Alte Bande Kriminalroman
Alte Bande
Am Stauwehr wird eine Wasserleiche gefunden. Der Fall entpuppt sich aber für Hauptkommissar Walle Troller schnell als unliebsam, er erkennt, dass sein langjähriger Kollege von der Sitte, Markowitsch, den Mord von langer Hand geplant hat. Alles ist so arrangiert, dass einzig Walles Zwillingsbruder als Täter infrage kommt, und er muss mitansehen, wie dieser zu Unrecht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Der Hauptkommissar wird beurlaubt und fragt sich, ob er mit gut fünfzig und frisch geschieden bereits endgültig überholt worden ist. Während sich die Mordfälle häufen und die junge Kollegin Jette Hagen seine Stelle übernimmt, versucht sich Walle Troller allmählich selbst aus dem Sumpf zu ziehen, getreu dem Motto: Erst denken, dann schießen.
Er, Walle Troller, Jahrgang 1967, unglücklich geschieden, körperlich angeschlagen, mag guten Wein und Science-fiction-Filme, ist vor allem aber rücksichtslos gegen sich selbst – und seines Zeichens Hauptkommissar im süddeutschen (fiktiven) Jedastedt. Sie, Jette Hagen, Jahrgang 1985, ursprünglich ein Landei aus der Pfalz, fährt mit Vorliebe Harley, steht auf Country, raucht Kette, ist bisexuell und blitzgescheit – und ihres Zeichens Partnerin von Walle. So ungleich das Paar, so herausragend ihre Aufklärungsquote: Intuition und Verstand, Humor und ein Hauch Ironie garantieren einen knallharten Krimi bis zur letzten Seite, der über die Landesgrenzen hinaus – vom süditalienischen Stiefel bis in die norddeutsche Tiefebene – reicht. Da scheiden sich Gut und Böse links und rechts des Rheins, doch Ursache und Wirkung lassen sich längst nicht so klar auseinanderhalten wie die Quelle von der Mündung. Und was für das Ermittlerduo gilt, meint die Leserinnen und Leser nicht minder: Wer in den Himmel will, muss durch die Hölle gehen.
(Buchpräsentation Septime Verlag)
Jedastedt ist überall
Dies bestätigt Markus Bundis in Alte Bande, einem opulenten Buch von 480 Seiten. Was Hauptkommissar Walle Troller und seine rechte Hand Jette Hagen im baden-württembergischen Jedastedt zu lösen haben, ist mehr als ein kniffliger Fall. Der Tod von Frieda alias Friedrich ist nur der erste in einer Serie von Morden, die keine klaren Konturen erkennen lassen. Verdächtige gibt es zuhauf, bis hinein in die Polizei. Allmählich kristallisiert sich immerhin heraus, dass Spuren in die Nazi-Vergangenheit zurückführen könnten. Als dann auch noch das Bundeskriminalamt auf den Plan tritt, wird es erst recht kompliziert.
Markus Bundi bildet dieses Geflecht von Beziehungen und Verbrechen mit präziser Handschrift ab. Gleich der Eingang verrät den gewieften Stilisten, der mit jedem Wort am richtigen Ort eine Szenerie entwirft, in der alles akkurat gefestigt wirkt, so fadenscheinig sich die Beweislage auch darstellt.
Alte Bande verrät Stil in mehrerer Hinsicht. Zum einen vertraut der Roman keineswegs nur auf die Krimihandlung. Markus Bundi lässt den einzelnen Charakteren Raum für persönliche Beziehungen, Phobien und Vorlieben – wie Jette Hagens Harley Davidson oder Walle Trollers Starwars-Spleen. Die beiden harmonieren auf persönlicher Ebene gut miteinander. Sein Motto: Schnell denken, wenn nichts los ist, dafür langsam denken, wenn sich die Dinge überschlagen, übernimmt die gelehrige Schülerin.
Walle Troller repräsentiert den Typus des einsamen Wolfs, der mit genialem Spürsinn und überraschenden Ahnungen operiert, dafür ist er, obzwar erst fünfzig, gesundheitlich nicht fit und obendrein geschieden, wie es so vielen in seinem Beruf ergeht. Markus Bundi spielt so mit den Klischees des Krimigenres, bettet sie aber in eine komplexe Erzählstruktur ein.
Der Autor, der bisher vor allem Lyrik und kürzere Prosa veröffentlicht hat, greift gerne zu Dialogen, die sich erst nach und nach kontextuell erschliessen, oder zur Nacherzählung von Begebenheiten, die dann bereits auf einer Metaebene spielen.
Das ist oft sehr gut gemacht, zugleich steckt darin eine eklatante Schwäche des Romans. Die Gespräche klingen klug, aber oft auch kapriziös. Die Geschichte wirkt zunehmend angestrengt und vor allem intellektuell und intertextuell überorchestriert. Es ist nicht allein, dass viele der Personen auf verschiedene Namen hören – Jette Hagen beispielsweise ist auch «Angie» wegen Lara Croft respektive Angela Jolie. Handkehrrum werden Verdachtsmomente, die die Handlung antreiben, eher locker und sprunghaft aufgeworfen, ohne wirklich triftige Gründe. Troller treibt so eine Ahnung um.
Alte Bande hat etwas Brillantes, das zugleich sein Makel ist. Der Roman folgt den Gesetzen des Krimigenres und fordert sie zugleich heraus. Er will ein Beziehungsnetz erzählen und zuletzt auch noch Erzähltheorie sein, wenn der Hauptkommissar eine Gastvorlesung über die kreative Investigation gibt. Er gehe davon aus, referiert Troller, dass ein Autor nicht einem fixen Plan folgen müsse: «die besten Geschichten entstehen, wenn sich aufgrund des Vollzugs die Pläne immer wieder ändern». Das ist dann am Ende ein wenig zu viel, oder zu wenig, je nach Optik. Auf jeden Fall leidet die Spannung darunter. «Was ich sagen will», so nochmals der Kommissar: «Wir kommen immer von Hundertsten ins Tausendste, das liegt in der Natur der Sache» – und dieses Buches. Je mehr Troller mit sich ins Reine kommt, umso mehr droht der Roman seine Balance zwischen Kriminal- und Gegenwartsroman, zwischen rasant erzähltem Plot und einem breit angelegten Gesellschaftspanorama zu verlieren. Das Resultat fällt so durchwachsen brillant aus. Auf jeden Fall gibt Markus Bundi mit seinem fiktiven Ort keinen Hinweis darauf, dass er eine Serie um den Kommissar Troller in Sinn hat.
(«Und täglich ein neuer Toter». Fokus vom 20.05.2019)