Tage wie Hunde

«Und worauf warte ich jetzt?» – Ruth Schweikert erzählt in ihrem neuen, sehr persönlichen Buch von der eigenen Brustkrebserkrankung
Am 9. Februar 2016, einem Dienstag, erhält Ruth Schweikert die Diagnose, dass sie an einer besonders aggressiven Form von Brustkrebs erkrankt ist. Aus Ahnung und Angst wird Wirklichkeit. Was aber ist das für eine Wirklichkeit? In welchen Käfig aus Vorstellungen und Gedanken, aus Technik und Terminen gerät jemand, der Krebs hat? Was passiert mit dem eigenen Körper? Was glaube ich zu wissen über Krebs? Und worauf warte ich eigentlich, wenn ich wieder einmal warte: nachts schlaflos im Bett oder in einem der vielen Wartezimmer, vor dem nächsten «Befund»?
Nichts ist gewiss in Ruth Schweikerts neuem Buch, das radikal genau von der Wirklichkeit der eigenen Krankheit zu erzählen versucht. Es geht dabei um schlaflose Nächte, um Spritzen und Katheter. Es geht aber auch um das eigene Schreiben und Lesen und die wunderbare Möglichkeit der SMS. Tage wie Hunde ist ein hellwaches, schonungsloses Buch über Einsamkeit und Scham, Krankheit und Tod. Und zugleich ein heiteres, ermutigendes Buch über Freundschaft und Liebe und die befreiende Kraft der Literatur.

(Buchpräsentation S. Fischer Verlag)

Im Hallraum des Krebses

von Felix Schneider
Publiziert am 10.04.2019

Ein unerhörter Zufall wollte es, dass anno 2016 die krebskranke Autorin Ruth Schweikert in der Bibliothek einer Tessiner Klinik ein Buch von Walter Matthias Diggelmann (1927 – 1979) auslieh und in diesem Buch einen Brief fand, den der krebskranke Diggelmann wenige Wochen vor seinem Tode mit grosser Mühe von Hand geschrieben hatte. Schweikert druckt dieses berührende Dokument in ihrem Buch Tage wie Hunde ab.

Und das Verrückteste an diesem Zufallsfund ist, dass er wie eine Belohnung zum literarischen Verfahren von Schweikerts Krebs-Buch passt. Die Autorin erzählt weder direkt und psychologisierend noch ausführlich oder zusammenhängend von ihrem Leiden, ihrer Krankheit und ihrem Patientendasein. Sie macht etwas anderes: Sie zitiert, sammelt, dokumentiert, beobachtet.

Ein völlig anderes «Krebs-Buch»

Sie dokumentiert – im Wortlaut, mit allen Tippfehlern – die auf ihre Krankheit bezogenen Emails von Bekannten, Freundinnen und von sich selbst. Sie zitiert treffende (sie getroffen habende) Gedankensplitter über Leben und Tod von Denkerinnen und Schriftstellern, von Gerhard Meier, Susan Sonntag und vielen, vielen anderen. Sie sammelt Überlebens- und Sterbenserzählungen von Freundinnen, Bekannten, ihrem Vater u.a. Sie dokumentiert die Sprachen und Sprechweisen von allen, die mit Schwerkranken zu tun haben: Ärzte, Pharmaindustrie, Schul- und Alternativmedizin, Scharlatane, Trost- und Hoffnungsspender aller Art. Sie beobachtet andere Patientinnen, ihre Angehörigen und sich selbst im Umgang mit Krebs.

Wie ungewöhnlich dieses Vorgehen ist, zeigt etwa ein Vergleich mit Diggelmanns Schatten, dem Tagebuch seiner tödlichen Krebskrankheit, oder mit Urs Faes’ «Fahrtenbuch» Halt auf Verlangen von 2017, in dem er seinen Prostatakrebs verarbeitet. Diggelmann schreibt wie Schweikert in Ich-Form, Faes gewinnt Distanz durch einen personalisierten Erzähler in Er-Form. Und trotzdem stehen bei ihm wie bei Diggelmann die eigene Krankengeschichte, das eigene Innenleben, die eigene Patientenerfahrung viel direkter und realistischer geformt im Zentrum als bei Schweikert. Und gerade das ist bei Schweikert beeindruckend: Die Fähigkeit, sich zurückzunehmen! Der unsentimentale, forschende Blick! Diese Offenheit für Leidensgenossinnen, für andere Menschen, für gesellschaftliche Erfahrungen! Dieser Versuch, Trost zu suchen, indem frau sich eben nicht ins Zentrum stellt, sondern sich einfügt in eine Leidensgemeinschaft! Die Vermutung liegt mir nahe, dass dieser Grundzug der Erzählung mit Gender zu tun hat. Es ist eine Autorin, die erzählt.

Dass diese Autorin sich zurücknimmt, ja sogar heftige Zweifel an der Wichtigkeit ihrer Existenz äussert, heisst nicht, dass sie ihr Leiden an der Krankheit verschweigt. Gerade die Distanz zu sich selbst und die Sparsamkeit in der Selbstdarstellung führen zu höchst wirksamen Szenen. Einmal beobachtet sie einen Verzweiflungsanfall von sich selbst: Sie brüllt, zertrümmert Glas, würgt und kotzt. Die sprachliche Aussensicht und Präzision dieser Schilderung löst heftiges Mitgefühl aus, dem kann sich wohl niemand entziehen.

Der kranke Diggelmann erfindet mit wild wuchernder Fantasie grellbunte Geschichten von Todesengeln und Halbgöttern in Weiss. Ende der 70er Jahre ist sein Vertrauen in Geschichten noch ungebrochen. Schweikert beruft sich auf Jörg Steiners Skepsis gegenüber Geschichten: «Die Geschichte verheimlicht das, was wirklich geschieht: das tägliche, langsame Altern und Absterben, das Müdewerden». Sie schildert ihrem Arzt das im Entstehen begriffene Buch so: «noch nicht mal eine richtige Geschichte mit Anfang und Ende; eine Recherche eher zu bestimmten Motiven; Fragmente, Erfahrungen, denen ich nachgehe mit Hilfe eines abstrahierten Tagebuchs; ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind, die nachhallen –«

Durch Krankheit strukturierte Wahrnehmung

Im Echo- oder Hallraum des Krebses bewegt sich Schweikert. Sie collagiert Fragmente, die oft ohne Satzzeichen am Ende versanden. Sie verlässt die strenge Chronik, ihr Tagebuch wirbelt die Zeiten in der Erinnerung durcheinander. Unberechenbar und flackernd ist das verletzte Bewusstsein. «Angstvergiftet», «trost-, verjüngungs- und erneuerungsbedürftig» wie sie ist, fällt sie auf Scharlatanerie herein, tätigt Hamsterkäufe vermutlich wirkungsloser Medikamente oder von Lebensmitteln, die gerade als Allheilmittel empfohlen werden. Die Erinnerung wird neu vermessen: es gibt jetzt eine Zeit vor der Krebsdiagnose und eine danach. Plötzliche Kälteanfälle wechseln ab mit jäh hereinbrechenden Glücksmomenten – etwa beim Anblick eines Zitronenfalters. Die Krankheit strukturiert die Wahrnehmung: überall in der Stadt sieht und hört sie Anspielungen auf Krankheit und Tod. Die Dimensionen geraten durcheinander wie bei Alice im Wunderland, Wichtigkeiten verwandeln sich in Winzigkeiten und umgekehrt. So gerät eine Patientin in überdimensionierten Zorn, weil eine Therapietermin sie daran hindert, ihr hochgeschätztes Schnitzel zu essen.

Freiheit in der «Hingabe an einen Stoff»

Natürlich stellt sich auch Ruth Schweikert die fundamentalen Fragen: Warum ich? Was sind Ursachen und Sinn der Krankheit? Bin ich schuld am Krebs? Und sie gibt eine radikale Antwort: Die Krankheit hat keinen Sinn und keine Botschaft. Sie ist kein Schicksal, sondern eine Laune der Natur. Das Leben ist nicht gerecht. Per Zufall bin ich betroffen. Wenn wir privilegiert werden, etwa weil wir in einem reichen Land und gesund geboren werden, dann klagen wir nicht über den Zufall. Wenn wir krank werden schon.

Dass die Natur so ganz und gar nicht auf das einzelne Menschenleben angewiesen ist, ist gewiss kränkend. Auf der anderen Seite könnte man, Schweikert versucht es, der Tatsache, dass wir aus der Natur kommen und mit dem Tod wieder in sie eingehen, auch Gelassenheit abgewinnen. Ihre Hauptwaffe gegen den Krebs ist allerdings das Schreiben selbst. Von Anfang an versteht sie ihre Krankheit als Stoff für ihre Literatur und empfindet ein Freiheitsmoment «in der Selbstvergessenheit der Hingabe an einen Stoff», an diesen Stoff, der einen «übersteigt». Der Leser, die Leserin kann an diesem Freiheitsmoment teilhaben.

Kurzkritik

Ruth Schweikert macht ihre eigene Brustkrebs-Krankheit zum Stoff für ihre Literatur. Allerdings erzählt sie nicht realistisch und psychologisch von ihrem Fall. Sie beobachtet und dokumentiert, wie wir alle, wie die Spezialisten und wie die gesellschaftlichen Institutionen mit dieser Krankheit und den Kranken umgehen, auch sprachlich. Sie zitiert Gedankensplitter bekannter und unbekannter Autorinnen und Autoren über Leben und Tod. Gelegentlich und ohne jede Egozentrik richtet sie ihren forschenden Blick auf sich selbst. Ein Krebs-Buch der anderen Art: unsentimental, reichhaltig, ergreifend. (Felix Schneider in Viceversa 14, 2020)