Opoe
Roman

Opoe ist die Fremde. Die fremd gebliebene Großmutter. Nun ist sie tot. Die einsame und exzentrische Frau, die ihn bis zum Schluss gesiezt hat. Der Enkel reist zu den Orten, an denen sie gelebt hat. Nach Holland und in die Schweiz. Versucht, ihrem Schweigen eine Stimme zu geben. Versucht, herauszufinden, wer Sie war, und was das mit ihm zu tun hat. Beide Leben verschränken sich im Ringen um einen Platz in der Gesellschaft. Elegant erschafft Donat Blum eine atmosphärisch verdichtete Welt.

(Buchpräsentation Ullstein Verlag)

Rezension

von Beat Mazenauer
Publiziert am 15.08.2018

[...] Unschlüssig zwischen Tradition und Moderne steht auch der Ich-Erzähler in Donat Blums Roman Opoe. Er sucht die Wahrheit – «keine simple Kausalität, sondern eine Wahrheit ähnlich derjenigen von Träumen». Die Erinnerung an seine Grossmutter, die Opoe («Opu» gesprochen) begleitet ihn dabei. Opoe war kurz nach dem Krieg in die Schweiz gekommen, mit Max, der sie in Holland gefunden hatte. Eine Schwangerschaft spielte mit, dass die beiden gegen Widerstände in ihren Familien heirateten. Die Tochter liessen sie zuerst in Dordrecht bei Verwandten zurück, um in Davos ein Geschäft aufzubauen. Das Unternehmen missriet nicht zuletzt wegen der Engstirnigkeit und des kleinlichen Rassismus der Schweizer Bevölkerung.

Der Erzähler, der Züge des Autors verrät, fährt auf der Spurensuche nach Dordrecht, um die letzten Zeugen dieser familiären Zerrüttung aufzusuchen. Kleine Geschichten ebenso wie die grosse Geschichte kommen hoch: die deutsche Besetzung, als Opoes Bruder Anthonis versteckt werden musste, damit er nicht eingezogen würde. Es sind nur noch wenige, die der Erzähler findet, Opoe ist einsam verstorben. In der Schweiz blieb sie die fremde Holländerin. Wie die drei Äffchen hat sie Verstecken gespielt. «Das mussten Frauen wie Opoe ein Leben lang tun», weiss die Mutter des Erzählers.

Die Liebe ist unergründlich, egal ob eine Liebende wie Opoe nur eine Wahl hat, oder ob dem Ich-Erzähler alle Möglichkeiten der Welt offen stehen. Ein zweiter Erzählstrang verfolgt den Ich-Erzähler auf der unsteten Suche nach einer endgültigen Antwort. Bei einem gemeinsamen Kaffee fragt die Mutter ihren Sohn, wie es mit Joel stehe, weil sie weiss, dass ihn auch Yuri fasziniert. Und Levin? Was davon ist Liebe, was Faszination, was schnelle Anziehung? Mal empfindet er Momente, «als wäre alles möglich, unklar, ob Schauspiel, Traum oder Wirklichkeit» – handkehrum erwartet ihn die «Schiessbude Eifersucht». «Man kann doch nicht von einem einzigen Menschen alles Glück erwarten», antwortet er seiner Mutter – aber von mehreren? Er weiss es nicht, aber er sucht danach – voll widerstreitender Gefühle. Die Zuneigung zu seiner Grossmutter, deren Andenken er hochhält, dient ihm dabei als Richtschnur und Hilfe.

In Opoe erzählt Donat Blum von einer intimen Suche nach dem Glück, der Liebe, der Geborgenheit. Er erzählt gefühlvoll und behutsam, doch verschattet auch durch ein paar stilistische Unebenheiten sowie uneingelöste Anknüpfungen an Omas jüdische Vergangenheit, die ein wenig im Munkeln untergeht. Erinnerung und Erfahrung wechseln sich ab, die vielen Möglichkeiten des jungen Mannes stehen in Kontrast zur einzigen Chance, die Opoe einst erhielt. Ist allein er seines Glückes Schmid? In dem Moment, als der Erzähler «zum ersten Mal verstand» – endet das Buch ins Offene.

(Beat Mazenauer in «Vom Ein- und Ausgrenzen. Literarische Debüts von Donat Blum, Anita Hansemann und Lukas Linder», Fokus vom 30.11.2018, www.viceversaliteratur.ch)