In der Fremde sprechen die Bäume arabisch
Roman

Usama Al Shahmani steckt mitten im Asylverfahren, ohne Geld, ohne Arbeit, als in Bagdad sein Bruder Ali spurlos verschwindet. In den sicheren Süden wollte er nicht gehen, wenn er Bagdad verlassen soll, dann möge ihn Usama bitte herausholen aus dem Irak. Aber wie soll dieser die zweitausend Dollar für die Flucht nach Beirut aufbringen? Da kommt auch schon die Nachricht von dessen Verschwinden.

Während Usama mit Ankommen mehr als beschäftigt ist, treffen laufend Nachrichten aus dem Irak ein. Bilder aus dem Leichenschauhaus, von denen doch keines Ali zeigt. Windige Typen aus der Hochsicherheitszone in Bagdad, die bestochen werden wollen für angebliches Wissen. Vorwürfe der Mutter, es wäre nicht passiert, wenn er nicht geflüchtet wäre.

Diese persönliche Geschichte und ein im Exil entdecktes, neues Verhältnis zur Natur formt Usama Al Shahmani zu einem vielschichtigen Roman über den Spagat eines Lebens zwischen alter und neuer Heimat.

(Buchpräsentation Limmat Verlag)

Rezension

von Martina Keller
Publiziert am 14.12.2018

Nach seinem Buch Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister, in dem sich Usama Al Shamhani zusammen mit Bernadette Conrad dem Fremden aus verschiedenen Perspektiven angenähert hat, legt er jetzt mit In der Fremde sprechen die Bäume arabisch sein stark autobiografisch gefärbtes Romandebüt vor.

Dass in der Schweiz gewandert wird, versteht der junge Iraker Usama nicht. Als ihm die Tante seines Mitbewohners Bilal im Asylheim von ihrer Leidenschaft erzählt, sucht er vergeblich nach einem Wort für «wandern» auf Arabisch; entweder man geht, läuft, spaziert, bummelt oder pilgert. «Es war für mich unbegreiflich zu hören, dass die Leute in der Schweiz einfach so zu Fuss gehen – in den Wäldern, Bergen, Tälern, auf schwierigen Wegen, um einfach nur zu wandern.»

Zwischen der Schweiz und dem Irak, zwischen seiner Familie und seinem neuen Leben, zwischen der deutschen und der arabischen Sprache versucht der Protagonist von In der Fremde sprechen die Bäume arabisch sich zurecht zu finden. Als sein kleiner Bruder Ali spurlos verschwindet und man von seinem Tod ausgehen muss, kann Usama nur über schlechte Telefonverbindungen und Briefe mit seiner Familie im Irak kommunizieren. Er ist betroffen, aber doch fern und allein. Auch von seiner Frau in der Schweiz erhält er nicht die nötige Unterstützung. Obwohl sie eine harmonische Beziehung führen, kann sie als Irakerin, die schon als kleines Kind in die Schweiz gekommen ist, seine Situation nicht nachvollziehen.

So einsam und leer dieser Raum zwischen den Welten für ihn ist, so ermöglicht er auch die Entdeckung neuer Räume. Genau im Wald findet Usama einen Raum, der ihm so etwas wie eine Heimat bietet, die er in der Schweiz (noch) nicht gefunden hat, und die er im Irak nicht (mehr) hat. Auf langen Spaziergängen durch die Thurgauer und Aargauer Wälder erkundet Usama seine Vergangenheit im Irak und setzt sich mit seiner Zukunft in der Schweiz auseinander.

Der Baum dient dabei als Metapher für die Verwurzelung in der Heimat, aber auch für die Verästelung und das Wachsen, er ist Gedenkstätte, Spiegel oder Zuhörer. So verschränken sich im Wald die sprachliche, die metaphorische und die Handlungsebene dieses Romans und machen ihn zum allgegenwärtigen Motiv. Auch strukturell lehnt sich der Roman an die Figur des Waldes an. So heissen die sieben Kapitel «Baum der Liebe, der Hoffnung, der Ungewissheit, des Todes, der Heimat, des Traums und der Geduld» und verknüpfen die grossen und schwierigen Fragen, die mit einer Flucht verbunden sind, mit der Natur. Andererseits bietet der Wald auch einen literarischen Raum, in dem Usamas Sprache gedeihen kann, in dem die arabische und deutsche Sprache einen Platz haben, und wo Usama sich an die Zeit im Irak mit seiner Familie erinnert und seine Erfahrungen in der Schweiz einordnet.

Der Wald ist und bleibt mein einziges Labor, in dem alle meine Experimente gelingen. Ich streue meine Buchstaben, meine Worte, meine Sprache über die Blätter und zwischen die Äste. Im Wald schaffe ich es, mir selbst zuzuhören.

Das Experiment In der Fremde sprechen die Bäume arabisch des Autors Usama Al Shamhani gelingt ausserordentlich gut. Das Gefühl der Heimatlosigkeit in der Fremde durchdringt den Text auf eindrückliche Weise und alle grossen Konzepte, die in den Kapiteltitel angesprochen werden, finden ihren Platz: Der Roman ist hoffnungs- und liebevoll, erzählt aber auch schonungslos vom hässlichen Krieg, von Leichen, die an Bäumen aufgehängt werden, von Massengräbern, in denen Angehörige ihre verschollenen Familienmitglieder suchen. Usama Al Shamhani gelingt es, in einer einfachen Sprache Grosses anzusprechen, ohne das Kleine aus den Augen zu verlieren. Die Rückblenden in die irakische Kindheit, Episoden aus dem Familienleben sowie lustige und traurige Anekdoten aus dem Leben eines Fremden in der Schweiz verleihen dem Roman gleichzeitig Wärme und Leichtigkeit. Al Shamhanis aussergewöhnliche poetische Erzählung trägt die Schönheit des Arabischen in sich, die Ungewissheit in der Fremde, die Liebe zur Heimat, aber auch die Neugierde auf das Unbekannte. So wie der Titel des Buchs und die Titel der Kapitel drückt Al Shamhanis Sprache die komplexen und widersprüchlichen Gefühle eines Flüchtlings aus. Dabei gibt die Konstruiertheit des Romans dem Text, der von so viel Ungewissheit erzählt, eine wohltuende Sicherheit.

Die Widersprüche zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Fremde und Heimat, zwischen der Rückkehr zum Alten und der Zuwendung zum Neuen löst der Roman nicht auf. Vielmehr zeigt er auf, wie die Begegnung mit der Natur und mit den Sprachen dritte Räume erschaffen können, die sich jenseits der Gegensatzpaare befinden und in denen Literatur entsteht.