Das zweite Bild

An einem eisig kalten Januartag bricht ein junges Mädchen in Dübendorf auf, um ihre krank im Bett liegende Freundin zu besuchen. Doch sie kommt nie dort an. Auch Tage nach ihrem Verschwinden fehlt von ihr jede Spur. Stauffers Team soll helfen herauszufinden, was sich an diesem Januartag ereignet hat. Doch dann geschieht in Zürich ein brutaler Mord. In einem leer stehenden Haus wird ein Mann erschlagen aufgefunden. Das Opfer weist Folterspuren auf. Die Ermittlungen führen Stauffers Team zurück nach Dübendorf zu einer geheimnisvollen Therapeutin. Schon bald stellt sich Stauffer die Frage, ob die beiden Fälle miteinander zu tun haben. Was weiss die Therapeutin, die immer mehr in den Fokus der Ermittlungen rückt?

(Buchpräsentation Werd Verlag)

Ein totes Mädchen in der Agglo

von Beat Mazenauer
Publiziert am 06.10.2018

In der Schweizer Krimiszene ist Roger Graf seit Jahren eine bewährte Grösse. Mit den kurzen Maloney-Krimis für Radio SRF3 erweist er sich als gewiefter Plot-Erfinder, der auch mit Ironie trefflich umzugehen weiss. Sein jüngstes Buch Das zweite Bild, der fünfte Fall für Kommissar Stauffer, kommt ernsthafter und ambitionierter daher. Es erzählt von einem Entführungsfall in der Zürcher Agglomeration. Ein elfjähriges Mädchen verschwindet an einem garstigen Wintertag spurlos. Die Suche verläuft ergebnislos. Zwei nachfolgende Morde lassen aber aufhorchen, weil es sich bei den Ermordeten um Pädophile handelt. Ein Zusammenhang bietet sich an, zumal in der Gegend ein weiterer, vorbestrafter Pädophiler wohnt. Hinzu kommt, dass sich ein paar selbsternannte Helfer auffällig beflissen benehmen. Und was weiss die seltsame Therapeutin?

In diesem Geflecht aus Fragen, Hypothesen und Verdachtsmomenten versuchen sich Damian Stauffer und sein Team zu orientieren. Es erwartet sie eine zermürbende Kleinarbeit, die vorab dem Jüngsten im Team nicht behagt. Er möchte schneller, härter agieren. Auch wenn sich hier (wie sehr oft in Kriminalromanen) recht vieles wie zufällig zusammenfügt, gelingt es Roger Graf, diese Zufälle sinnfällig und ungezwungen miteinander zu verknüpfen. Die Fährten führen zum Ziel, aber nicht gleich bei der ersten Abzweigung.

Besonders geprägt wird Das zweite Gesicht durch seinen Handlungsort in der viel gescholtenen Agglomeration: eine Brutstätte für das Verbrechen – gewissermassen. Die Agglo nordöstlich von Zürich zeigt sich hier in winterlicher und trüber Stimmung. Roger Graf legt speziellen Wert darauf, zu beschreiben, was die Leute hier denken und beschäftigt. Er trägt seinem Ermittlerteam auf, genau hinzuschauen und gut zuzuhören. Das ist Teil der mühevollen Polizeiarbeit. Das Verfahren gelingt da, wo der Hörspielautor Graf die Menschen miteinander in lebhafte Gespräche verwickelt. Eine weniger glückliche Hand verraten seine Beschreibungen der Örtlichkeiten. Roger Graf erzählt nüchtern und sachlich, ohne Überschwang, mit dem Effekt, dass die Erkenntnisse über die Agglomeration wie auch die akribisch beschriebene Polizeiarbeit etwas langatmig daherkommen – ein Preis ihrer unaufgeregten Realitätsnähe.

Insgesamt ist Das zweite Bild ein routinierter Krimi, der den Fall des entführten Mädchens aus der Optik der ermittelnden Polizisten schildert. Roger Graf operiert dabei mit bewegenden Motiven wie Kindsentführung und Pädophilie, reizt diese aber nicht haarsträubend aus. Die Spannung hält er gleichwohl bis zum Ende gekonnt aufrecht.
Die Ermittler gehen ihrer Aufgabe sehr professionell nach. Das Privatleben kommt ihnen dabei kaum in die Quere. Nur einer, Walter Wenger, ist unlängst aus dem Ermittlerteam ausgeschieden. Er konnte alle die Vermissten und Toten nicht mehr ertragen. Von Frau und Tochter längst verlassen, sitzt er nun medikamentös beruhigt in der Psychiatrischen Klinik und hofft, dass seine Gefühlen wieder ins Lot kommen. Dieser beschädigte Ermittler ist ein Standardmotiv in modernen Kriminalromanen. Er muss auch all die privaten Sorgen und heimlichen Kämpfe ausfechten, die eine schwierige Arbeit mit sich bringt. Alkohol und Einsamkeit sind oft der Preis dafür.

(«Und täglich ein neuer Toter». Fokus vom 20.05.2019)