Hier ist noch alles möglich
Roman

Eine junge Frau wird als Nachtwächterin in einer Verpackungsfabrik eingestellt. Abend für Abend macht sie ihren Rundgang, kontrolliert die Zäune. Ein Wolf soll in das Gelände eingedrungen sein. Mit jeder Nachtschicht wird die Suche nach dem Wolf mehr zu einer Suche nach sich selbst und zur Frage nach den Grenzen, die wir ziehen, um das zu schützen, woran wir glauben.

(Buchpräsentation Aufbau-Verlag)

Ein Mensch ist keine Insel - sondern Teil von möglichen Geschichten

von Ruth Gantert
Publiziert am 30.07.2018

«Hier ist ein neues Umfeld zu erkunden. Hier ist noch alles möglich.» Dies sagt sich die Ich-Erzählerin des Romans, die soeben eine neue Stelle in einer Fabrik angetreten hat und in einen leerstehenden Raum des Fabrikgebäudes gezogen ist. Ihre Aufgabe ist es, als Nachtwächterin das Fabrikgelände zu überwachen. Insbesondere soll sie einen Wolf aufspüren, der auf dem Fabrikgelände gesichtet wurde, und ihn womöglich einfangen.

Der neue Job entpuppt sich als wenig ereignis- und zukunftsträchtig: Der Wolf lässt sich nicht blicken und die Fabrik, die Kartonverpackungen und Archivschachteln herstellt, steht kurz vor dem Verkauf und der Schliessung. Die meisten Mitarbeiter sind schon fortgegangen. Regelmässig zu sehen sind ausser dem Chef nur noch der Koch und der andere Nachtwächter, mit dem die Erzählerin sich die Schichten teilt. Der Niedergang der Fabrik kümmert die junge Frau jedoch wenig. Was die ehemalige Bibliothekarin interessiert, sind Beobachtungen ihrer Umgebung oder Erfahrungen, zu denen sie Einträge in ihr «Universal-General-Lexikon» verfasst: Die Einträge betreffen Begriffe wie «Fabrik», «Wolf», «Zaun», oder den Namen ihres Kollegen, Clemens. Daneben legt sie sich eine Sammlung realer oder imaginärer Inseln zu, auf denen sich spezielle Geschichten ereignen oder besondere Bewohner finden. Die Umrisse dieser Inseln erscheinen zusammen mit anderen kleinen Zeichnungen als Illustrationen im Buch. Fast wäre man versucht, an den «Kleinen Prinzen» von Antoine de Saint-Exupéry mit seinen verschiedenen Planeten und seinem Fuchs zu denken – zumal ein weiteres Motiv sich dazu gesellt: Auch in Gianna Molinaris Romanerstling fällt ein Mann vom Himmel. Hier endet aber die Analogie mit dem während des zweiten Weltkriegs entstandenen philosophisch-verträumten Kinderbuch, denn der Mann, der vom Himmel fällt, ist tot. Seine Geschichte – das wenige, was davon bekannt ist – erfährt die Nachtwächterin aus der Mappe ihres Alter-Ego Lose, eines früheren Mitarbeiters der Fabrik, der nun eine neue Stelle auf dem Flughafen gefunden hat. Auch er ist ein Beobachter, und auch er hat ein Archiv angelegt über ein Ereignis, das ihn beschäftigt: Bei einem nächtlichen Jagdausflug hat er von seinem Hochsitz aus etwas Grosses fallen gesehen. Er ist nicht nachsehen gegangen und hat deshalb erst viel später erfahren, dass es sich um einen afrikanischen Flüchtling handelte, der sich im Triebwerk eines Flugzeugs versteckt hatte, dort erfroren und beim Landanflug schliesslich heruntergefallen war.
Die Geschichte des Flüchtlings klingt im Motiv des Wolfes wieder an: Wie der Flüchtling ist der Wolf ein unbekannter Fremder, der Grenzen überschreitet, weil er seine Existenz sichern will, und der als eine Bedrohung angesehen wird. Auch er soll hinabstürzen, in eine eigens für ihn gegrabene Grube, eine tödliche Falle. Doch es kommt anders, und daran ist die scheinbar nur beobachtende Nachtwächterin nicht unbeteiligt.

«Hier ist noch alles möglich» – dies gilt auch für die Figuren des Buches, denen die Autorin gleichsam verschiedene Existenzen offenhält. So ähnelt die Nachtwächterin dem Phantombild einer Bankräuberin, während Lose von den anderen bald für einen Astronauten, bald für einen Maler gehalten wird. Selbst der Wolf hat, als er dann auftaucht, mehrere Gestalten. Vor allem aber ist es die Sprache, welche die Dinge in der Schwebe lässt, ohne unpräzise zu sein. Möglichkeiten offenbaren sich in vielen Formulierungen, die Fragen, Vermutungen, Vorstellungen oder Wünsche ausdrücken. Was wäre, wenn...? Vielleicht... Ich könnte... Ich frage mich... Irgendwann wird... Ich würde gerne...
Die Autorin schafft es, mit ganz einfachen Sätzen eine grosse Wirkung zu erzielen. So wird die Beziehung der Erzählerin zu anderen Figuren ersichtlich, ohne dass Gefühle benannt werden – Sympathie, Misstrauen, Aggression und Innigkeit treten aus kleinen sprachlichen Nuancen, aus halbfertigen, doppeldeutigen Sätzen oder feinen Beobachtungen klar zutage. Dabei gelingt die Gratwanderung, eine Geschichte, die betroffen macht, ohne jede Betroffenheitsprosa zu erzählen, mit den Mitteln der Literatur, die aus Sprache Realität erschafft:

Kann man hier reinklettern, frage ich und zeige auf den Flugzeugbauch.
Erika schaut mich erstaunt an. Theoretisch schon, sagt sie, aber das ist nicht gemütlich, da sind überall Leitungen, und stell dir vor, du kletterst da rein und dann fährt das Ding los und das Fahrwerk wird eingeklappt und du sitzt da fest.
Ich stelle mir vor: Ich klettere da rein und das Ding fährt los und das Fahrwerk wird eingeklappt und ich sitze fest.

Dank ihrer wachen, unverbrauchten Beobachtungs- und Vorstellungsgabe ist die Erzählfigur, wie sie es sich wünscht, «nicht Teil von einer einzigen Geschichte, sondern wenn überhaupt, von vielen Geschichten zugleich». Anders als im Kleinen Prinzen sind diese Geschichten keine Parabeln und bergen keine zitierfähige Moral. Man liest sie mit umso grösserer Begeisterung.