Erwachen im 21. Jahrhundert
Roman

Kaspar, ein an sich und der Welt zweifelnder Schriftsteller, erwacht in der Nacht vor seiner Abreise zu einem geheimen Treffen an der französischen Atlantikküste aus einem Albtraum. Er geht in seiner Wohnung «mitten in Europa» rastlos auf und ab und wird dabei von Visionen übermannt. Er hört Stimmen aus dem Computer, aus den Wänden, in seinem Kopf, verwandelt sich in die unterschiedlichsten Figuren, reist durch Zeit und Raum. Er wachträumt und beginnt obsessiv zu reflektieren: Was bleibt vom Bekenntnis zur Gerechtigkeit, wenn es darum geht, auf eigene Privilegien zu verzichten? Ab wann ersetzen uns Maschinen? Wozu noch ist der Mensch fähig? Der Gedanke an «die Anderen», seine unbekannten Verbündeten, die er in Brest treffen wird, und die Sehnsucht nach seiner untergetauchten Liebe Josephine begleiten ihn auf diesem wahnwitzigen Trip.

Aus aussergewöhnlichen Perspektiven, in rasch sich ändernden Tonfällen erzählt das Buch von der gegenwärtigen Menschheit, «dem erfolgreichst gescheiterten Projekt aller Zeiten». Hochkomisch, scharf analysierend, poetisch, wütend, mutig.

(Buchpräsentation Zytglogge Verlag)

Fluchtpunkt Brest

von Beat Mazenauer
Publiziert am 28.12.2018

Hat es in unserer verdinglichten Welt noch Platz für Romantik? Es ist sich zu denken, dass der permanente Zwang, sich als Konsument in einem unermesslichen Angebot von Waren und Dienstleistungen zu bedienen, jegliches Träumen abstumpft. In seinem ersten Roman Erwachen im 21. Jahrhundert versucht Jürg Halter dagegen zu halten. Der Traum muss wach bleiben, die Liebe im Herzen bewahrt werden, der Glaube ans Gute überdauern. Eine Nacht lang ringt sein Protagonist Kaspar, ein Mittdreissiger, um ein Quantum Zuversicht und um den Mut, wie geplant zu «den Anderen» aufzubrechen. In Brest würde ihn eine Gruppe von Unbekannten erwarten, mit denen er den «kollektiven, organisierten Widerstand» gegen die herrschenden Verhältnisse aufnehmen würde. Und vielleicht wäre auch Josephine mit dabei, seine Geliebte, die er seit Jahren weder gesehen noch brieflich erreicht hat.

Jürg Halter legt mit Erwachen im 21. Jahrhundert einen überraschenden, auch gewagten Roman vor. Überraschend daran ist die Grundsätzlichkeit, mit welcher der Autor schon im Titel anhebt: Es geht ums Ganze. Darin liegt ein Wagnis, das sich stilistisch auskristallisiert in einer Prosa, die nicht vor emphatischer Leidenschaft zurückschreckt. Damit betritt Jürg Halter ein unsicheres Terrain, denn nichts stösst heute gewisser auf Skepsis als das Faible für einen pathetischen hohen Erzählton. Womöglich ist es Zufall, womöglich Absicht, dass «der Übergangsmensch» Kaspar ein leise nachhallendes Echo gibt auf Handkes Kaspar (50 Jahre nach dessen Bühnentaufe), der auf der Bühne immer nur den einen Satz wiederholt: «Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.» Im Jahr des Studentenaufstands inszenierte Handke eine radikale Kritik an der Sprache als Mittel zur Abrichtung.

Die Zeiten haben sich gewandelt. Jürg Halter begegnet dem aufgeregten Zeitgeist von heute mit einer Mischung aus ätzender Kritik und verzweifelter Aufbruchshoffnung. Kaspars Entschluss steht fest, die Brücken abzubrechen und nach Brest zu reisen, um dort unbekannte Mitverschworene zu treffen. Es bleibt ihm noch eine Nacht, in der er wach liegt. Angetrieben von Angst und zugleich Aufbegehren tigert er zwischen Fenster, Bett und Rechner hin und her. Er schreibt Briefe an Josephine; er kritzelt Gedankenfragmente ins Notizbuch oder liest sich eigene Texte vor, in denen er sich ironisch zugespitzt «auf der Suche nach einer Haltung als Autor» zeigt. Er zitiert und proklamiert Programme, Postulate und Pamphlete, seziert politische Worthülsen und greift mitunter selbst zu solchen. Er quält sich mit «Scheissgedanken» und ist am Ende doch überzeugt, nur ein Bruch mit seinem Da-Sein biete ihm einen Rest an Hoffnung. Stunde für Stunde – im ungefähren Gleichschritt mit dem Lesetempo – erlebt Kaspar sein persönliches Golgotha, um doch endlich aufzubrechen, wie er am Ende des Buches an Josephine nach irgendwohin schreibt.

Mit seiner leidenschaftlichen Schreibweise beschreitet Jürg Halter einen schmalen Grat – doch seine emphatische Ausdrucksweise ist dennoch immer in seiner Figur geerdet, die sich in dieser Nacht der Entscheidung gedanklich quält. «Vielleicht will ich mich nur selbst vergewissern, wer ich noch bin», schrieb Kaspar vor Jahren schon in einem Brief an Josephine, den er nie abschickte. Wer bin ich, der am Anfang eines neuen Jahrhunderts erwacht und gewahrt, dass ihm wenig zu hoffen bleibt? Ohne Rücksicht auf Verluste sieht er in sich selbst und den ihn umgebenden Menschen Gefangene eines totalitären Systems, welche medial unterjocht und von den kapitalistischen Segnungen eingelullt sind. Jürg Halter lässt kein Thema aus und er verzichtet auf keine zugespitzte Formulierung. Hin und wieder tut er dabei des Guten etwas zu viel. Hin und wieder klingt seine Rede allzu vollmundig und daher fast schon wieder platt, beispielsweise wenn Kaspar über Solidarität, Gott oder den Faschismus spricht. Und die Typologie von erfolgreichen Schriftstellern wirkt stellenweise so lächerlich, dass die Realität darin fast nicht mehr erkennbar bleibt. Dennoch kippt sein Roman nie ins Unernste oder Falsche. Vielmehr verrät Erwachen im 21. Jahrhundert eine Dringlichkeit, die solchen Makel aufwiegt. Vielleicht hat unsere Welt doch noch Platz für einen romantischen Traum. An dieser Botschaft hält Jürg Halter konsequent fest. Es geht in ihm um nichts weniger als um die Zukunft.