mn ltztr krnz ei ee a
Sonettenkranz, Sonder-Edition

«Was also haben wir hier? Eine Übersetzung oder Übersetzungen eines Sonettenkranzes? Ein Stück Typewriter Art, in dem eine Beziehung der Ähnlichkeit im Sinne der Repräsentation doch noch gegeben ist, weil da ein Original ‚gemeint‘, zitiert ist? Oder haben wir es mit einer Ähnlichkeit zu tun, die eine entsprechende unterordnende Beziehung zu einem Ausgangspunkt verneint und stattdessen die Ähnlichkeiten vermehrt? Oder anders gefragt: Lese ich Konsonanten und Vokale als Zeichen eines zu rekonstruierenden Textes oder sehe ich sie als vokal- und konsonantenähnliche Erscheinungen? […] Aufgrund von Materialeigenschaften des Drucks ergeben sich mir Fragen an einen eigentlichen Text, komme ich zu Konjekturen, stelle ich Vermutungen mit Blick auf die sprach­liche Zeichenhaftigkeit an; aufgrund des geisterhaften Hintergrundtextes, des Ursonettenkranzes von 2007 sozusagen, gelange ich zur Einsicht der Andersartigkeit, der Eigenständigkeit, vielleicht der Unabhängigkeit der buchstabenähnlich bedruckten Papiere, die mir vorliegen.» (Stefan Humbel)

(Buchpräsentation edition taberna kritika)

Rezension

von Beat Mazenauer
Publiziert am 25.04.2019

Aus: Fokus «Sprache als Spiel [mit Tiefsinn]» in www.viceversaliteratur.ch, 13.8.2019)

Auf eine andere literarische Tradition bezieht sich Hartmut Abendschein in seiner lyrischen Überschreibung: mn ltztr krnz ei ee a. Er erinnert zum einen an eine barocke Tradition, zum anderen an die Regelpoesie etwa der französischen Oulipo. Um dieses Experiment präziser zu durchschauen – wie es notabene das nicht minder schräge Nachwort von Stefan Humbel auf seinerseits eigensinnige Weise versucht – müssen die einzelnen Stufen kurz auseinandergedröselt werden.
«Mein letzter Kranz» heisst ein Gedicht von Hartmut Abendschein, das er 2007 in der Tradition des Sonettenkranzes verfasst hat: einem Zyklus von 14 Sonetten, deren je letzte Zeile jeweils das nächste Sonett einleitet und dem ein 15. Sonett nachfolgt, das aus den 14 Anfangszeilen besteht, einem Index oder Inhaltsverzeichnis ähnlich. Die strenge Regel bestimmt somit über die lyrische Form.
Hartmut Abendschein hat diesen Kranz nun zweifach überschrieben und abgewandelt, indem er ihn als Wortbild und im Wortlaut inszeniert. Dafür hat er ihn doppelt mit einer Olivetti Lettera 22 aus dem Jahr 1955 (wie das Nachwort weiss) abgeschrieben – wobei abgeschrieben ist zu einfach ist: Er hat zugleich die Konsonanten von den Vokalen getrennt und sie im ersten Fall jeweils untereinander angeordnet, im zweiten Fall hintereinander zu einer Langzeile mit den Konsonanten (in Schwarz, hier recte) und nachfolgend den Vokalen (in Rot, hier kursiv). Daraus ergibt sich ein charakteristisches typographisches Wortbild – das alle Zeichen vollständig enthält und das ursprüngliche Sonett zugleich radikal verfremdet. «mein letzter kranz» wird zu:

mn ltztr krnz
ei ee a
oder
mn ltztr krnz ei ee a

Die Sonette, die in sich schon raffiniert gebaut sind und je eine thematische Unterzeile enthalten, werden auf diese Weise bildhaft inszeniert, dass der Zugang dazu bewusst behindert wird. Die Lesbarkeit steht so logischerweise nicht mehr im Zentrum, sondern die visuelle und lautliche Potenz des Geschriebenen. Die Aufteilung in Konsonanten und Vokale verleiht dem Sonett eine neue Qualität, indem es sich zeilenweise auftrennt in, sagen wir, einen klackend gutturalen in sich gekehrten Introvers und einen lauthals performativen Extravers:

zrstrt n nr vlzhl mglchr bnhmn
eeu i eie iea öie eee
brst d stts dn ngl n gstlt
eeu u e e ae a ea

Die Regel bestimmt über die Form und übt so einen Zwang aus, der gemäss Georges Perec allerdings die Imagination auch befreien kann. So gesehen steckt in poetischen Experimenten wie diesem auch ein Aspekt der Befreiung von ebendiesen Normen und Regeln. Sie zu lesen ist – in homöopathischer Dosierung – sehr stimulierend.