Der Letzte meiner Art Roman
Alfred ist der jüngste Nachfahre der von Ärmels, doch die glanzvollen Zeiten der Familie sind vorbei. Neben seiner umschwärmten, aber abgedrehten Mutter, seinem genialen Bruder und seinem kauzigen Vater fühlt er sich wie eine Karikatur. Trotzdem hat er es sich zur Aufgabe gemacht, seine alteingesessene Familie zu neuem Ruhm zu führen. Ein Held möchte er werden. Dazu hat er verschiedene Möglichkeiten: Er könnte, wie sein Vorbild und Namensvetter, vierzig Franzosen erschlagen, einen Gesangswettbewerb gewinnen oder zusammen mit Ruth ein Hotel aufmachen, denn ja, die Liebe siegt immer! Doch ist Alfred wirklich zum Helden geboren?
(Buchpräsentation Kein & Aber Verlag)
Rezension
Alle Möglichkeiten der Welt und dennoch keine Zukunft scheinen die von Ärmels zu haben: Bernburger von altem Geblüt. Ihre Wurzeln reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, als ein gewisser Alfred von Ärmel bei Marignano angeblich 40 Franzosen den Garaus gemacht haben soll. Die Geschichte wiederholt sich, schreibt Marx, als Farce. So auch bei den von Ärmels. Ihr jüngster Spross heisst wie der kriegerische Ahnherr Alfred, und er eifert ihm nach Möglichkeit nach. Doch die Zeiten haben sich gewandelt, und ein Verkriechen in die «splendid isolation» kann nicht mehr als heldenhaft gelten. Alfred der jüngere scheint es zu ahnen, weshalb er sich selbst als «eine Witzfigur, eine Karikatur» – «der Letzte meiner Art» bezeichnet. So legt er seine ganze Tatkraft in die Abfassung dieser Geschichte des vollendeten Niedergangs.
Einzig die Mutter versprüht jenen mondänen Charme, wie er einem patrizischen Geschlecht gut ansteht. Die Versuche, bei ihren zwei Söhnen so etwas wie eine «gute Seele» und einen Hauch von genialischem Künstlertum zu finden, sind rührend, doch sie scheitern kläglich. Der ältere der beiden, Thomas, verrät zwar Ansätze dazu, beispielsweise auf der Geige, mit der er die mütterlichen Soireen garniert — doch weil es ihm zuwider wird, haut er von zu Hause ab und wendet sich dem Heavy Metal zu. Beim «Gnom» der Familie, Alfred dem jüngeren, fehlt selbst dieses Wenige an Talent. Er ist in der Schule vielmehr das Ziel von Hänseleien. Erstaunlicherweise aber reüssiert er bei der Suche nach einer Tanzpartnerin für den Abschlussball. Mit einem Inserat findet er eine unternehmungslustige 50-jährige Frau, mit der er aber letztendlich auch nicht ganz glücklich werden kann. Derweil fällt Mutter ins Wachkoma und verstummt schliesslich ganz.
Lukas Linders Bericht, den er seinem Helden diktiert hat, schwankt beständig zwischen Melancholie und Lakonie, zwischen dem Abgesang auf eine grosse Tradition und deren lächerlichem Abdruck in der Gegenwart. Dabei ist so etwas wie eine Rollenteilung erkennbar. Während die extravagante Mutter, die von Liebhabern umschwärmt wird (seien es auch bloss der Metzger und der örtliche Juwelier), vergeblich die alten Zeiten wiederaufleben lässt, widerfährt ihrem Sprössling Alfred jede mögliche Peinlichkeit und Unbill. Unter diesen Vorzeichen liest sich der Roman einesteils lustvoll komisch und voll zartbitterer Melancholie, andernteils neigt die Komik gerne zur reinen Karikatur. Die Lehrer beispielsweise, die Alfred schulisch unterweisen, sind von einer derartigen Schrulligkeit befallen, dass kein Platz für Überraschungen bleibt. Diese groteske Zuspitzung kommt hin und wieder auch dramatisch zum Tragen, indem Begebenheiten total misslingen und so ein Raffinement zwischen den Zeilen vermissen lassen. Alfred widerfährt im Grunde immer das unsäglichst Mögliche.
Das ist schade, weil Lukas Linder zum einen eine akkurate Schreibweise verrät und zum anderen gerade deshalb auch schöne Stimmungen voll zartbitterer Melancholie hervorzurufen weiss. Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck – etwas mehr humoristische Zurückhaltung hätte ihm gutgetan.
(Beat Mazenauer in «Vom Ein- und Ausgrenzen. Literarische Debüts von Donat Blum, Anita Hansemann und Lukas Linder», Fokus vom 30.11.2018, www.viceversaliteratur.ch)