Farantheiner

Wenn man die Schwerkraft geometrisiere, seien die Bewegungen, die unsere Planeten um die Sonne machten, nur scheinbar kreis- oder ovalförmige. Vielmehr müssten sie als Geraden beschrieben werden, da sie den direktestmöglichen Weg dieser Körper um die Sonne bedeuteten. Wie der Apfel, der von Newtons Baum fällt, durch die Schwerkraft nicht von einem möglichen Ideal – am Baum oder in der Luft geisterhaft zu schweben? – abgelenkt werde: Im Fallen würde er sich, den Planeten gleich, auf die Reise seiner Lebens begeben und die geradestmögliche Bewegung ausführen, zu der er auf dieser Erde fähig sei. Oder umgekehrt: Das Umkreisen der Sonne ist ein fortwährendes Fallen und das Sonnensystem eigentlich ein Früchtekorb voller Fallobst. Wenn das Schreiben nun auch, vielleicht um einen unsichtbaren, Stern kreist, sind dann die Bahnen, die es zieht, auch eigentliche Geraden? Die Stationen dieses Buches wären in diesem Fall unter anderem die folgenden: Ein an Bedingungen geknüpftes Testament. Ein Weinberg in den Weiten des nordamerikanischen Kontinents. Cowboys. Das Öffnen von Türen. Das Gehen unter der Sonne. Ein Pferdedieb. Und mitten drin: das »ungezügelte Verlangen«.

(Buchpräsentation Die Brotsuppe)

Dekonstruktion einer love affair

von Beat Mazenauer
Publiziert am 21.08.2018

Kat warf die Sporttasche auf den Boden und griff dem Mädchen an den Hintern. Er zog das Mädchen zu sich. Die gut gebaute Blondine in seinen Armen.

Solche Sätze bringen den Gefühlspegel zum Schwellen und die Fantasie in Wallung – unweigerlich. Sie sind das Markenzeichen einer Trivialliteratur, die mit einfachen Signalen auf vorhersehbare Wirkung zielt. Es bedarf keiner Nachfragen, die Situation ist plastisch geschildert und lässt keine Zweifel zu. Es sei denn, ein Autor wie Patrick Savolainen liest einen solchen Text und fühlt sich dadurch literarisch herausgefordert.

Er habe, hat er der Bernerzeitung zu Protokoll gegeben, von seinem Freund Wolfram Höll einen Groschenroman geschenkt erhalten und ihn auch gelesen. Es handelte sich um Für eine Nacht ohne Tabus von Sandy Sheen. Im Original heisst das Buch After loving und steht in einer Reihe von ähnlich getakteten Romanen dieser produktiven Schreiberin. Vermutlich wenig beglückt, aber immerhin angeregt durch die Lektüre hat Patrick Savolainen die Schmonzette zur Vorlage für eine narrative Dekonstruktion genommen.

Farantheiner heisst sein Buch, in welchem er die Story auf eigenwillig neue Weise erzählt und dabei immer wieder originale Zitate einbaut, um Variation und Vorlage miteinander zu verknüpfen. Entstanden ist so eine Meta-Erzählung über eine Begebenheit irgendwo unter der texanischen Sonne. Es geht um den schwer verletzten alten Farantheiner, der vom Cowboy Kat nach Hause auf sein Weingut und seinen Reithof gebracht wird, wo er im Beisein der Tochter Isabelle stirbt. Die darauf folgende Verwicklung vermengt Erbschaftsfragen mit einer vertrackten Romanze, zusätzlich kompliziert um einen Viehdiebstahl.
Eine Werbeseite für das amerikanische Original beschreibt es so:

Cade ist seit Jahren verrückt nach Belle. Aber sie ist Champagner und Seidenlaken, er ist Bier und ein Bettzeug. Wie könnte sie glücklich mit ihm sein? Aber Cade kann sie nicht ablehnen. Er spielt damit, dass eine unglaubliche Liebesnacht Belle überzeugen wird, ihn zum Ehemann zu nehmen.

Patrick Savolainen verfolgt bei seiner Nacherzählung freilich eigene Interessen. Er zerlegt die Ursprungshandlung in Einzelteile, fügt sie neu zusammen und erweitert sie durch Träume und Detailaufnahmen. Sein Spiel setzt schon bei der Namensgebung an – wohl unfreiwillig, weil die Namen der Protagonisten der deutschen Übersetzung entnommen sind. Aus Cade McBride wird ein genderbezogen ambivalenter «Kat», aus Belle eine «Isabelle» und aus Farentino ein «Farantheiner», was entschieden skurriler klingt als im texanischen Original.

Dieser alte Farantheiner wird, schwer verwundet, in der fulminanten Eingangsszene von Kat auf dem Pferd durch die Kakteenwüste nach Hause geschafft. Das Kapitel ist mit «Die Erinnerung einer Erinnerung» betitelt, es lässt die beiden Reiter am Horizont unter einer Staubwolke auftauchen und näher kommen – wie in einer cinemaskopischen Filmsequenz. Die sich erinnernde Beobachterin zoomt dabei immer näher heran, um nicht nur zu sehen, sondern immer mehr auch zu wissen, was in den beiden Figuren vorgeht. Diese Verschiebung der Perspektive gipfelt in einem kommentierenden Satz wie: «Wozu brauche der Mensch Bücher, wenn ihm doch die Natur solch wundervolle Erscheinungen bestellt habe...»

Konstitutiv für Patrick Savolainens Dispositiv ist diese indirekte Rede sowie der Konjunktiv, der die Erzählung (und Erinnerung) nachhaltig prägt. Selbst Kat und Isabelle sprechen zuweilen in indirekter oder konjunktivischer Rede übers eigene Erleben. Sie kommentieren gewissermassen sich selbst, in Kats Worten: «Was wenn, Isabelle, genau diese Frage nach dem Möglichen gerade andersherum gestellt werden müsste? Also muss? Das ist doch die eigentliche Möglichkeitsform, das alles ist» – und es möglich machte, «selber zur Figur zu werden».

Der Roman Farantheiner betreibt ein Spiel mit einer literarischen Vorlage, der der Autor sich überkreuzende Perspektiven überstülpt, so dass die Vorlage bloss noch in typografisch markierten Zitaten kenntlich ist. Patrick Savolainen wendet dabei filmische Techniken an, wie sie aus dem Experimentalgene bekannt sind: etwa bei Werner Nekes, wenn eine Sentenz auf einmal in verschiedene Perspektiven respektive Satzstellungen aufgesplittet wird. Aus einer trivialen Kussszene wird so die distanzierte Erörterung der Möglichkeit einer Kussszene.

«Sie will, aber weiss es noch nicht», sagte er. «Sie weiss, aber will es noch nicht», sagte er. «Sie weiss, dass sie nicht will», sagte Isabelle. «Sie weiss, dass sie weiss», sagte Kat. «Was weisst du schon?», sagte Isabelle. «Komm zieh dich aus, jetzt.»

Unter solchen Auffächerungen geht der zugrundeliegende Plot des himmelstürzend banalen Originals fast gänzlich verloren. Die körperlichen Reaktionen der «Liebenden» werden freigestellt und treten an die Stelle der eigentlichen Erzählung, die bloss noch rudimentär zu erahnen bleibt. Auf einen Vorschlag seinerseits, die Erbschaft (welche?) betreffend, reagiert sie wie folgt:

Worauf sich ihr Hals sichtbar anspannte.
Worauf sie ihren Brustkorb hob und ihre Arme senkte.
Worauf ihre Wangen sich röteten und ihre Ohren erblichen.
Worauf sich ihre Pupillen weiteten und ihr Lidschatten zitterte.

Die oft multiperspektivischen, kurzatmigen Szenen ufern zwischendurch immer wieder in längere Passagen der Reflexion oder der filigran verästelten Erzählung im Western-Style aus. Nicht immer ist dabei restlos klar, wer auf welcher Ebene exakt spricht und erzählt. In dieser Variation eines Trivialromans hat auf Seite 132 auch dessen Autorin Sandy Steen alias Sandra Steehn einen Auftritt als «Gründervater» einer kleinen Ortschaft. So stehe es in einer kurzen Chronik, heisst es.

Das Spiel mit der Unschärfe, Mystifizierung, Überblendung und Ungleichzeitigkeit hat bei Patrick Savolainen System. Farantheiner ist ein gewitztes, oft verblüffend bildhaftes, attraktives Experiment, das sich, das sei nicht verhehlt, vom Leser auch einige Geduld einfordert. Die Rückweisung einer simplen Story hat ihren Preis. Unter literarischen Gesichtspunkten ist diese Variation der originalen Erzählung After Loving vermutlich doch vorzuziehen.