Kleiner sauberer Krieg

Elvira Dones
Übersetzung von: Adrian Giacomelli

Kosovo-Krieg: 24. März 1999, Einsatz der Nato: 1. Luftangriff, bis 12. Juni 1999, Pristina. Die Bomben regnen auf Pristina, die Stadt ist von Serben umgeben, niemand bewegt sich. Rea, Nita und Hana, drei junge Frauen, stecken in einer Wohnung fest und warten: kein Strom, kein Wasser, kein Telefon. Im Fernsehen schaut die ganze Welt diesem kleinen sauberen Krieg zu. Leben oder sterben, es spielt keine große Rolle. Eine der begabtesten zeitgenössischen Autorinnen gibt ihren drei Protagonistinnen eine Stimme, um das erste Mal den Kosovo-Krieg aus der Sicht der Frauen zu erzählen.

(Buchpräsentation Ink Press)

Der Krieg, von unten betrachtet

von Beat Mazenauer
Publiziert am 30.10.2018

Moderne Kriege werden immer sicherer und sauberer – für die Armeeangehörigen. Lenkwaffen und Drohnen halten sie fern vom brutalen Geschehen. Und jene Handlanger, die das blutige Handwerk vor Ort ausüben, sehen sich oft in einer Machtposition auf bereinigtem Gelände, eine wehrlose Zivilbevölkerung gegen sich. So gesehen hat der Titel von Elvira Dones' Roman Kleiner sauberer Krieg durchaus seine Berechtigung. Damals im Frühling 1999, während des 78-tägigen Kosovo-Krieges, hatten die serbischen Besatzer kaum etwas zu befürchten. Mit unbewaffneten Frauen und Männern, die noch in den Dörfern und Städten ausharrten, liess sich leicht umspringen. Wer von ihnen nicht spurte, wurde verschleppt oder sogleich erschossen.

Den Titel des Romans verdankt Elvira Dones einem vermeintlichen Bündnisgenossen. Der amerikanische Präsident Bill Clinton versprach damals seinen Truppen einen «kurzen perfekten» Krieg ohne eigene Opfer. Dieses Versprechen mit seiner «schrecklichen Ironie», wie die Autorin bemerkt, hat sie augenblicklich angesprungen.

Der überfliegenden Optik aus dem Bombenflugzeug stellt Elvira Dones in ihrem Roman die Perspektive von unten gegenüber. Schonungslos, ungeschönt schildert sie die Grausamkeit, mit der die serbischen Soldaten und Söldner die kosovarische Bevölkerung demütigten, quälten, beraubten, folterten und ermordeten, um sich an ihr für die punktuellen Bombardements der NATO zu rächen. Im Zimmer, heisst es einmal, «waren noch Reste von Knochen und Fleisch und Haut eines winzigen Rumpfes zu erkennen», daneben der Kopf, «dieser schwarze Ballen undefinierbarer Materie». Die beiden Protagonistinnen Nita und Rea werden Zeuginnen dieser grauslichen «nature morte».

Es sind vorab die Frauen, die unter der «Sauberkeit» dieses Krieges leiden, gibt der Roman unmissverständlich zu verstehen. Die Autorin erfuhr davon, als sie vier Monate danach in ein verwüstetes Pristina zu einer Lesung eingeladen wurde. Was sie sah, war eine Stadt in Trümmern, über der ein Geruch des Krieges schwebte.

«Ich habe so viele Frauen mit solch einer Würde gesehen, denen Schreckliches widerfuhr», erinnert sich Elvira Dones an diesen Aufenthalt. «Sie haben mir in ruhigen Worten davon erzählt, und am Ende sagten sie: Sorry, dass wir dich damit behelligt haben.» Für sie hat sie das Buch geschrieben, schreiben müssen.

Mit leidenschaftlicher Anteilnahme entwirft es eine literarische Wahrheit des damals Geschehenen. Kleiner sauberer Krieg ist ein Roman und zugleich eine exakt recherchierte Dokumentation. Die Spannung, die aus der Sorge um die Hauptfiguren erwächst und das Buch trägt, wird immer wieder gebrochen durch kleine vorausschauende Bemerkungen, die jegliche Hoffnung im Keim ersticken. Immer wieder streut die Erzählerin Sätze ein wie: «auch Bejte und Berat werden es nicht schaffen, am Leben zu bleiben». Auf diese Weise fordert Elvira Dones ihre Leserinnen und Leser zum kurzen Innehalten auf, das den Schrecken vertieft.

So düster der Roman sich liest, ein feiner Hoffnungsschimmer zeigt sich dennoch in der Solidarität der drei Hauptfiguren Nita, Rea und Hana, die Freundinnen von Elvira Dones nachempfunden sind. Indem sie zusammenhalten und einander beistehen, wo es möglich ist, bilden sie eine leise Gegenkraft zur männlichen Gewalt: ohnmächtig, aber am Ende erfolgreich. Sie überstehen die 78 Tage äusserlich unbeschadet, da ihnen Glück und Zufall hold sind. Ohne solches gab es damals in Pristina kein Überleben.

Mit ihrer solidarischen «Optik von unten» gibt Elvira Dones Einblick in das kosovarische Trauma der jüngsten Gegenwart, das die unversöhnliche Feindschaft zwischen Serben und Kosovaren verständlich macht – und somit auch die spontane Geste des «Doppeladlers» bei einem Fussballspiel. Vor allem aber erzählt Kleiner sauberer Krieg davon, wie drei Frauen, stellvertretend, diesen Krieg aushalten und überstehen: «so gelassen und unemphatisch angesichts des erlebten Horrors». Elvira Dones' hebt die Erinnerung daran in ihrem Buch auf.