Glasmurmeln, ziegelrot Roman
»Vielleicht hätten wir das Kind doch nicht retten sollen. Vielleicht hätten wir es und diese Spionin einfach ausliefern sollen. Unsere ostdeutschen Freunde wären uns sehr dankbar gewesen«, sagte er und versuchte mit dem Blick den Rauch einzufangen, der zur Decke hinaufschlich. »Aber vielleicht können wir unseren Fehler noch korrigieren.«
Das Kind wächst während des Kalten Krieges in einem osteuropäischen Land auf, als Fremdes von seinen Mitschülern gehänselt und von der Staatsmacht schikaniert. Es gibt vieles, was das Kind nicht verstehen kann und auch nicht verstehen soll. Um damit fertig zu werden, zieht es sich in seine Sprache zurück, die nur es selbst und die Mutter einschließt. Es verwandelt alles in Geschichten und schafft so aus Bedrohlichem Interessantes, aus Ungewissem Vertrautes.
Mit der Zeit gewinnt das Kind immer mehr Sicherheit mit seinen Geschichten und somit auch mit einer Realität, die die Menschen mit hohlen Phrasen und absurden Regeln gängelt.
(Buchpräsentation rüffer & rub Literatur)
Eine Politparabel im Gewand einer hochpoetischen Erzählung
Ein kleiner Junge lebt allein mit seiner Mutter und versetzt sich in immer neue Geschichten von Rittern, Feen, Raumfahrern und Drachen. Als ein Mann namens Kennedy getötet wird und die Mutter traurig ist, denkt der Junge, dieser Kennedy müsse «ein wichtiger Drachentöter oder Raumfahrer sein, auf jeden Fall ein Verbündeter».
Verbündete bräuchten das Kind und seine Mutter tatsächlich, denn diese wird von Männern bedrängt, die «Schnurrbärte und Hüte» tragen und der Mama «seltsame Fragen» stellen, «manchmal in der Sprache, die das Kind mit ihr teilte, manchmal in jener, die alle anderen redeten». Als die Mutter verschwindet, wird das Kind in «ein grosses Haus» gebracht, wo es die Sprache der «anderen» lernen muss, dann zu seiner Grossmutter und schliesslich zu einer neuen Mutter, die diese neu erlernte Sprache spricht.
Kindliche Überlebensstrategie
Wir erfahren im weiteren Verlauf des Romans, dass die erste Mutter deutscher Herkunft war und von den Behörden in dem totalitären Staat, der ans Jugoslawien Titos erinnert, als gefährliches «Element» verdächtigt und entweder in die DDR geschickt oder sonstwie beseitigt wurde. Derartige Vorgänge können wir immer nur erraten, denn der Roman hält sich ganz an die Perspektive des Kindes, dem die reale Welt noch geheimnisvoller vorkommt als seine Abenteuergeschichten. Angesichts der Anfeindungen, denen es sich aufgrund seiner Herkunft fortlaufend ausgesetzt sieht, lernt es immer mehr auf seine phantastischen Geschichten zu vertrauen. Als die schnurrbärtigen Männer mit Hüten es von seiner Mutter trennen, gibt es sich auch eine eigene Sprache, die die anderen nicht verstehen: «’Verhaften’ war eigentlich ‘verwöhnen’, und ‘wegbringen’ hiess ‘beschenken’. Immer wieder sprachen die Männer das Wort ‘zwecklos’ aus, und das Kind beschloss, dass dies eigentlich ‘ziegelrot’ hiess, seine Lieblingsfarbe.»
So erinnert das Kind an Peter Bichsels «Kindergeschichten», nur dass es sich gezwungen sieht, in seinen Geschichten und neuen Wortbedeutungen eine eigentliche Überlebensstrategie zu suchen: «Es hatte genug geheime Worte und Geschichten und konnte mit jedem fertig werden, der sie nicht verstand.» Allerdings bringt seine Gewohnheit, die Welt anders wahrzunehmen und zu beschreiben als die anderen, es auch immer wieder in Schwierigkeiten. In der Schule zum Beispiel erklärt es auf die «immer wieder gestellte Frage, warum der Sozialismus das beste System sei», er verbrauche nur 5 Liter auf 100 Kilometer, was den Zorn des Lehrers und ein Disziplinarverfahren zur Folge hat.
Zu einer eigentlichen Schicksalswende kommt es, als das Kind auf die fortgesetzten Angriffe eines Mitschülers mit einem heftigen Gewaltausbruch reagiert und seinen Aggressor schwer verletzt. Es kommt in eine Besserungsanstalt, wo man es gewaltsam bearbeitet, um einen systemkonformen Bürger aus ihm zu machen. Es lernt im Sinne des sozialistischen Katechismus zu antworten, behält sich aber innerlich vor, sich in weiteren Geschichten zu verstecken.
Machtspiel mit «vorgestellten Wahrheiten»
Ein Major, der bei seinen Befragungen hinzugezogen und von dem Kind innerlich zum «General» erklärt wird, durchschaut sein Spiel, scheint aber zugleich eine gewisse Sympathie zu ihm zu entwickeln. Er holt das Kind öfter zu Spaziergängen ab, hört sich seine Geschichten an und erzählt ihm selbst welche, so dass sich eine Art Komplizenschaft zwischen den beiden ergibt, in der sich beide jedoch weiterhin bedeckt halten. Der «General» verrät dem Kind, dass er unter den «kleinen Schädlingen» jemanden heraussucht, der dereinst «von Nutzen sein» könnte, für wen, lässt er offen. Wichtig sei nur, dass sich die gesuchte Person «auf das Spiel mit vorgestellten Wahrheiten» verstehe.
Dank dem «General» wird das Kind schliesslich nach Hause entlassen und geht wieder zur Schule. Dort wird es von allen gemieden und das ist ihm gerade recht. Es sammelt Geheimnisse und Geschichten, die unter den Kindern ausgetauscht werden, und macht aus den Geheimnissen Geschichten, aus denen neue Geheimnisse werden. «Wer sich auf dieses Spiel verstand, konnte mächtig werden», merkt es, und sagt das auch dem «General», als dieser es weiter besucht. «Und wenn die Zeiten sich ändern, werden alle neue Geschichten brauchen. Auch Sie.»
Das hochpoetische, oft auch komische Phantasieren des Kindes bekommt im Austausch mit dem «General» ausdrücklich jene politische Bedeutung, die wir als Lesende von Anfang an vermuten, weil die Geschichten- und Worterfindungen des Kindes immer wieder auch historischen und hochpolitischen Entwicklungen gelten. So zum Beispiel schon dem Kennedy-Mord 1963, dann der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Truppen des Warschauer Paktes 1968 oder der Havarie der Raumkapsel Apollo 13 1970.
Dass im immer fiktiver werdenden Sozialismus seines Landes im Lauf der 1960er Jahre jene mächtig werden konnten, die sich «auf das Spiel mit vorgestellten Wahrheiten» verstanden, leuchtet ein. Diese Wahrheit bekommt heute angesichts einer immer wichtiger werdenden Debatte um die «Fake News» aber auch eine neue Aktualität. Karl Rühmann erzählt in Glasmurmeln, ziegelrot gewiss ein Stück seiner eigenen Lebensgeschichte. Das Kind hat ähnliche Lebensdaten wie der Autor, das Land des Kindes erinnert an das Jugoslawien, in dem der Autor aufwuchs, und der Roman wechselt immer wieder von der Er- in die Ich-Form. Mit der Mischung von sprudelnder Kinderphantasie mit scharfem historischem Durchblick ist Rühmann aber zugleich eine aktuelle Politparabel im Gewand einer hochpoetischen Erzählung gelungen.
In einem zunehmend turbulenter werdenden totalitären Staat, der an das Jugoslawien Titos denken lässt, erlebt ein namenloses Kind die Zeit zwischen 1963 und 1970, zwischen dem Kennedy-Mord und der Havarie von Apollo 13. Aufgrund der deutschen Herkunft seiner Mutter wird es zum Opfer der Hänselei von Mitschülern, des Argwohns der Lehrkräfte und der Verdächtigungen des Staatsschutzes. All diesen Feindseligkeiten begegnet es mit der Fähigkeit, den Ereignissen selbst erfundene Bedeutungen zu geben und sie zu Abenteuergeschichten werden zu lassen. Seine kindliche Imagination reagiert auf die Wahnvorstellungen der Erwachsenen, deren politische Paranoia groteske Züge annimmt. So verbindet der Roman sprudelnde Kinderphantasie mit scharfem historischem Durchblick. (Daniel Rothenbühler in Viceversa 14, 2020)