Kein Schnee in Venedig

«Ein Tag in Venedig. La Serenissima erleben, bevor sie untergeht. Und aufpassen, dass man selbst nicht den Kopf verliert: beim Flirt mit dem Schriftsteller, beim Betrachten der Judith, im Gewitter, das Hagelkörner ins Haar zaubert. Hagel, der japanischen Augen wie Schnee vorkommt.
Sieben Menschen, sieben Momentaufnahmen der Stadt. Darunter die deutsche Journalistin Julia, die über die Architekturbiennale schreiben soll und vor allem ihre Hassliebe zu Venedig erneuert. Oder Marco, der Kustode von San Zaccaria. Er sorgt für seine erblindete Mutter und macht sich keine Illusionen mehr: »Venedig sei die Stadt der Wunder, heißt es, aber die Wunder geschehen offenbar anderswo.«
Zum Glück gibt es die Kunst und das Essen! Hier sind Wunder in Venedig die Regel. Das weiß auch Eisverkäuferin Francesca, die ihre Eissorten Heiligen widmet und die Faszination für perfekte Komposition und Farbgebung beim Besuch der Scuola Grande di San Marco endlich mit ihrem Lieblingskunden teilen kann.
Sonja Sophie Kreis gelingt mit Kein Schnee in Venedig ein wunderbares Kunststück: Sie führt uns neun Stunden lang durch Venedig, erklärt uns Meisterwerke, lässt uns in Kochtöpfe und Schicksale blicken. Doch wenn wir am Ende des Tages im Hotel Metropole an einem Bellini nippen, sind wir kein bisschen erschöpft, sondern – erquickt!»

(Thomas Heimgartner, Buchpräsentation pudelundpinscher)

Venedig an den Rändern

von Beat Mazenauer
Publiziert am 22.07.2019

Jährlich wächst die Venedig-Literatur um einige neue Titel an. Die Stadt mag – scheinbar – längst literarisch kartographiert sein, offenkundig schreckt es nicht davon ab, die Liste weiter zu verlängern. Erstaunlicherweise finden sich unter diesen Neuerscheinungen immer wieder auch Bücher, die originelle Zugänge zur Lagunenstadt finden.

Einen solchen öffnet uns die Künstlerin und Autorin Sonja Sophie Kreis in ihrer Erzählung Kein Schnee in Venedig. Sie begleitet sechs Frauen und einen Mann mit protokollarischer Genauigkeit durch einen heiss-schwülen Sommersamstag. Zwischen 9 und 18 Uhr erlebt an diesem ereignislosen Tag jede von ihnen eine kleine Geschichte, die leise Erschütterungen oder zarte Glücksgefühle beinhalten. Auf ihren Wegen durch Venedig kreuzen sie sich mal unerkannt im Vorübergehen, mal kommen sie beiläufig in Kontakt, ohne dass sie einander als Teil derselben Erzählung erkennen würden.

Jede von ihnen hat drei bis fünf Auftritte, die sie einmal vor eine der venezianischen Bildikonen führen. Während die Kunstjournalistin Julia wie gebannt vor Vicenzo Catenas «Judith» innehält, und die ehemalige Fremdenführerin Francesca noch immer von Alessandro Varotaris «Hochzeit zu Kana» in der Scuola Grande di San Marco schwärmt, findet die 15-jährige Mary-Belle, die Kopfhörer übergestülpt, Carpaccios «Heiligen Georg als Drachentöter» nur irgendwie schrecklich und gewalttätig, derweil Maria bei der Putzarbeit im Palazzo Grimani eher zufällig vor Giorgones «Nuda» telefoniert.

Sonja Sophie Kreis baut so eine Erzählanlage auf, in der sich aus den vielen Einzelteilen örtlich und zeitlich genau strukturiert ein reizvolles Ganzes ergibt, das gleichwohl keine straffe übergreifende Dramaturgie anstrebt. Die einzelnen Figuren gehen je ihren eigenen kleinen Schicksalen nach. Ein Stadtplan auf der Innenseite des Umschlags gibt Aufschluss über die Topographie Venedigs und über die Standorte der einzelnen Gemälde.

Dieses Setting ist nicht frei von Klischees, die in Venedig allenthalben lauern, doch geht die Autorin damit mit spielerischem Witz um. Sie porträtiert die Stadt von der Rückseite her als eine «vergammelte Kulisse» in den Augen der Einheimischen Graziella, oder als ein «grosses Missverständnis», als welches Mary-Belle den Urlaub mit ihrer Mutter hier bezeichnet. Der Ansturm der Touristen ist eine üble Begleiterscheinung Venedigs, repräsentiert durch eine japanische Game-Entwicklerin, die gleich zu Beginn in den Kanal kotzt und sich nachher in der Stadt verirrt. Die anderen Figuren sind teils Besucher wie Julia, oder Einheimische wie Marco, dessen Beziehung zu Venedig vor allem durch seine Mutter definiert wird, die er täglich zu Mittag bekochen muss.

Das Leben dieser Einheimischen spielt sich fernab der mondänen Hotels ab, an den überteuerten wie übervölkerten Restaurants gehen sie bloss stumm vorüber. Einzig an der Schwüle und dem Gestank als Begleiterscheinung des Touristenbooms kommen auch sie nicht vorbei. Als Julia am Schluss von einem einheimischen Museumswärter in eine Bar eingeladen wird, bricht die Erzählung eilig ab. Die Bar muss – nicht zum Weitersagen! – den Venezianern vorbehalten bleiben.

Das ist eines der Details, mit welchen diese Venedig-Erzählung überzeugt. Die kurzen kunstgeschichtlichen Exkurse sind immer ganz natürlich auf die entsprechenden Personen bezogen und von deren Interesse für Motiv und Darstellung geleitet. Maria versucht sich vor der «Nuda» dafür zu rechtfertigen, dass sie eine Brustvergrösserung machen will. Und Marco hat sich unendlich in die heilige Lucia in Bellinis «Sacra Conversazione« verliebt, gewissermassen als Gegenpol zur mütterlichen Fürsorge. Umso stärker regt er sich über die Respektlosigkeit der Besucher in der von ihm beaufsichtigen Kirche auf. So haben alle Figuren ihr Bild, in dem sie etwas von sich wiederkennen, ohne dass sie durch das Gemälde erlöst würden.

Sonja Sophie Kreis verbindet ihre Geschichten ebenso luftig wie dichtmaschig miteinander. Auf diese Weise gelingt es ihr, eine Vielzahl von venezianischen Themen anzusprechen. Das ist schlau und gut gemacht. Leitmotivisch setzt die Autorin immer wieder Farben ein: auf den Bildern, an den Häusern, in der Luft; oder Gerüche, die allgegenwärtig sind; und vor allem auch Speisen, die zur einheimischen Küche zählen. Ihre Beobachtungen des städtischen Treibens verschieben die Aufmerksamkeit an die Ränder oder die Rückseiten dessen, was man von Venedig gemeinhin kennt.

«Kein Schnee in Venedig» – am späten Abend bringt ein Gewittersturm Hagel, nur die Japanerin hält es für Schnee – ist ein reizendes Buch, das eine reichlich abgegriffene Topographie auf überraschend frische Weise literarisch bespielt.