Aber gibt es keins

Beat Sterchi kennt man als Autor, der seine Texte auf unvergleichliche Art vortragen kann, in einem Tonfall, den man nicht vergisst. In Aber gibt es keins zeigt er seine Texte, denn oft sind sie wie Bilder: Wortbilder. Und hier zählt alles, die Typographie, die Schriftgrösse, jedes Wort. «Sieben Tage Venedig» lesen wir beispielsweise, und darunter in fetten Grossbuchstaben: «Heute kein Auto gesehen», sieben Mal. Ob damit ein glücklicher Umstand gemeint ist oder einfach Pech, das bleibt offen. Dass es vertrackt ist, scheint indessen klar. In der Tradition der «konkreten poesie» zeigen Sterchis
Wortbilder, was die Mitgift der Sprache ist: Die Wörter sind aufgeladen mit kleinen und kleinsten Geschichten, und manchmal reicht es, diese Wörter miteinander bekannt zu machen, sie zusammenzubringen, sie erzählen zu lassen. Den Wortbildern gegenüber stehen in diesem Band kurze Gedichte, in welchen die Sprache beim Wort genommen wird. Kleine Sprachbeobachtungen am Rande des Alltags, der Redegewohnheiten, der stillen Übereinkünfte, der Beiläufigkeiten. Und auch hier erweist sich Beat Sterchi als höchst aufmerksamer und begnadeter Chronist des Alltags. Als einer, der genau hinhört und mit wenigen Worten die Augen öffnen kann.

(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand)

Rezension

von Beat Mazenauer
Publiziert am 10.04.2018

Kurt Martis konkrete Poesie wie in «kabbalistik» hat sich Beat Sterchi in seiner Lyrik auf eigensinnige Weise angeeignet. Nach zwei Gedichtbänden 2010 (Ging gang gäng) und 2016 (U no einisch) ist jetzt ein dritter Band erschienen, Aber gibt es keins, in dem Beat Sterchi seine konkrete Poesie nochmals reduziert und minimiert und konzentriert hat; und in dem er den Dialekt mit hochsprachlichen Texten mischt. Mit Eugen Gomringer liesse sich sagen, dass er vom Vers zur Konstellation gefunden hat. Er scheut nicht, wie dieser es in seinem Programmtext 1954 formulierte, «das radikale, positive gedicht: ein paar worte, die spielen und uns beschäftigen».

Reduktion

Sensation
Munition
Arrestation
Helfe
Gottes Sohn

Der Band beinhaltet zwei poetische Stränge. auf der linken Seite stehen, wie die zitierten Zeilen, kurze und kürzeste Gedichte, die auch mal aphoristischen Charakter haben können. Sie werden jeweils rechts von Bildgedichten begleitet, die gerne mit Wiederholungen oder mit Auslassungen arbeiten. Konkret werden die Zeilen von «Reduktion» rechterhand von grossen Buchstaben begleitet, die aus «DAS OPFER» ein lautes «SO» herausschälen. «Matrjoschkas» nennt Beat Sterchi diese bildhafte Stilfigur. Im einen steckt mal unvermutet, mal bloss übersehen ein vielsagend Anderes.

Auffallend an diesen neuen Gedichten ist, wie Beat Sterchi in der sprachlichen Verknappung gehäuft wieder auf die Hochsprache zurückgreift.

Klang

Mein Klang
Dein Klang
Einklang

Die hohe Variabilität des Mündlichen verhindert, hier beispielsweise, den Gleichlaut, weil «min – din – ein» im Dialekt variiert wird. Das lyrische Spiel, dem sich Beat Sterchi hier ergibt, bezieht sich seltener als in früheren Gedichten auf alltägliche Redeweisen, sie vertrauen eher – so ein Dreizeiler – auf die «Drei Könige aus dem Morgenland»:

Der Sehweise
Der Denkweise
Der Schreibweise

«Aber gibt es kein», steht als Titel über diesem Band. Auch wenn Beat Sterchi hier an einem Nullpunkt seines Schreibens ankommt, der radikalen Verdichtung und Weglassung – ein «Aber» gibt es dennoch. Aller Reduktion zum Trotz wird er nicht in eine poetische Leere fallen. Er sei, lässt er vernehmen, am Schreiben von längeren Prosatexten in Standardsprache. Mag es auch wie ein Zauber wirken, aus der kleinsten Matrjoschka taucht womöglich am Ende wieder eine grosse Figur auf. In der Literatur ist alles möglich.

Aus: «Ir Bärner Umgangssprach». Marti, Vogt, Sterchi und «Bern ist überall», ein Fokus von Beat Mazenauer.