Dort Roman
In einem unbeobachteten Moment stößt Sebi Zünd ein Kind in den See und springt ihm sogleich hinterher, um es zu retten. Vergebens jedoch, der Junge ertrinkt. Was kann die Aufmerksamkeit der erwachsenen Halbschwester Lydia, die Sebi auf sich ziehen wollte, ihm jetzt noch bedeuten? – Er ist schuld am Tod des kleinen Milo. Aber Lydia sieht in ihm den vergeblichen Retter, und tatsächlich bahnt sich zwischen den beiden eine Liebesgeschichte an. Wird sein Geheimnis entdeckt werden? – Niko Stoifberg entwickelt einen eindringlichen Sound, der den Leser sofort gefangen nimmt. Ein aufwühlender Debütroman!
(Buchpräsentation Nagel & Kimche)
Alles (nur) geträumt
Dort ist einer dieser Romane, der einen von der ersten Zeile an packt und nicht mehr loslässt. Er beginnt mit einem coup de foudre, einer Liebe auf den ersten Blick: Als der Ich-Erzähler Sebi eines Tages aus dem Haus geht, um ein wenig zu lesen, steht seine Traumfrau vor der Tür. «Was jetzt?», denkt der junge Mann. «Mir ist, also ob man mir ein dunkles Tuch umbände; mir wird schwarz, ich muss mich niedersetzen, auf den speckig kalten Stein.»
Aha, eine romantisch-melancholische Liebesgeschichte, wie wir sie aus Haruki Murakamis Erzählung Wie ich eines Tages im April das 100%ige Mädchen sah, denkt man. Oder haben wir es bei diesem Sebi doch eher mit einem Stalker zu tun, wie beim Ich-Erzähler in Hagard von Lukas Bärfuss, der sich in seiner Obsession selbst zugrunde richtet? Beides; und weder noch. Einerseits sind Sebi und Lydia bald ein Liebespaar. Ihre Liebe ist so selbstverständlich wie sonst nur zwischen Heldinnen und Helden Action-Filmen, die einfach keine Zeit für Beziehungsgespräche, geschweige denn Probleme haben. Und dies, obwohl Sebi – andererseits – Lydia zu Beginn des Romans regelrecht verfolgt und wild entschlossen ist, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Obwohl sie, was ihm gar nicht gefällt, einen kleinen Jungen an der Hand führt. Doch Sebi will ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen, um jeden Preis. Wirklich, um jeden Preis. Als ihr Handy klingelt und sie sich für einen Augenblick entfernt, schubst er das Kind in einer impulsiven Anwandlung in den See, um es zu retten und als Held in Lydias Welt einzuziehen. Doch es geht schief; der Junge ertrinkt.
Sebis traumhaft-irrationale Gewissheit in Bezug auf die Frau vor seiner Haustür hat Konsequenzen, die ihn aus seinem Alltag als erfolgreicher Gartenarchitekt herausreissen. Bevor er das Haus an jenem schicksalshaften Donnerstag verlassen hatte, dachte er noch, die Nature directe-Projekte, mit denen er für gutes Geld Wohnhäuser über Holzstege mit der wilden Natur verbindet, würden ihn in die weite Welt hinausführen. Doch bald sieht er sich in einem Berghotel gestrandet, in dem eine unheimliche Schlossherrin ihr Regime führt. Sie ist die Mutter von Lydia, und die Mutter des toten Jungen, und sie weiss, was Sebi getan hat. Doch anstatt ihn anzuzeigen verbannt sie ihn auf ihren privaten Zauberberg, wo er in einem stylish renovierten Reduit-Bunker untergebracht wird. Zusammen mit dem Personal des Hotels, das aus lauter Menschen mit Erbkrankheiten und Behinderungen besteht. Wenn es nach der Logik der pränatalen Gen-Diagnostik ginge, wäre keiner und keine von ihnen jemals geboren worden.
Wir sehen alles, und wir sehen nichts
Dass der Leserin sofort Bezüge zu anderen Texten einfallen, bedeutet nicht, dass Niko Stoifbergs Romanerstling sich an einem literarischen Vorbild orientieren würde. Im Gegenteil; im Abtasten möglicher Fixpunkte drückt sich eine Orientierungslosigkeit, eine Irritation aus, die System hat in diesem Roman. Wir wissen nie genau, was für eine Geschichte uns da eigentlich erzählt wird, denn alles hat zwei Seiten, die zusammen kein Ganzes ergeben. Man kann die Dinge immer nur von der einen oder von der anderen Seite anschauen und wird ob dieses Hin und Her ein wenig verrückt für die Dauer der Lektüre: Sebi und Lydia sind ein glückliches Paar, und doch ist Sebi von Schuld zerfressen. Lydias Kleid ist weiss – wie die Unschuld, aber auch wie die Gewänder der Rachegespenster, der weissen Frauen, die in Schauerromanen umgehen. Die Räume, die eine wichtige Rolle spielen im Buch, sind klar und hell, von Licht durchflutet, nur durch Glasscheiben voneinander getrennt. Und doch sind die vermeintlich durchsichtigen Interfaces so opak wie die Schreibtischoberfläche eines Laptops; man sieht zu viel darin. Sebi sieht alles, und er sieht nichts. Die unheimliche Atmosphäre, die einen in Atem hält beim Lesen, entsteht immer wieder neu durch diese Doppelspurigkeit, die Stoifberg übrigens schon in der Spannung zwischen den ersten beiden Sätzen des Romans installiert: «Es ist Donnerstag, der zwölfte August 1999. Träume ich?» Ein exaktes Datum, gefolgt von der totalen Infragestellung der eigenen Wahrnehmung. Vielleicht hat Sebi ja alles nur geträumt.
Geträumt, so erzählt Niko Stoifberg – der Name ist übrigens passenderweise ein Pseudonym – bei allen Lesungen und in Interviews, habe er den gesamten Roman, vor zwanzig Jahren. Beim Schreiben habe er versucht, der Traumlogik zu folgen und ihr eine sprachliche Form zu geben. Das ist ihm mit dem Verfahren der verzerrten Verdoppelung auf eindrückliche Weise gelungen.
Alles flirrt
Dort ist also weder ein Liebesroman noch ein Buch über die männliche Psyche; in gewisser Weise scheint Liebe das Unproblematischste zu sein in der seltsam schönen, gefährlichen Welt, die Niko Stoifberg heraufbeschwört. Zwar sieht alles so aus, wie wir es aus unserem Alltag kennen, und doch scheint die Oberfläche der Wirklichkeit zu flirren – als ob jederzeit ihre dunkle, andere Seite ans Licht kommen könnte. Es gibt nur einen Erzählstrang, der aus dem Flirren auszubrechen vermag. Das Personal des Berghotels, lauter behinderte, zum Teil stark entstellte Menschen, erscheint bei Sebis Ankunft als groteske Freakshow. Mit der Zeit werden die einzelnen Figuren immer individueller, immer schöner und ausdrucksvoller auch, während die perfekte Lydia verblasst, bis sie wahrhaft gespenstisch erscheint.
Der Roman hat einen Sog und einen Sound; er versteht sich auf das Raffen und Ausdehnen der Zeit; die Erzählung rast voran, und dreht sich doch im Kreis. Alles scheint immer ein wenig zu schnell zu gehen: Während sich die Figuren ganz alltäglich unterhalten, überschlagen sich die Gedanken in Sebis Kopf. So sehen wir ihn gleichzeitig von innen und von aussen. Wir verstehen ihn und verurteilen ihn, und dieser Konflikt geht wie ein Riss durch den Kopf der Leserin. Dabei stellen sich nicht nur Fragen nach Schuld und Sühne, sondern auch nach dem, was den Menschen, dieses Monster, das alles verstehen, deuten und kontrollieren möchte, überhaupt ausmacht.
Ein junger Mann begegnet eines Tages vor seiner Haustür einer Frau: Es ist Liebe auf den ersten Blick. Wie im Traum folgt er ihr und gerät in einen Strudel aus Schuld und Sühne, der mit einem toten Kind beginnt und einem Aufenthalt in einem Reduit-Bunker endet. Niko Stoifbergs Romanerstling ist ein literarischer Thriller von höchster Originalität. Die Schweizer Berge werden zum Schauplatz einer Gothic Novel: die Natur wird zum klaustrophobischen Raum, Doppelgänger, Monster und Gespenster treten auf, Oberflächen und Spiegel werden zu Leitmotiven – ohne jedoch eine Deutung zu erlauben, die den Text zur Ruhe bringen könnte. (Christine Lötscher in Viceversa 14, 2020)