Das Eidechsenkind Roman
Das Eidechsenkind ist in Italien daheim und im Gastland zu Hause. Hier muss es sich verstecken: unter der Kredenz, im Schrank, in der Abstellkammer. In Ripa hingegen rennt der Junge wie alle Kinder dem Ball hinterher, jagt draußen den Wespen nach, gleitet von einer Umarmung in die andere. Dort, bei Nonna Assunta, wo ein Haus darauf wartet, fertig gebaut zu werden. Hier im Gastland geht der Vater Tag für Tag auf den Bau, die Mutter in die Fabrik – das Eidechsenkind lässt Stunden und Tage verstreichen. Es vermisst die Wohnung mit seinen Schritten, hört die Nachbarin um Mehl bitten, die Kinder im Hof Fangen spielen, sieht die Stiefel des Padrone, der gerne zum Abendessen kommt und lange bleibt. Bis es sich eines Tages zu heimlichen Streifzügen ins Treppenhaus hinauswagt, in andere Wohnungen, wo niemand die Gegenwart des Eidechsenkindes auch nur ahnt. Einzig Emmy, dem Mädchen, das neu im dritten Stock wohnt, gibt sich das Eidechsenkind zu erkennen. Der Dachstock gehört ihnen, doch bald will Emmy hinaus in die Welt, eine Band gründen, ans Meer. Aus der Sicht eines Kindes erzählt Vincenzo Todisco in diesem erschütternden Roman von einem klandestinen Schicksal in einem belebten Wohnhaus, von kindlichem Einfallsreichtum und heimlicher Freundschaft.
(Buchpräsentation Rotpunktverlag)
Kindheit im Versteck
«Ich bin die Mutter», antwortet die Mutter in der Notaufnahme des Spitals auf die Frage, ob sie eine Verwandte des Jungen sei, der mit einer akuten Blinddarmentzündung operiert werden muss. Ein scheinbar banaler Satz, der jedoch am Ende von Vincenzo Todiscos erstem Roman in deutscher Sprache Das Eidechsenkind berührend und keineswegs selbstverständlich sein wird. Doch von Anfang an.
«Das Kind», Hauptfigur der Erzählung, lebt in einer winzigen Welt. Es lebt versteckt in einer Wohnung. Das «Gastland» – man darf sich wohl die Schweiz vorstellen – bietet seinen Eltern Arbeit, die sie im fernen Heimatdorf in Italien nicht bekommen. Kinder sind hier nicht erlaubt, und so soll der Junge ein Weilchen versteckt bleiben. Wenn das Haus in der südlichen Heimat fertig gebaut ist, will die Familie zurückgehen. Aus dem Weilchen wird schliesslich ein Jahrzehnt. Das Kind geht währenddessen nicht zur Schule und hat fast keine sozialen Kontakte.
Das Kind durchschreitet und durchmisst die Wohnung und zählt dabei jeden Schritt. Jederzeit ist es bereit, innert Sekunden in den Schrank oder ins hinterste Zimmer zu flüchten, falls der herrische Arbeitgeber des Vaters, der verdriessliche Hausmeister oder sogar die Fremdenpolizei vor der Tür stehen sollte. Das Kind muss leise sein, es darf etwa «nur so tun, als würde es mit dem Ball spielen, denn dort darf kein Ball sein».
Das Kind macht aus der Not eine Tugend. Niemand ist so schnell, so unsichtbar und unhörbar wie das Kind – das «Eidechsenkind». Dabei bekommt es alles mit, durch die Schranktür, durch das Fenster oder durch die Ritzen in den Wänden. Irgendwann beginnt das Kind, sich aus der Wohnung zu schleichen. Falls jemand kommt, ist es stets bereit, im Treppenhaus des Mietshauses in eine Truhe zu springen oder unten im Dunkel des Treppenabsatzes zu verschwinden. Im Estrich des Hauses richtet es sich einen kleinen Unterschlupf ein, wo es stundenlang reglos ausharrt.
Die Erzählstimme, die das Kind in der dritten Person beschreibt, ist knapp und trocken und enthält sich jegliches Emotionsausbruchs oder Urteils. Das irritiert und ist wirkungsvoll. Denn viel gibt es in dieser traurigen Geschichte zu beklagen, von der traurigen Existenz des isolierten Kinds über die Selbstgerechtigkeit der Einheimischen gegenüber den Gastarbeitern bis hin zur Tragödie einer Familie, die einem unerreichbaren Lebenstraum nachstolpert.
Das alles bestimmt das Leben des «Eidechsenkinds», doch es liegt ausserhalb seiner eigenen Artikulationsfähigkeit. Und so spiegelt Todiscos reduzierter Erzählstil, der die Enge und Beklemmung ebenso einfängt wie die selbstverständliche kindliche Anpassungsfähigkeit, genau das, worum es geht.
Bitter fährt die Ironie des Schicksals ein, wenn gegen Ende des Buchs geschildert wird, wie der Vater einen Krebs diagnostiziert bekommt und rasch daran stirbt. Sein Lebenswerk, ein Haus in Italien, ist fast fertig. Dafür hat er hart gearbeitet, dafür hat seine Frau an der – klimatischen wie sozialen – Kälte gelitten, und dafür hat eine ganze Kindheit im Verborgenen stattfinden müssen. Bewohnen wird dieses Haus keine der drei Personen.
Wenn am Schluss des Buchs in einer knappen Passage angedeutet wird, dass der Junge gefährlich an einer Blinddarmentzündung erkrankt, dass sich die Mutter dazu durchringt, einen Arzt zu rufen, und dass sich die Gesundheitsversorgung im «Gastland» klaglos ihres illegalen Einwohners annimmt, dann schrammt es damit vielleicht nahe am Kitsch vorbei. Nun sind normale Verhältnisse wiederhergestellt, die selbstverständlich sein sollten, es aber für das «Eidechsenkind» und andere versteckte Kinder nicht waren. Die Mutter darf endlich Mutter sein, das Versteckspiel hat ein Ende, ein junger Mann hat endlich ein Leben vor sich.