Auch Götter haben Gärten
Gedichte

In schönem Wechsel von Weitblick, Nahblick und Tiefblick führen Monika Schnyders Gedichte durch Erdzeitalter, Wolkenbilder und Mythen bis ins Jetzt. Staunend sieht man sich um und erkennt einen Garten für Götter und Göttinnen - bezaubernd, erkenntnis- und genussreich.

CIRRUS

sich querstellen und
aufsteigen hoch höher driften
in schichten ein serielles feld
oder fell ein vlies ein sich
bauschender schleier litzen und
spitzen ein kosmisches tier
das federn lässt

(Präsentation Wolfbach Verlag)

Wortwildern und -wuchern

von Beat Mazenauer
Publiziert am 19.02.2019

Für eine überraschende Ausnahme sorgt Monika Schnyder mit ihrem Band Auch Götter haben Gärten. Zwar klingt auch hier das Gartenmotiv bereits im Titel an, doch ihre Gedichte erfahren durch die mit genannten Götter eine mythische, kosmische Erweiterung. Die Autorin unterrichtet laut dem Klappentext Ägyptisch-Arabisch, entsprechend erfährt ihre Lyrik eine «Verfremdung» durch die fernen Gärten der Semiramis – sozusagen.
Monika Schnyder wirft alles ins poetische Gefecht: schnellende Alliterationen, gewitzte Wortspiele, rasante Rhythmen, eine formale Wendigkeit und vor allem ein verblüffender Wortreichtum, der sich aus fremden Kulturen speist. Wer weiss schon, dass weder «Mamaliga» noch der «evangelische Speck» poetische Metaphern sind, sondern Speisen aus dem Osten Europas (wie am Schluss angemerkt wird). Die k.u.k. Tradition mischt sich mit dem ägyptischen Götterhimmel, um doch nie die die gegenwärtige Welt mit ihren «sole fabriken im chipformat» und «allenthalben funklöcher» zu verleugnen. Nach verhaltenem Beginn gerät Monika Schnyder mehr und mehr ins Wortwildern und -wuchern, um ein erstes Mal da, «wo gebetsteppiche vom fliegen träumen», ins poetische Grübeln zu geraten: «im spukschloss das herz der königin weiter / schlägt und schlägt und – wie komme ich jetzt da wieder raus ...»
Es will nicht leicht gelingen, im Gegenteil schlägt das vierte Kapitel vollends um in eine ägyptisches Crescendo, das der Form nach wie metaphorisch alle Schleusen öffnet. Schwer zu entscheiden, was Traum ist, was Metapher und was Götterhimmel – auf jeden Fall fühlt sich das lyrische Ich darin durchaus aufgehoben:

BES will ich bleiben. BES-sein ist schön. ich throne umgeben
von tieren: der gewaltigen THOERIS mit ihrem bauch, dem weit
aufgerissenen maul. ach THOT ist da, SACHMET und
BASTET, die katzen. alle stark und ernst und listig. ich
möchte sie pieken, ihr fell zerzausen. das göttliche knistern ...

Zwei Seiten später gerät die Form vollends ausser Kontrolle, wird selbst ausbuchtend bildhaft angesichts von AMMIT, der Göttin des Jenseits, und ihrem Bauch. Danach beruhigt sich der Ton wieder, ohne aber vom quecksilbrigen Spiel mit Binnenreim und Rhythmus zu lassen. «wellen weich / gezeichnet wirbel splint».
Monika Schnyders Gedichte sind eine herrliche Entdeckung. Darin hält das Wilde, Unregelhafte Einzug und verleiht ihnen eine Lebhaftigkeit, die zwar dem entgrenzend Mythischen entspringt, durch dieses hindurch aber wieder auf die Welt kommt: geläutert und gewitzt, und sei es nur in einer Miniatur:

am fenster stehn so
ist es sagt der regen
ich weiß.

Aus: «Kosmos und Mikrokosmos. DIE REIHE im Wolfbach Verlag, Jahrgang 2019», Fokus von Beat Mazenauer, 13.01.2020