich bestraft. Natürlich? Timon holt weisse Wolle aus den Kissen heraus und sagt, er befreie Schafe. Eine sonderbare Äusserung, ein Hinweis, dem niemand nachgeht, weil niemand dafür genug Zeit und Aufmerksamkeit hat. Würde die Äusserung des Kindes ernst genommen, käme heraus, dass Timo ein Schockerlebnis verarbeitet. Er hat Tags zuvor den Tod eines Mutterschafs und die Hilflosigkeit der verlassenen Lämmer erlebt.

So werden einem Kind nicht aus Bosheit, sondern «nur» aus Unachtsamkeit die ersten Verletzungen zugefügt. Und wenn die Umstände, in die es gerät, unglücklich genug sind, dann entsteht eben ein «Balg». Timons Verhältnis zur Mutter eskaliert, bis sich die beiden nur noch Befehle und Verweigerungsformeln um die Ohren schlagen. Das endet schliesslich in Hass und Verstossung von Seiten der Mutter, in Trotz und Igelstellung von Seiten des halbwüchsigen Sohnes, der bald abhaut, sich versteckt und im Internat landet – wo der Roman ziemlich abrupt abbricht. Hilfe und Verständnis erfährt Timon von einem alten Mann, dem Pöstler und ehemaligen Lehrer des Dorfes, in dem die Geschichte spielt. Der alte Valentin ist der einzige, der Timon genau beobachtet und ihn wahrnimmt, ohne ihn ständig erziehen zu wollen.

Nun ist der Werdegang eines schwierigen Kindes als Erzählstoff an sich weder neu noch überraschend, und doch hat die 38-jährige Tabea Steiner, die bisher als Literaturvermittlerin bekannt wurde, hier einen spannenden und aufschlussreichen Roman geschrieben – ein ganz und gar erfreuliches und erstaunliches Debut.

Erfreulich schon, dass ich als Leser so viel merken darf. Steiner erzählt kurze Episoden ausschliesslich aus den verschiedenen, schnell wechselnden Perspektiven der Hauptfiguren. Das bedeutet, dass ich in der Rolle des Zuhörers bin, der das Gesagte interpretieren, ergänzen, zurechtrücken und mit den Aussagen der anderen Figuren vergleichen muss. Der einsame Valentin sagt nicht: Ich liebe diesen Jungen. Er ist ja ein Mann. Aber er schafft sich Hasen an, weil er den Jungen anlocken will (was er nie zugeben würde) und weil er selbst Tiere braucht (was er noch weniger zugeben würde).

Böses ohne Bösewichte

Aufschlussreich ist der Roman, weil keine der Figuren böse ist, obwohl sie Böses tun. Die Hauptfiguren sind widersprüchlich und bleiben unberechenbar. Sie verstehen sich oft selber nicht, sie handeln manchmal, wie sie eigentlich gar nicht handeln wollen, und sind oft gar nicht gut zu sich selbst. Antonia, die ihrem Sohn Timon, wie dieser selbst sagt, «alles kaputt macht», ist kein Monster. Sie ist als allein erziehende berufstätige Mutter überfordert und leidet an uneingestandenen Gefühlen des Versagens und der Zurücksetzung. Ihre Jugendfreundin macht Karriere, während sie mit Geldsorgen kämpft. Oft erschrickt sie über sich und ihr Verhalten, hat Selbstzweifel und Momente der Einsicht, und manövriert sich doch in immer ausweglosere Situationen. Die Schwierigkeiten, die der Balg den Erwachsenen bereitet, sind eigentlich nichts anderes als Reaktionen des Kindes auf die Schwierigkeiten der Erwachsenen miteinander.

Timon ist Bettnässer, Tierquäler, Prügler, phantasievoller Bösewicht, Sorgenkind, Dieb, Jähzorniger – ja, er ist nicht harmlos – aber Timon ist auch Verletzter, verängstigter Albträumer, verstossener Einsamer, Sehnsüchtiger, Bedürftiger, Unverstandener, Selbsthasser, Betrogener, Sensibler.

Die Kraft der Details

Die kurzen, rasch aufeinanderfolgenden Episoden sind alle im Präsens geschrieben, und Tabea Steiner lässt die Details sprechen. Sie liefert Nah- und Grossaufnahmen. Das setzt Einfühlungsvermögen und solide Personen- und Milieukenntnisse voraus. Wie das Kind versucht, immer beide Füsse nach vorne zu stellen, damit man seine neuen Schuhe sieht. Wie der Junge am Boden hockt, die Knie anzieht, den Hasen umklammert und furchtsam-trotzige Blicke sendet. Wie Timon einmal die Hand des alten Mannes hält und sie sofort loslässt, weil er sich der zärtlichen Geste bewusst wird. Wie die Schulleiterin verlangt: «Schau mir wenigstens in die Augen» – dieser Roman lebt von einer stupenden Fülle exakter, charakteristischer Kleinigkeiten, und gerade dadurch bietet er ein kritisches Bild der Familie und der Dorfgemeinschaft.

Was da alles weggelächelt wird! Die eigenen Frustrationen, Aggressionen und Unzufriedenheiten werden immer und immer wieder unter höflichen Freundlichkeiten begraben, auch und gerade in den Familien. Aus Bequemlichkeit wird verdrängt, verleugnet und gelogen. Viel wird geredet im Dorf, aber «davon» wird kaum geredet: Vom Unangenehmen, von den eigenen Fehlern, von den Leichen im Keller. Einige Dorfbewohner sprechen seit Jahren gar nicht mehr miteinander. Und falls gelegentlich wesentliche Gespräche entstehen, werden sie oft zerstört durch Ausweichen ins Banale. Was aber gesagt wird und was nicht gesagt wird – beides hat Folgen in dieser engen Gemeinschaft. Tabea Steiner kennt das Dorfleben sehr genau. Ihre Figuren leben im Dilemma zwischen Vereinsamung oder Integration in eine ziemlich selbstgerechte, oft repressive Gemeinschaft. Allerdings gibt es in demselben Dorf auch eine Alternativwelt mit klugen Kindern, weisen Bauern – und heilbringenden Tieren. Ja, Tiere sind, gerade für schwierige Kinder, eine Quelle der Genesung. Das erlebt auch Timon.

Die Autorin könnte ihren Figuren und ihrer Figurenführung noch viel mehr vertrauen, als sie es in ihrem Erstling tut. Unnötig, dass sie zur Steigerung der Spannung allzu oft ein altes Dorf-Tabu, vermutlich ein Missbrauchsfall, erwähnt: ein Geheimnis, das dann doch nie ganz aufgeklärt wird. Unnötig ist eine Überzeichnung fast ins Groteske, dass nämlich Timons Mutter das neue Fahrrad ihres Sohnes, ein Geschenk seines Vaters, stiehlt und verkauft, um sich einen schicken Mantel leisten zu können, den Timon dann aus Rache mit einer Schere zerschneidet. Die Lebendigkeit ihrer Figuren bedarf dieser Krücken nicht, denn mit diesem Roman hat eine klarsichtige und sprachmächtige Autorin die Schweizer Bühne betreten.

Kurzkritik

Die Literaturvermittlerin Tabea Steiner schildert in ihrem ersten Roman den Werdegang eines schwierigen Kindes im dörflichen Milieu. Sie reiht kurze, detailreiche Episoden aneinander, die alle im Präsens gehalten und aus den strikt subjektiven Perspektiven der Hauptfiguren erzählt sind. Mit kenntnisreicher Einfühlungsgabe zeigt sie, wie der junge Tunichtgut in immer unlösbarere Konflikte verstrickt wird, obwohl ihm eigentlich niemand Böses will. Wirklich als Mensch wahrgenommen wird er allerdings nur von einem alten Mann, der ihn vor dem endgültigen Absturz bewahrt. (Felix Schneider in Viceversa 14, 2020)