Aushub

aushub – 100 Gedichte – Markus Kirchhofer geht konsequent seinen Schreibweg: Nach zehn Bildgeschichten / Comics veröffentlichte er 2014 seine erste Solo-Publikation, den Gedichtband eisfischen. Die jahrelange intensive Zusammenarbeit mit Zeichnerinnen und Zeichnern ist in Kirchhofes Lyrik sicht- und spürbar: Sie ist bildstark und präzis, spielerisch und poetisch, abgründig und humorvoll.
Vor drei Jahren bereiste Markus Kirchhofer China. Dort entstand knapp die Hälfte der 100 Gedichten. In aushub sind sie auf Doppelseiten Gedichten gegenübergestellt, die im Westen entstanden sind. Zwischen den Seiten, zwischen Ost und West, öffnen sich neue, verblüffende Assoziationsräume.
Reto Gloor gestaltete das Cover und die Illustrationen zu aushub. Zusammen mit Markus Kirchhofer veröffentlichte er 2015 die Bildgeschichte / den Comic meyer & meyer.

(Buchpräsentation Knapp Verlag)

Ein west-fernöstlicher Divan

von Florian Bissig
Publiziert am 17.10.2018

«Aushub» ist noch selten als schmeichelhafte Metapher für dichterische Erzeugnisse aufgefasst worden. Er meint eine Masse, die weggeschafft werden muss, und also eher Abfall als Wertstoff ist. Im einleitenden Gedicht, das, wie das Bändchen selbst, «aushub» betitelt ist, heisst es, «nein, der dachs ist nicht / der poet». Der Dachs gräbt doch aber «neue zugänge / zu alten bauen», und «an verborgenen orten / hebt er erde aus». Machen nicht gerade die Dichter solche Sachen, die doch Grübler sind im doppelten Wortsinn, und die das Alte in neuem Licht erscheinen lassen möchten?

Auch mit dieser rätselhaften Auskunft, diesem Selbstdefinitions-Versuch des Dichters ex negativo im Gepäck, gibt die Lektüre von Markus Kirchhofers Gedichtbändchen Anlass, zwei Hypothesen aufzustellen: Erstens, Kirchhofer ist ein Poet, und zweitens, einer mit Dachsqualitäten im oben erwähnten Sinn. Für «aushub» hat der Oberkulmer Autor seine Notizbücher ausgehoben. Sie bargen ihm Notate von seinen Reisen aus China und aus Europa. In konzisen Texte von wenigen Silben bis zu wenigen Zeilen fasst er Beobachtungen über die Landschaft, die Behausungen und die Verrichtungen der Menschen – seien es «Eingeborene», seien es Touristen, oder sei es der Beobachter selber.

Kein Wort ist in diesen zurückhaltenden Skizzen zuviel gesagt, und oft ist es nur ein einzelner Ausdruck, der ein sich abzeichnendes Bild kippen und etwas Unerwartetes daraus hervorlugen lässt. Die poetischen Notate aus Fernost und West hat Kirchhofer einander auf gegenüberliegenden Buchseiten zugeordnet. Unaufdringlich und in vielschichtiger Weise korrespondieren sie so miteinander und bringen sich gegenseitig zum Sprechen.

Zur Linken befindet man sich etwa in einem chinesischen Dorf: «die hähne ping’ans / krächzen das morgenlicht / auf die reisterrassen». Hier wird ein fröhlich-imaginatives Schindluder mit den Kausalitäten getrieben: nicht die Hähne holen doch das Licht, sondern der Morgen holt die Hähne aus den Federn. Gegenüber passieren wir augenscheinlich die Zürcher Hardbrücke: «flugzeuge sprühen / abendrote graffiti / an den prime tower». Gottlob fliegen die Flugzeuge nicht wirklich in die Nähe unseres urban-kapitalistischen gläsernen Wahrzeichens. Und doch wird das Bild sofort glasklar, wir sehen es sogleich leuchten.

Fünfzigmal nach China und fünfzigmal zurück in die Schweiz oder auch einmal in die finnischen Föhrenwälder, das hält nicht nur das Vorstellungsvermögen fit. Das west-östliche poetische Annäherungsprogramm erinnert an Goethes orientalistische Übungen. Freilich ist Kirchhofers «Divan» nicht vom nahen Osten und seiner islamischen Mystik, sondern vom fernen Osten inspiriert.

Im Gedicht «ginkgo» wird denn Goethe auch deutlich aufgerufen: «auf dem ginkgoblatt prangt / ein gemaltes vogelpaar». Höchst passend, denn das Blatt versinnbildlicht mit seinem Einschnitt zugleich Einheit und Zweiheit, so dass Goethe in seinem Ginkgo-Gedicht fragen konnte: «Ist es Ein lebendig Wesen, / Das sich in sich selbst getrennt?» Den entgegengesetzten Weg, von der Zweiheit zur Einheit, geht das Vogelpaar, und Liebespaare tun es ihm gleich. «die verkäuferin», derweil bei Kirchhofer, «beharrt auf dem preis // bei kauf verspricht sie / ewige liebe». Was für eine raffinierte Verkaufsstrategie gegenüber einem westöstlichen Dichter!

Die Beobachtungen Kirchhofers, oder vielmehr seines poetischen Protokollführers, richten einen offenen, teilnehmenden Blick auf die fremde Kultur und Lebensform. Doch immer wieder blitzt dabei die Frage nach dem eigenen Leben, der Wunsch nach Selbstaufklärung auf: «mehr mittel für die / innere sicherheit // weniger gegen / äussere gefahren // budgetiere ich / künftig wie china?». Als ost-westlicher Reisedichter muss er nicht weiter in seinen Dachsbau investieren. Der Poet ist ja nicht der Dachs.