Kuss Roman
Gerda und Yann sind urbane Thirtysomethings und gerade in ein heruntergekommenes altes Haus am Stadtrand gezogen. Gerda ist arbeitslos, investiert ihre ganze Energie ins Einrichten – und in eine fixe Idee: Sie leistet sich eine imaginäre Affäre. Diese ist erst nur ein Spiel, doch dann beginnt sie, Gerda mit aller Macht zu verzehren. Yann lernt ein rätselhaftes Mädchen voller Forderungen kennen. Und die Nachbarin Valerie, Anfang fünfzig und Journalistin, steht nach einem folgenreichen One-Night-Stand plötzlich vor der Frage, ob das Leben für sie ausgerechnet jetzt noch einmal neu beginnt. Von drei möglichen Liebesgeschichten finden mindestens eineinhalb nur in der Fantasie statt. Doch dann kommt alles zusammen, und aus einem Zufall wird ein Unfall. Mit schonungslosem Blick, Witz und Melancholie seziert Simone Meier den schönen Schein moderner Existenzen und Beziehungen, bis nicht mehr nur die Fassaden bröckeln, sondern das ganze Fundament zu beben beginnt.
(Buchpräsentation Kein & Aber)
Mit dem Stechbeitel gegen die Sprachlosigkeit
Simone Meiers dritter Roman Kuss entführt uns in die skurrile Welt der Mitt- bis Enddreissiger: Gerda und Yann schauen gern zusammen Hartz IV-Fernsehen. Wer sich ein wenig damit auskennt, hat sicherlich bemerkt, dass die Protagonisten solcher Sendungen oft eine kurze, alliterationsreiche Beschreibung verpasst bekommen, zum Beispiel «Fritzi, die freche Friseurin». Ganz ähnlich lässt sich dies für die Figuren in Simone Meiers Geschichte bewerkstelligen: Gerda ist gelangweilt, gehässig und geprägt von ihrer kaltherzigen Mutter, die ihr in ihren Kindsjahren emotional nie das gegeben hat, was sie sich wünschte. Gerade ist Gerda mit ihrem Partner Yann in ein Häuschen in der Vorstadt gezogen, und gerade hat Gerda ihren Job als Graphikerin verloren. Sie hat deshalb mehr als genug Zeit, an diesem Häuschen herumzubasteln, die Einrichtung zu perfektionieren, und sich im Gärtnern zu versuchen. Ihre Nachbarin ist der verbitterte Vamp Valerie, eine Journalistin über Fünfzig, die sich – wie schon die alternde Anna in Simone Meiers vorherigen Roman Fleisch – mit Themen rund um das Älterwerden abquält. Die lesbische Lilly, mit der die alternde Anna in Fleisch anbandeln wollte, findet ebenfalls Erwähnung: Sie ist die Mitbewohnerin des attraktiven Alex, Arbeitskollege von Yann, der schwer zu kauen hat an seinem reichen Elternhaus und sich lieber als linker Intellektueller inszeniert.
Soweit, so normal: Gerda, Yann, Alex und Valerie haben sich alle einigermassen bequem in ihrem Dasein eingerichtet – doch Gerdas Arbeitslosigkeit löst etwas Unerwartetes in ihr aus. Sie mag es, das Heim einzurichten und darauf zu warten, dass Yann von der Arbeit nach Hause kommt. Leider ist das eine Einstellung, die man offenbar heutzutage nicht mehr haben darf:
Er verdiente genug, und das Haus schien Gerdas Berufung zu sein. Es war bloss kein Modell, das man jetzt, nach rund einem Fünftel des einundzwanzigsten Jahrhunderts, noch zu vertreten wagte.
Das Haus dient hier natürlich auch als Metapher für die Beziehung: Gerda räumt auf, reisst Tapeten herunter, legt verborgene Schichten frei, wirbelt Staub auf – die assoziativen Möglichkeiten sind endlos. Die Lage spitzt sich zu, weil sich Gerda mehr und mehr in die Vorstellung, eine Affäre mit dem attraktiven Alex zu haben, hineinsteigert, während Yann den seltsamen Launen seiner Freundin hilflos zuschaut.
Bei Yann verhält sich die Sache mit den Alliterationen etwas weniger offensichtlich, allerdings lässt er sich durchaus als yakhaft träge und naiv beschreiben. Der Umgang mit den Beschreibungen im Buch ist dagegen etwas schwierig, so heisst es einmal über Yann:
Yann war ein guter Mann, das nahm er für sich in Anspruch. Er war monogam, auch im Kopf, hatte ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern, bezahlte noch immer Kirchensteuer, um seiner Familie einen Gefallen zu tun, und unterstützte die Frauenquote. Er ass am liebsten Gerichte aus Ländern, die an Meere grenzten, schaute gern skandinavische Serien und mochte alle Bücher von Haruki Murakami.
Das ist ja schrecklich, möchte man als U30-Leserin ausrufen, das hat das gesteigerte Bewusstsein für Gender, Chancen und Machtstrukturen mit euch gemacht? Irgendwie mag man das nicht so recht glauben. Und doch, so der Klappentext, soll sich Simone Meier in diesem Buch mit den Fassaden moderner Existenzen und Beziehungen beschäftigen.
Das setzt erstens voraus, dass es eine gewisse Anzahl an möglichen und definierten «modernen Existenzen» gibt. Zweitens sind diese modernen Existenzen offenbar in einer Art und Weise beschaffen, die den Bau von Fassaden nötig macht. Das erinnert an Kinder, die Erwachsen-Sein spielen und Dinge sagen wie «Wenn ich gross bin, werde ich Tierärztin». Man sucht sich also eine Rolle aus, wählt aus der Handvoll an modernen Existenzen, die man in Milieu und Medien serviert bekommt, diejenige aus, die einem am ehesten zusagt und – ja was dann? Spielt man fortan Theater, setzt sich die passende Maske – oder eben Fassade – auf und wundert sich dann, dass das nicht erfüllend ist? Wer sich die Lebensweise des «modernen Menschen» so zurechtlegt, muss unweigerlich auf etwas sehr Wichtiges verzichten: Wahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit ist in der Denkart dieser Romanfiguren nicht mehr vorhanden, und deshalb ist es Gerda in Kuss unmöglich, sich hinzustellen und zu sagen: "Ich habe gewisse Gefühle, Sehnsüchte und Traumata, und ich bin eine Frau, und ich möchte ehrlich und ohne Vorbehalte über diese Gefühle, Sehnsüchte und Traumata mit dir Yann, einem Mann, sprechen." Tritt man einen Schritt zurück, lässt sich das folgendermassen zusammenfassen: Den Figuren geht die nötige Selbsterkenntnis ab, um die eigenen Probleme und Schwächen wahrzunehmen und sich dazu zu entschliessen, an ihnen arbeiten zu wollen. Sie können sich nicht oder nur ungenügend mitteilen, und deshalb bleiben ihnen in der letzten Konsequenz nur Sprachlosigkeit und impulsive Handlungen, wie ein Kuss oder der verhängnisvolle Griff zum messerscharf geschliffenen Stechbeitel.
Kuss lässt sich wunderbar als unterhaltsame Geschichte über ein Paar lesen, das mit durchaus noch vorhandenen Rollenklischees hadert. Natürlich ist das witzig, und natürlich ist das auch realistisch, es gibt wohl viele Menschen, die so denken und handeln wie Gerda, Yann oder auch Valerie. Man könnte es dabei belassen und konstatieren: Simone Meier ist ein süffiger und zuweilen bissiger Roman über die Nöte und Träume heutiger Mitt- bis Enddreissiger gelungen. Humor, Tragik, Identifikationspunkte – dies alles ist da. Und dennoch: Dass es den Protagonisten in dieser Geschichte nicht vergönnt ist, sich in irgendeiner Form weiterzuentwickeln, ist schade. Wer noch daran glaubt, dass sowohl die allgegenwärtigen, scheinbar gegebenen Umstände und gesellschaftlichen Regeln, als auch das eigene Verhalten hinterfragt werden können und müssen, den stellt dieses Buch ganz und gar nicht zufrieden. Es bleibt einem somit nichts Anderes übrig, als Kuss als satirische Tirade über eine Generation zu lesen, die mit den zeitgenössischen Diskussionen über Identität und Geschlecht überfordert ist. Einen tatsächlichen Erkenntnisgewinn liefert dieser Roman damit leider nicht. Als einziges Fazit bleibt der Leserin, dass sie mit Ende Dreissig auf keinen Fall so sein möchte wie Gerda, Yann oder Alex – ob man sich bis dahin über sie lustig machen oder sie bemitleiden möchte, bleibt einem wohl selbst überlassen.