Ein Winter in Istanbul Roman
Goldenes Horn, Bosporus, das alte Byzanz: Angelika Overath erzählt von einer Stadt voller Schönheit und Widersprüche, in der eine unerwartete Liebe möglich wird.
Einen Winter will Cla, Religionslehrer aus dem Engadin, in Istanbul verbringen. Er arbeitet an einer Studie über die Konstantinopel-Mission von Nikolaus von Kues. Doch kaum lernt Cla den jungen türkischen Kellner Baran kennen, taucht er mit ihm ein ihn die Stadt: Sie streifen durch die Gassen und über Märkte, sitzen am Meer und in Cafés, gehen ins Hamam. In ihren Gesprächen prallt die spätmittelalterliche Welt mit ihrer Trennung in Ost- und Westkirche unmittelbar auf das religiös gespaltene Istanbul der Gegenwart. Bei einem geheimen Treffen der Derwische erlebt Cla, wie nah sich christliche Mystik und islamischer Sufismus sein können. Ohne es zu wollen hat er sich in Baran verliebt. Erst als seine Verlobte aus der Schweiz zu Besuch kommt, begreift Cla, wie weit er aus seinem Leben gefallen ist.
(Buchpräsentation Luchterhand Literaturverlag)
«Ich liebe dich, wie man Brot in Salz tunkt und isst»
Eins steht fest: sobald man den Roman von Angelika Overath aus der Hand gelegt hat, möchte man so schnell wie möglich nach Istanbul reisen, wo die Möwen schreien und die Muezzin singen. In einer melodischen, sinnlichen Sprache erzählt Angelika Overath von den Schätzen und Gegensätzen der Stadt, vom launischen Wetter am Bosporus, von der reichen Vergangenheit und den gegenwärtigen politischen und religiösen Konflikten.
In Istanbul lagen die Temperaturen leicht unter Null, aber wenn der Wind vom Schwarzen Meer in den Bosporus hereinfuhr, durchdrang die nasse Kälte die Kleider, als seien sie aus Papier. Dann übertrafen sich Wolkenformationen von transparentem Silber bis planem Anthrazit. Und manchmal war es einfach nur grau, und die Hügel Asiens verschwanden in einer Wand aus Beton.
Doch mit dem nächsten Wind änderte sich das Wetter, das Licht in Sekunden. Und auf einmal winkte ein Manganblau durch die Wolken, und unverhofft kam die Sonne hervor.
Im raschen Wechsel zwischen Licht und Schatten entsteht ein Porträt der Stadt wie auch der menschlichen Seele, deren verborgene Winkel die Autorin behutsam ausleuchtet. Die Stadt, die schneller lebt als Paris, London und Berlin, die Megastadt mit 20 Millionen Einwohnern, die einzige Stadt der Welt, die auf zwei Kontinenten liegt, die kulturell und wirtschaftlich wichtigste Metropole der Türkei – nirgendwo sonst ist der Bruch zwischen Tradition und Moderne so sichtbar wie in Istanbul. Hier, wo die grossen Gegensätze von Orient und Okzident aufeinanderprallen, will Cla, Gymnasiallehrer an einer internationalen Internatsschule im Engadin, Zeit für sich verbringen und an seiner Studie über die Konstantinopel-Mission von Nikolaus von Kues arbeiten.
Der Roman entfaltet sich in drei Aspekte, die wundersam zueinander passen und aneinander anknüpfen: die Stadt Istanbul, die sehr gegenwärtig erscheinende Lehre von Nikolaus von Kues und die Liebe. Cla findet zu sich, indem er sich in den jungen Kellner Baran verliebt und mit ihm zusammen die Stadt erkundet. Die beiden Männer streifen durch die Viertel und Gassen, die zum Herzen Istanbuls führen, und entdecken dabei Wege und Orte, die von den touristischen Gemeinplätzen abweichen.
Ihr erster gemeinsamer Ausflug führt sie nach Üsküdar am Ufer des Bosporus, wo Cla zum ersten Mal ein Café erlebt, in dem man nicht an Tischen sitzt, sondern auf Polstern liegt, unter freiem Himmel auf den langen Terrassen. Von dort aus streifen ihre Blicke über «die Kuppeln von Hagia Irene, Hagia Sophia, der Blauen Moschee und weiter, Richtung Goldenes Horn, die Süleymaniye-Moschee, die große Moschee von Fatih und all die Minarette, Ausrufezeichen für die Schönheit dieses Blicks».
An jenem Tag erzählt ihm Baran von seiner Heimat an der Schwarzmeerküste, Giresun, der Stadt der Kirschen, und von seiner Kindheit bei der türkischen Grossmutter. Der Kellner mit den dunklen Augen, der auch Stadtführer, Übersetzer, Schauspieler und Babysitter ist, der Sufi aus Giresun und aus Saloniki offenbart Cla die Grundlagen für eine neue Existenz:
Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.
Kurz darauf besuchen sie zusammen den alten osmanischen Hamam von Sinan, wo Cla von einem Hünen geschrubbt und mit warmem Wasser begossen wird. Dieser wichtige Vorgang bereitet ihn auf einen tiefgehenden Wandel vor: Die seelische und körperliche Reinigung weiht einen neuen Lebensabschnitt ein – nur ist der Hamam-Besucher noch ahnungslos. Je weiter und inniger «der Engadiner» in die geheimen Winkel der Stadt eindringt, desto mehr dringt er in sich selbst ein und erfasst Nikolaus von Kues Lehre: «Was ist Gott? Gott ist das Eine, das alles umfasst. Wenn er aber alles umfasst, muss er das Grösste und das Kleinste zugleich sein». Dieses dialektische, hin-und her fliessende Denken ist, was Cla an der Lehre Nikolaus’ von Klue so fasziniert.
In einem Zustand hemmungsloser Ekstase und mystischen Denkens verliebt sich Cla Hals über Kopf in Baran und in seine Lebensart, seine Kunst, die Tage hinzunehmen als seien es die letzten. Zusammen trinken sie Raki, rauchen selbstgedrehte Zigaretten in feinem Papier aus Damaskus und lesen die mystischen Verse des «Dichter-Derwischs» Mevlana, des Griechen Kaváfis und des Türken Nâzım Hikmet, «Ich liebe dich, wie man Brot in Salz tunkt und isst».
Durch seine Liebe zu Baran begibt sich «der Engadiner» in ein neues Umfeld, in dem Konturen und Wahrheiten verschwimmen, sein Gefühlsvermögen sich dafür ausweitet und seine Bereitschaft wächst, sich dem Unbekannten zu öffnen und es zu verstehen. So an einem Abend in Karagümrük, dem ältesten osmanischen Stadtteil Istanbuls, der sich noch innerhalb der Theodosianischen Stadtmauern befindet. Zusammen mit Baran besucht Cla das versteckte Zentrum einer Sufi-Bruderschaft, wie sie in Istanbul und in der Türkei zahlreich sind. Die Musik, die Tänze, die Rituale, die er dort erlebt und die ihn zutiefst prägen, stellen eine neue Stufe in seinem Verwandlungsprozess dar:
Cla schwindelte bei diesem Ineinanderfließen der Bewegungen. Im Ausschreiten eines Bogens mischten sich Männer miteinander. Der Standort eines Derwischs war wenige Schritte später der Standort des anderen. Und so drehten sie sich schon, bevor das Drehen begonnen hatte. Mittlerweile hatten die Derwische in den schwarzen Mänteln einen Kreis vollendet. Sie gingen schrittweise weiter zu ihren Fellen. Und legten nun, sich immer wieder zueinander umdrehend, sich verbeugend, ihre Mäntel ab. Der schwarze Mantel symbolisiert das Grab. Wenn sie ihn ablegen, sind sie bereit für eine Art von Auferstehung. Der Tanz beginnt.
Clas neue Liebe ist jedoch mit inneren Konflikten verbunden. Kann er sie seiner Freundin Alva gestehen? Wie wird die Sport- und Romanischlehrerin an der Kantonsschule Chur reagieren, und wie sehr macht er sich ihr gegenüber schuldig? Auch die schlimmen Ereignisse in der Türkei der letzten Zeit werden im Roman nicht verdrängt. Verschiedentlich fliesst ein, wie sich der moderne Staat von Atatürk in ein undemokratisches Land verwandelt hat, ein Land, das Krieg führt und in dem vor zwei Jahren der blutigste Putsch in der Geschichte der Türkei stattfand, der 400 Tote verursachte. «Ich kenne Professoren, die jetzt Taxi fahren. Gut, viele erfahren Unterstützung von Kollegen, Freunden. Es gibt eine grosse Solidarität. Manche unterrichten nun auf öffentlichen Plätzen», erzählt Baran und spricht von den Journalisten, die im Gefängnis gelandet sind. Auch wenn man als Fremder nichts spürt, der Schein trügt, «die Leute gehen in Restaurants, singen, sind ausgelassen. Sie inszenieren sich als Feiernde. Es ist Widerstand dabei. Sie zeigen: Wir feiern, wir gehen aus. Wir trinken Raki. Wir lassen uns nicht so leicht brechen. Aber wir spüren es».