Gläserne Fuge Gedichte
Stimmt jemand das Ohr am Beduinengesang des Teekessels und berichtet über Kleinvogelvölker, russische Holzpuppen und Kellerkinder. Feinsinnig und fragil gehen Lea Gottheils Gedichte einmal um den Erdball.
(Buchpräsentation Wolfbach Verlag)
DIE REIHE im Wolfbach Verlag (Lea Gottheil und Sascha Garzetti)
Seit Jahren bringt DIE REIHE im Wolfbach Verlag allmonatlich einen neuen Band mit Gedichten und lyrischer Prosa heraus. Markus Bundi ist ihr Herausgeber. Mit ihren bald sechzig Bänden bildet die Reihe die vielfältige Schweizer Gegenwartslyrik ab, in welcher sich auch Unterschiede bezüglich poetischer Aktualität und Dringlichkeit manifestieren. Zwei Bände aus den letzten Monaten seien wegen ihrer lyrischen Variabilität herausgehoben.
Lea Gottheil versammelt in ihrem Band gläserne fuge 68 Gedichte, die eine ausgesprochen breite lyrische Palette abdecken.
dichter
schleichen
bernsteinfarbendurch wortschleierne
nächtenehmen laternen mit
Mit Leerzeilen gedehnt und in wenigen Worten, den Titel mit einbegriffen, evoziert die Autorin ein Bild ihres Tuns als Wandlerin durch die Nacht auf der Suche nach Worten. In dieses Bild eingewoben ist in dem Band eine Motivkette aus Abschied, Winter und Eis, die Lea Gottheils Gedichte atmosphärisch grundiert. Bange Gefühle im nächtlichen Dunkel durchwirken die Verse, immer wieder klirrt Eis, knirscht Schnee, lockt ein Ofen das «nordgepolte» Ich. Diese kühle Stimmung findet sich formal aufgehoben in einer spür- und lesbaren Unruhe. Sie drückt sich in wechselhaften Versmustern aus, in unterschiedlich langen Verszeilen, die oft mit Zeilensprüngen verklammert sind, doch kaum je zu einer rhythmischen Gelassenheit finden, eher eine hektische Beweglichkeit demonstrieren.
In Einklang damit ist das Unterwegssein ein zweites Kernmotiv. In einem Mayagarten, in Tallinn, in China oder Paris macht die Autorin exotische Entdeckungen, sammelt sie fremde Eindrücke und skurrile Dinge, die Eingang in diese Zeilen finden. Selbst zuhause in der Küche klingt die Sehnsucht nach dem Fernen nach. Der Blick auf den Kirschbaum draussen vor dem Fenster erinnert an Spanien und Japan. Vielleicht ist es einer träumerischen Unruhe geschuldet, das einer der Zyklen, «Wachsende Herzen», in Versen zwischen Melancholie und Euphorie pendelt, wenn diese das Heranwachsen eines Kindes im Bauch der Mutter begleiten, das mit den Namen Sol das Licht der Welt erblicken wird.
Nicht jedes Bild erschliesst sich in Lea Gottheils Lyrik auf Anhieb, nicht jedes wirkt restlos überzeugend, doch die poetische Unruhe bringt die gläserne fuge zum Klingen wie zum Klirren, dass es einem warm wird und zugleich fröstelt.
Beat Mazenauer in «Formen und Variationen. Neue Schweizer Lyrik», Fokus vom 12.02.2019)