Die Überwindung der Schwerkraft
Roman

Zwei Bier, und dann noch zwei – mehr braucht es nicht für etwas Nähe. Doch dass die Wärme des Alkohols nicht wirklich gegen die Kälte hilft, die draußen herrscht, wissen auch die beiden Brüder, die von Kneipe zu Kneipe ziehen. Der ältere trinkt längst ohne jeden Anlass, aus Trauer oder Wut angesichts einer Welt, die von Schmerzen und Leid, von Kriegen und Gewalt bestimmt ist. Und doch erzählt er dem jüngeren an diesem Abend nicht nur von Stalingrad und Marc Dutroux, sondern auch von seinem baldigen Vaterglück. Was beide nicht wissen: Es wird danach kein Wiedersehen geben. Nur einmal telefonieren sie noch miteinander. Der nächste Anruf, neun Monate später, ist die Nachricht vom Tod des älteren Bruders. Was bleibt, sind die Erinnerungen an ihn und Fragen: Warum das Ganze? Was wollen wir auf der Welt? Und was genau soll das überhaupt sein, leben und sterben?

Virtuos verknüpft Heinz Helle in seinem neuen Roman die Suche nach den Spuren des verstorbenen Bruders mit der Suche nach den Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Wie genau er die Geschwister dabei seziert, ist schmerzhaft-schön: ein gezielter Schlag in die Magengrube, durchfunkelt von Trost und Hoffnung.

(Buchpräsentation Suhrkamp)

Mit Schub ins Verderben

von Beat Mazenauer
Publiziert am 08.10.2018

Im Juli 2000 stürzte unweit von Paris eine Concorde der Air France kurz nach ihrem Start mit lodernden Triebwerken ab. Der Erzähler kann sich an dieses Ereignis nicht mehr erinnern. Aber er weiss davon, weil es ihm sein älterer Bruder erzählt hat. Vielleicht deshalb bewahrt er seine Erinnerung an diesen emblematisch im Bild der brennenden Concorde auf. Auch der Bruder fiel dieser «Perfidie der Physik» zum Opfer: Die Triebkraft, die ihn oben halten sollte, zog ihn stetig hernieder. «Ich weiss nicht, was mein Bruder von der Welt wollte», fügt der Erzähler an, Jahre nach dessen Tod. Wollte er die menschliche Schwerkraft überwinden? Ihm bleibt bloss der Versuch, jene Orte zu finden, «wo sich verschiedenste um sein Bild kreisende Gefühle berühren, Sehnsucht, Ablehnung, Liebe, Schuld.» Und hinter allem die Angst.

Sieben Jahre oder mehr ist es her, seit der Erzähler mit dem um Jahre älteren Bruder – dem Stiefbruder, genau genommen – durch die Münchner Kneipen gezogen war. Es sollte ihr letzter gemeinsamer Abend sein. Ein Bier ergab das nächste, und dazwischen überlegte sich der Jüngere immer wieder, wie er dem voraussichtlichen Vollsuff entrinnen könnte. Er trank dennoch weiter mit, auch um das Gespräch oder eigentlich den Monolog des Bruders nicht abreissen zu lassen. Dieser erzählte ihm von seinen Träumen und Niederlagen und von seiner Leidenschaft für die menschlichen Katastrophen, in denen er sich wohl auch selbst ein wenig wieder erkannte. Vielleicht war es jener Moment, als er eine «Dissertation über den Zusammenhang zwischen den Namen militärischer Operationen und ihrem Gelingen» abbrach, als er aus seiner Lebensspur kippte. Vielleicht geschah es erst später, als er «die Vergeblichkeit des Versuchs, die Existenz von Leid zu verstehen», gewahr wurde.

Mehr als sieben Jahre nach dem letzten gemeinsamen Abend erzählt der Jüngere, wie sie damals gingen und sassen und tranken und gingen und erzählten – ein wenig wie Oehler und der namenlose Erzähler in Thomas Bernhards Gehen gingen und redeten und dachten, bis fast zum Verrücktwerden. Heinz Helles Erzählfuror erinnert an dieses literarische Vorbild, um «das Unerträgliche zu ertragen». Auch der ältere Bruder leidet unter dem «Wissen um den Wahnsinn und den Schmerz in der Welt», dem er widerspenstig seine «Würde des trotzdem» entgegenhält: den Versuch zu verstehen, was in Treblinka sich abspielte, zu 9/11 führte oder den schaurigen Kindermörder Dutroux antrieb.

Die Überwindung der Schwerkraft erzählt ineinander verschachtelte und übereinander geschichtete Geschichten, die keine Ruhe geben, weil die beiden Protagonisten keine Ruhe darin finden. Den älteren Bruder treibt das Verderben der Welt um, der Zynismus der Erwachsenen, die ihren Kindern ihr Unvermögen und ihre Angst aufbürden, sie aber mit falschen Illusionen füttern und mit verlogenen Märchen, «dass alles gut werde». Nach Jahren des Vergessens erinnert sich der Jüngere wieder an das leidenschaftliche Feuer des Älteren, das ihn antrieb und zugleich verbrannte. Er ruft sich ihre Begegnungen und Gespräche ins Gedächtnis zurück, oder den intimen Abschiedsbrief und jenen Moment, als er die Nachricht vom Tod des Bruders erhielt. Er gerät in einen Sog des Erinnerns, der ausgehend von der letzten Kneipentour in alle Richtung ausfasert, nach jedem Gesprächsfetzen und jeder Notiz greift und darob kaum einen eigenen Gedanken zu fassen bekommt.

Der ungleichen Inständigkeit der beiden entspricht die kreiselnde, atem- wie absatzlose Erzählung, die Heinz Helle keine Sekunde innehalten lässt. Er hat ihre Unruhe zu einem einzigen Block verfugt. Mit souverän gemeistertem Tempo konzentriert er die Aufmerksamkeit auf die Monologe des älteren Bruders, die vom jüngeren förmlich aufgesogen und nur lose in eine Ordnung gebracht werden. Erst gegen Ende stellt sich bei beiden eine leise Erschöpfung ein, der Erzählknäuel lockert sich etwas, ein Erzählfaden löst sich daraus löst und erlaubt dem Erzähler ein trauriges, zugleich versöhnliches Ende. Er kommt in seiner eigenen Geschichte an – mit der Erinnerung an den Bruder, den er geliebt und nie richtig verstanden hat.

Die Überwindung der Schwerkraft ist eine prosaische Fahrt durch die Gräuel der Moderne. Entfernt erinnert das Buch an Mathias Enards Roman Zone, in der ein ehemaliger Söldner von seinen Kriegserfahrungen berichtet – in einem Satzbandwurm über 500 Seiten hinweg. Heinz Helles Protagonist ist kein Krieger, er erlebt das Entsetzen und das Leid aus der Warte des Zeitgenossen, der sich davor nicht verschliessen kann. Nicht dass er sich grössenwahnsinnig für alles Leid verantwortlich fühlte, aber ihn treibt die Frage um, woher denn der menschliche Wahnsinn rührt. Hier der Egoismus der Selbstverwirklichung, da die unterwürfige Geborgenheit – was aber wäre dazwischen? Die Angst und uneingestandene Gefühle einer Schuld?

Heinz Helle formuliert keine Antwort darauf. Sein rasanter Text stellt vielmehr Fragen, die im Stakkato der Erinnerung wie Schneeflocken durcheinanderwirbeln und sich am Ende kühl auf diese Prosa legen und an ihrer Wärme vergehen. Der ältere Bruder ist ein Suchender, der erkennen und dennoch die Gelassenheit bewahren will. «Das Wichtigste sei, wie er meinte, nicht aktiv zu werden, sich zu hüten, selbst den Schritt zum Absprung zu tun wie all die Feiglinge, die ihre Angst intellektuell in Ekel übersetzt hätten.» In einer Zeit der eitlen Aufgeregtheiten ist das vielleicht das einzige Heldentum, das bleibt: zu verschwinden, ohne sich aufzugeben. Damit lässt er am Ende seine Leser und Leserinnen nicht unbeeindruckt zurück.

Presseschau

Bevor der ältere Bruder an Speiseröhrenkrebs gestorben ist, hat er noch mit der Prostituierten Lisha ein Kind gemacht. Hat er wirklich? Ist es sein Kind? Der fröhliche Zug durch die Münchner Lokale hat am Ende in alkoholische Delirien geführt, in einen Halbschlaf des Bewusstseins. Der Jüngere ist hellwach. Und so erzählt er auch. Einen grossartigen Roman, der aus der Nacht gesprochen ist, aus Kneipen und Katastrophen. (Ernst Jandl, NZZ, 15.09.2018)