All das hier
Roman

Einen Sommer lang waren sie zusammen, haben in Hamburg ein Theaterstück auf die Bühne gebracht und sind danach für unbeschwerte Tage ans Meer gefahren. Ein Jahr später kommt Finn bei einem Autounfall ums Leben, und mit ihm schwindet das heimliche Gravitationszentrum der Beziehungen. Da ist Anna, einst Finns Freundin, die jetzt mit Malte zusammen ist. Malte, dessen Nähe zu Finn ungeklärt geblieben ist. Und da ist Ben, dem Finn gegen die Drogen zu helfen versucht hat und der Finns Freundin Nessa mehr als zugeneigt ist. Der Roman erzählt von den wenigen Tagen nach Finns Tod und vom Wiedersehen der Freunde zum Begräbnis in Zürich. Sie streifen durch die Bars und über die Dächer der Stadt und versuchen, das Vergangene wieder zusammenzusetzen. Der noch von Finn geplante gemeinsame Trip nach Südfrankreich verspricht, wieder an jene Tage am Meer anknüpfen zu können. All das hier ist ein Roman von einer melancholisch gelassenen Poesie, der von den Liebesgeschichten eines Freundeskreises und vom Ende der Jugend erzählt.

(Buchpräsentation Limmatverlag)

Rezension

von Martina Keller
Publiziert am 26.11.2018

Mitten in der Nacht vibrierte mein Handy. Zuerst erkannte ich Bens Stimme nicht. Sie war höher als sonst, passte nicht zu ihm, sie überschlug sich mehrere Male. Ich versuchte ihr zu folgen, den unwirklichen Dingen, die sie sagte. Finn sei gestorben. Ein Auto. Und es habe geregnet. Mehr wisse man nicht. Noch nicht.

So beginnt der Debütoman des dreiundzwanzigjährigen Zürchers Alexander Kamber, der in Lüneburg Philosophie studiert. Er erzählt von fünf jungen Menschen, die sich für die Dauer eines Sommers in Hamburg zusammenfanden, wo sie gemeinsam ein Theaterstück aufführten. Das Liebespaar Malte und Anna wohnt in Hamburg, während Nessa, Ben und Finn in Zürich zuhause sind. Nessa und Finn bilden ebenfalls ein Paar, obwohl ihre Beziehung in letzter Zeit nicht besonders harmonisch war. Ben und Finn wiederum sind beste Freunde, und früher war Anna mit Finn zusammen. Die fünf sind gewöhnliche junge Menschen, die das Leben geniessen, zusammen auf Partys und an Theateraufführungen gehen, Drogen ausprobieren, trinken, nicht so recht wissen, was sie mit ihrer Zukunft anfangen sollen. Trotz vieler Unsicherheiten haben sie in einem losen Gefüge funktioniert, das durch den plötzlichen Tod von Finn ins Wackeln gerät.

Zu Beginn des Romans liegt Malte, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt ist, auf seinem Bett in Hamburg und erfährt von Finns Tod bei einem Autounfall. Er kauft sofort ein Zugticket nach Zürich und bucht ein Hotel für sich und seine Freundin Anna. Diese fährt dann doch nicht mit, weil sie ein Vorstellungsgespräch für eine Stelle bei einem Theaterprojekt in Stockholm wahrnehmen muss, das sie unter keinen Umständen verpassen kann. Erzählt wird dann die Beerdigung in Zürich, das Wiedersehen mit Ben und Nessa. Nach der Beerdigung kehrt Malte zurück nach Hamburg, steigt aber gleich wieder in den Zug und fährt mit Nessa nach Frankreich in ein Ferienhaus, das Finn noch vor seinem Tod schon für sie alle gebucht hat. Malte ist enttäuscht von Anna, die schon nach Stockholm gefahren ist, Nessa hat sich Ben entzogen, von dem sie bedrängt wurde, und so landen schliesslich Malte und Nessa zu zweit im Ferienhaus in Aix-de-Provence.

Trotz der mitreissenden Beschreibung eines jugendlichen Lebensgefühls zwischen Abenteuerlust und Unsicherheit, zwischen Ehrgeiz und Verlorenheit vermag Kambers Debüt sprachlich nicht ganz zu überzeugen. Allzu oft macht Malte seine Gedankengänge und Überlegungen sichtbar, es wird gesagt, was er sich vorzustellen versucht, was er sich auf einmal fragt, was ihm plötzlich auffällt, was er fast gemacht hätte – das wirkt konstruiert. Häufig beschreibt der Erzähler seine Freunde und Bekannten so, als würde er sie zum ersten Mal sehen und richtet also die Charakterisierungen direkt an die Leserinnen und Leser, was nicht recht zu seinem inneren Monolog passt. Auch ist der Roman stilistisch manchmal etwas ungenau und holprig. Aussagen wie: «Er hatte ständig irgendetwas, mit dem er auf einen einprasselte» oder «Die Sonne donnerte auf einen runter» geben nicht eine authentische Jugendsprache wieder, sondern sind ungelenk. Die kurzen, staccato-artigen Sätze lassen verheissungsvolle Pausen als Leerstellen im Lesefluss entstehen, die der Text nicht zu füllen vermag.
Die Figurenkonstellation hingegen ist glaubwürdig und interessant. Nach und nach werfen Szenen aus der Vergangenheit ein Licht auf das Verhalten und den Charakter der verschiedenen Figuren, ohne sie psychologisch erklären zu wollen. So entwickeln die anfangs etwas rätselhaften Beziehungen zwischen den Jugendlichen einen gewissen Sog, der einen mitzieht bis zu seinem unvermittelten, trockenen Ende: «Ich hielt noch einen Moment inne, stand dann auf und ging».