Böse Delphine
Roman

Halina studiert Geschichte und arbeitet im Buchkiosk am Zürcher Flughafen. Im Transitbereich beobachtet sie die Schikanen der Vorgesetzten und die Solidarität unter Angestellten. Mit Freunden aus der Akademikerwelt besucht sie Konzerte, Partys und Vernissagen. Doch nirgends fühlt sie sich ganz zugehörig, überall entdeckt sie Absurditäten im scheinbar Normalen. Und auch in der Liebe läuft so einiges aus dem Ruder, dabei fängt es so gut an mit Elias, dem charmanten Archäologen und perfekten Schwiegersohn.
Julia Kohlis quirlige Milieusatire geht quer durch die Gesellschaft. Leichtfüssig vermittelt sie das Lebensgefühl einer Generation zwischen Coolness und Verlorenheit, zwischen Ironie und Intimität.

(Buchpräsentation Lenos Verlag)

Schläfrige Gestalten in der Metropolis

von Beat Mazenauer
Publiziert am 25.04.2019

Delphine sind familientaugliche, liebe Tiere, lächelnde Retter in der Wassernot. Doch wehe, wenn sie die gute Laune verlieren! Zumindest in nächtlichen Tsunamiträumen können «Pappdelphine» einem schon mal einen schönen Schrecken einjagen. Halina kennt das und hat deshalb einen heiligen Respekt vor ihrem heimtückischen Glotzen und Grinsen. Ob das aber wirklich an den Delphinen liegt?

Halina studiert Geschichte und schreibt an einer Arbeit über den russischen Prinzen Urussow, der 1903 als Gouverneur von Bessarabien den brutalen Judenpogromen Einhalt zu gebieten versuchte. In seinen Memoiren klagte er die Mitschuld von Polizei und Verwaltung an. Aber weshalb wollte er gegen alle Widerstände Gutes bewirken, fragt sich Halina. Auf dem Tisch zuhause liegt auch ein altes Buch ihres Grossvaters, der die Nazizeit in Polen überlebte. Vielleicht findet sie darin eine Antwort.

Der Lebensmut der beiden könnte ein Vorbild sein – aber so einfach ist das nicht. Die Zeiten sind friedlicher geworden, und besser, und immer ist alles möglich, oder auch nichts. Halina jobbt in einem Buchkiosk am Flughafen und bedient hektische Kunden auf ihrem Weg in die Ferien. Wenn aber Flaute herrscht, schaut sie sich ihre Zeitgenossen etwas genauer an. Ihre Beobachtungen sind gezeichnet von einer scharfen Komik, die nicht darüber hinwegtäuscht, dass sie sich dabei selbst mit beobachtet. Sie fühlt sich frech und frei, und zugleich: «Das Gefühl, jetzt glücklich sein zu müssen, bedrückte mich jedoch.»

In diesem Widerstreit der Gefühle bewegt sich Halina durch den Alltag. Ihr schonungsloser Blick ist auch ein Selbstschutz. Beobachtend ist sie ganz gegenwärtig, zugleich kann sie sich so aus den Zumutungen ihrer Umwelt heraushalten. Vor allem ihre Freundin Nada versucht sie immer wieder an Partys, Konzerte oder künstlerische Interventionen zu schleppen. Halina sagt zu, doch meist langweilt sie sich schnell ob einer selbstgefälligen Szene und deren lächerlichen Ritualen. Die Kunstszene zelebriert ihre seltsamen Performances, und die Jeunesse dorée in den Villen am See verbreitet eine fiebrige Aufgeregtheit, vor der die Eigenbrötlerin Halina jeweils schnell wieder Reissaus nimmt.

Aber sie weiss, dass auch sie zu jenen schläfrigen Figuren in der Metropolis gehört, deren Jagd nach Glück und Liebe oft nur lächerlich wirkt. Deshalb bleibt sie lieber zuhause und schaut sich Dokumentarfilme an, die auch nur lächerlich inszeniert sind – wie jener über eine abenteuerlustige Familie Hügli, die sich den Traum einer Maultiertour durch die australische Wüste erfüllt und laufend per soziale Medien dokumentiert – als ob das Abenteuer erst dadurch Sinn erhielte. Ja, wie könnte denn eine aufregende helvetische Vorstadt-Biographie aussehen, die der des Prinzen Urussow oder ihres Grossvaters gleich käme? Die Antwort, die Halina gibt, ist von einer wunderbaren realen Komik. Sie überzeichnet aufs Schrägste und trifft doch einen realen Kern.

Sei ja kein Bünzli, ruft sich Halina innerlich immer wieder zu. Deshalb verzichtet sie auf Vorhänge, denn Vorhänge sind der Anfang des kleinbürgerlichen Verhängnisses. Besonders brisant wird es, wenn sich die Beziehungsfrage stellt. Wenn sie an Elias denkt, dann sträuben sich die Härchen auf ihrem Arm. Doch sind sie zusammen, wirkt die Aufregung übertrieben. Sie schafft es selbst im hektischen Liebesgefummel nicht, die sich vergrössernden Risse an der Decke zu übersehen.

Julia Kohli erzählt Halinas Beobachtungen mit spürbarer Lust, sie übertreibt dabei und liegt dennoch mit ihrer Satire nie ganz daneben. Ihre Komik funktioniert aus drei Gründen. Sie schreibt souverän und pointiert und oft wirklich komisch, weil ihr Witz vortrefflich eine blasierte Realität blosslegt und messescharf zuspitzt. Die Erzählerin nimmt sich selbst von dieser Komik nicht aus, auch wenn sie die ärgsten Zumutungen, so gut es geht, flieht. Ihre Beziehungsunfähigkeit – sie würde sie selbst nicht verneinen – ist nicht frei von skurrilen Zwangshandlungen, die hinter der Lächerlichkeit einen melancholischen Daseinskern freilegen. Wie glücklich werden in einer Welt, in der alle alles im Überfluss haben, nur das nicht, was sie sich insgeheim erträumen? An diesem Punkt kommt schliesslich das verstaubte Buch des Grossvaters ins Spiel, das wie die Memoiren des Prinzen Urussow eine Gegenwelt aufzeigt.
Der Grossvater hatte sich, als er in Warschau einmal mit belastendem Material unterwegs war, förmlich aus einer Gestapo-Kontrolle herausgesungen. Das war komisch, aber zugleich gefährlich. Deshalb sind seine Geschichten für Halina «mit einem leuchtenden Wunderfaden durchwebt». Allein die Zeiten sind heute andere.

Kurzkritik

Halina studiert Geschichte und jobbt in einem Buchkiosk am Flughafen. Während andere wegfliegen, bleibt sie am Boden und beobachtet den hektischen Betrieb um sie herum. Halina hat einen «frechen» Blick, der die lächerliche Komik in ihrer Umwelt blosslegt. Sie behält diesen Blick auch in ihrem privaten Alltag bei. Julia Kohlis Debütroman zeugt von einer spielerischen Lust an der satirischen Beobachtung. Indem sie das Tun der Menschen genau aufs Korn nimmt, blickt sie ins Herz einer Epoche, in der alles möglich ist, weil alles beliebig geworden ist. Für ihr Buch Böse Delphine hat Julia Kohli den Studer/Ganz-Preis 2018 erhalten (zur Laudatio). (Beat Mazenauer in Viceversa 14, 2020)