Allein oder mit anderen
Roman

Für einige Monate ist Annabelle nach Kopenhagen gereist und probt dort ein anderes Leben. Sie besucht einen Englischkurs, wo sie die junge Berlinerin Rose kennenlernt. Daneben schreibt sie Briefe, an ihre Schwester Alice, die den Sohn verloren hat, an ihren norwegischen Freund Ólafur und an ihre drei erwachsenen Töchter. Besonders um Cora, die Jüngste, die noch nicht Fuß gefasst hat im Leben, drehen sich Annabelles Gedanken oft. Zur Ruhe kommt sie nur, wenn sie ihr Material am langen Tisch in der Gastwohnung ausbreitet und sich in ihre Collagen vertieft. Schneidend und zusammenfügend, verschiebend, schichtend und klebend kommt sie allmählich dem eigenen Familiengefüge auf die Spur. Dabei hilft ihr ausgerechnet die freakige Rose, die schonungslos die richtigen Fragen stellt.
Theres Roth-Hunkeler zeichnet das Porträt einer Familie, in der sich Rollen verschieben und Besetzungen ändern. Ist diese Familie defekt, lässt sie sich reparieren oder ist sie schlicht normal?

(Buchpräsentation Edition Bücherlese)

Rezension

von Tamara Schuler
Publiziert am 28.10.2019

Eine Frau nimmt sich Zeit für sich, zieht nordwärts, widmet sich der englischen Sprache, dem Geliebten und ihrem liebsten Zeitvertreib: Mit Zeitungsausschnitten, Stoffen, Federn, Farben und allem, was so auf der Strasse zu finden ist, collagiert Annabelle wundersam-skurrile Bilder, die Bände sprechen. Theres Roth-Hunkeler erzählt in Allein oder mit andern die Geschichte einer Frau, die einen Blick auf die Collage ihres Lebens wirft und versucht, die Einzelteile dahinter sichtbar zu machen.

Annabelle hat drei erwachsene Töchter, zwei davon stehen stabil auf eigenen Beinen, die dritte, das Sorgenkind Cora, lebt in Berlin und will gerade keinen Kontakt zur Mutter. Annabelle hat einen Ex-Mann, der Vater ihrer Kinder, mit dem sie doch einigermassen friedlich auskommt. Annabelle hat einen neuen Partner, Ólafur, mit dem sie eine sehr innige, sehr ehrliche Nähe lebt. Und Annabelle hat eine Schwester, deren Sohn vor kurzem an einer schweren Krankheit starb. Soweit Familie und Bezugspersonen. Annabelle wohnt nun also für einige Monate in der dänischen Stadt Kopenhagen, besucht einen Englischkurs und freundet sich dort nach und nach mit der deutschen Mitschülerin Rose an. Das alles mag sehr normal, wenn nicht belanglos klingen, wäre da nicht Theres Roth-Hunkelers Erzählstil: In ruhigen, klingenden Sätzen erfahren wir, was Annabelle nachts wachhält, denn, so sagt sie einmal: «Die Nacht ist ein Koffer, in dem wir unsere Angelegenheiten aufbewahren können.»

Nordisch-stilvoll und mit einem sicheren Gespür für Worte und Bilder zeichnet Roth-Hunkeler die Figur der Annabelle, die nicht viel braucht, nur das Richtige; eine schöne Flechte, eine Tasse Kaffee, und einmal auch ein gestohlenes Paar roter Lederhandschuhe. Ihr Aufenthalt im Norden soll auch ein Versuch sein, wie es wäre, in Ólafurs Nähe zu ziehen, herauszufinden, wie diese nordischen Herbsttage, geprägt von Stille und Dunkelheit, so sind. Das Helle und das Dunkle: Schnell wird klar, dass natürlich beides existiert in Annabelles Leben; der Tod ihres Neffen hat sie schwer getroffen, die emotionale Instabilität ihrer Tochter Cora noch schwerer. Lange Zeit bleiben ihre Gedanken zu Cora nüchtern, beinahe lakonisch. Annabelle lebt ihre Tage gelassen und ist sich doch sehr bewusst darüber, was das so an die Oberfläche steigt aus ihrem Innern. Als im Englischkurs die Vergangenheitsform des past continuous durchgenommen wird, sinniert sie diesem Begriff nach:

Past continuous. Erlebnisse tauchen ungefragt auf und tragen mich zurück, in meine Vorzeit, Vorgegenwart, Vorvergangenheit, tragen mich an Orte, wo ich jetzt nicht bin, zu Menschen, die jetzt nicht da sind oder für immer entschwunden, Zeit schwemmt Zeit an, Jahreszeiten, Wetter, alle meine Jahre, sie dehnt sich, bläht sich auf, bald wird sie platzen, ich sitze am kleinen Küchentisch in Kopenhagen und streiche mir ein Butterbrot.

Als es Cora schlechter geht verliert Annabelle ihre Gelassenheit; verzweifelt versucht sie, ihrer Tochter in irgendeiner Form zu helfen. Theres Roth-Hunkeler zeichnet ein unverstelltes, realistisches Mutterbild: Von Anfang an ist klar, dass Annabelle nicht nur Mutter ist, dass sie ihre Kinder ab und an völlig ausblendet und sich selbst genügt. Ebenso glaubwürdig wird Annabelles bedingungslose Liebe zu ihren Kindern geschildert. Man merkt, dass auch bei Annabelle jener schmerzhafte Ablösungsprozess stattfindet, der sonst oftmals aus der Sicht der Kinder erzählt wird. Als Tochter macht man sich das selten bewusst, wie sehr man das Leben der Eltern beeinflusst, auch dann noch, wenn man schon längst meint, eigene Wege zu gehen.

Es ist ein anregendes Vergnügen, Annabelle dabei zu zuschauen, wie sie all die Rollen meistert, die ihr das Leben zugeteilt hat: Mutter, Ex-Frau, Geliebte, Schwester, Schülerin, Künstlerin und Lehrerin – das sind Annabelles Schnipsel, ihre Zeitungsausschnitte, Flechten und Federn, die sie immer wieder anders arrangiert auf der Leinwand ihres Lebens, eine fluide Collage, die immer neue Kunstwerke zutage fördert. Man darf vermuten, dass sich Theres Roth-Hunkeler, Jahrgang 1953, gedanklich nah bei Annabelle fühlt. Die relativierenden Aussagen der dreissigjährigen Rose in Bezug auf Coras Selbstmedikation hätten noch etwas differenzierter ausfallen können. Doch dies verzeiht man diesem Buch nur zu gerne, genauso wie man auch gerne über die eine oder andere Länge hinwegsieht. Denn Allein oder mit andern ist dank Theres Roth-Hunkelers klangvoller, einfühlsamen Erzählweise eine ergreifende Geschichte, in die man mühelos versinkt. Taucht man schliesslich am Ende des Buches wieder auf, dann wünscht man sich die Gelassenheit und Akzeptanz in Bezug auf einen selbst, die Annabelle verkörpert – und hofft, dass sich diese mit fortschreitendem Alter einstellen wird.

Kurzkritik

Eine Frau nimmt sich Zeit für sich, zieht nordwärts, widmet sich der englischen Sprache, dem Geliebten und ihrem liebsten Zeitvertreib: dem Collagieren. Nordisch-stilvoll und mit einem untrüglichen Gespür für Worte und Bilder zeichnet Roth-Hunkeler die Figur der Annabelle, die nicht viel braucht, nur das Richtige: eine schöne Flechte, eine Tasse Kaffee, ein gestohlenes Paar roter Lederhandschuhe. Allein oder mit andern ist dank Roth-Hunkelers klangvoller, einfühlsamer Erzählweise eine ergreifende Geschichte, in die man mühelos eintaucht. (Tamara Schuler in Viceversa 14, 2020)