Louis oder der Ritt auf der Schildkröte
Als Hans Roth wurde er 1849 in einem Bergdorf geboren, als Louis de Montesanto – Weltreisender, Bestsellerautor und Hochstapler – stirbt er 1921 in London. 13-jährig floh er in die Welt: Mit einer Schauspielerin wohnte er in Paris, in London wurde er zum Butler, mit einem Gouverneur schiffte er sich nach Perth ein. Er verliebte sich bei den Aborigines, jagte Warane, heiratete in Sydney und zog mit einem Wanderzirkus durchs Land. Zurück in London dichtete er seinem erstaunlichen Leben noch so einiges hinzu. Michael Hugentobler erzählt das Leben eines wagemutigen Exzentrikers, der stets darauf bedacht war, frei und unabhängig zu bleiben in der großen weiten Welt.
(Buchpräsentation dtv)
Rezension
Am Anfang steht ein kleiner Mann auf zwei schlecht aufeinandergestapelten, wackligen Kisten vor «einer hügeligen Ebene aus Hüten» und ringt um Worte, von der Menge der Lüge bezichtigt. Dieses Bild wirkt nach und wird immer mehr auch zur Metapher – schon im ersten Kapitel wird klar: Bei der Hauptfigur Louis de Montesanto haben wir es mit einem Hochstapler zu tun und diese und seine Geschichten gründen auf einem wackligen Fundament.
Berühmt wurde der Mann durch seine Erzählungen von seinem Leben mit den Ureinwohners Australiens, von wilden Kämpfen als Stammeshäuptling, von der Ermordung eines Krokodils durch ein blosses Papier, vom Ritt auf einer Schildkröte. Auf seiner Reise trifft er verschiedene Gestalten und alle erzählen Geschichten. Bob Fraser, den er in einem Salon in Australien trifft, erzählt ihm von seinen Abenteuern, und auf die Frage von Louis, ob das denn alles wahr sei, antwortet er: «Alles ist wahr, solange es angemessen ist». Später trifft Louis auf einem Schiff auf Jacky Jacky, dessen Geschichten einander «umhüllten wie die Schichten einer Zwiebel», und auch da bemerkt Louis: «Das Konzept der Wahrheit schein dabei zweitrangig zu sein», und er «fragte er sich, ob Wahrheit für eine Geschichte überhaupt nötig sei. Und so fragte er sich dann auch, ob sein eigenes Leben jemals erzählt würde, und wie sich das wohl anhören könnte».
Genau eine solche Erzählung lesen wir in Michael Hugentoblers Romanerstling Louis oder der Ritt auf der Schildkröte, und schon der Titel mit dem bekannten «oder» deutet darauf hin, dass wir eine der vielen möglichen Varianten einer Lebensgeschichte lesen. In der uns präsentierten Version wird Hans Roth in einem kleinen Schweizer Dorf unter widrigen Umständen geboren, von Anfang an weder geliebt noch beachtet, und so verlässt er als 13-Jähriger seine Heimat, um nie wieder zurückzukehren. Seine Reise führt ihn zu einem Pfarrer, wo er die Liebe zur Literatur (und zur Fiktion) in der Form des Abenteuerromans Robinson Crusoe entdeckt (und zu weinen beginnt, als er erfährt, dass die Geschichte nur erfunden ist,) und weiter über London, wo er seinen alten Namen gegen Louis de Montesanto und seine Schweizer Herkunft gegen eine französische, adlige eintauscht, bis nach Australien. Er ist kein angenehmer Zeitgenosse, sicher kein Protagonist, mit dem man sich als Leser identifiziert und mitleidet. Sprunghaft, genauso wie die Erzählung, fühlt er sich nur sich selbst und seiner Freiheit verpflichtet. Eine ungewöhnliche Hauptfigur also – nicht abgerundet, nicht sympathisch, und auch nicht wirklich fassbar. So egoistisch wie Louis handelt, so erzählt er auch: seine Leser nimmt er nicht an der Hand, sondern springt davon, wohin und wann es ihm passt, er erzählt üppig und fantasiereich, aber nur, was er will, und so scheinen die Wendungen, die sein Leben nimmt, bisweilen unmotiviert und schwer nachvollziehbar. Was man dem Roman aber als Schwäche ankreiden möchte, stellt sich spätestens am Schluss als Notwendigkeit heraus.
Die Personen, denen Louis auf seinem Weg begegnet, werden öfters zitiert, wie sie sich später gegenüber den Medien über Louis äussern. Und die Medien sind es dann auch, die Louis als Lügner entlarven, nachdem seine Abenteuer im Globe Magazine erschienen sind. Alle möglichen Fachleute vom Biologen über den Psychoanalytiker bis zum Fährtensucher bezeugen aus ihrer Expertenperspektive, dass Louis Erzählungen nicht stimmen können – nur die Schriftsteller und Literaturwissenschaftler zeigen sich begeistert von Louis’ Erzählungen.
Damit bricht Michael Hugentobler eine Lanze für die Fantasie, für die Fiktion, für die Literatur. Ironischerweise beruht genau dieser Roman auf einer wahren Begebenheit; einen Louis, der Ende des 19. Jahrhunderts die ganze Welt mit seinen Abenteuergeschichten zum Narren gehalten hat, hat es tatsächlich gegeben. Michael Hugentobler geht mit diesem Stoff virtuos und fantasievoll um. Er ändert den Nachnamen, erfindet wild dazu und betont dabei immer zu, dass «Wahrheit zweitrangig ist» – so hält er die Freiheit, die er auch seinem Protagonisten gewährt, als Geschichtenerzähler hoch. Obwohl die Geschichte im 19. Jahrhundert spielt, hält Hugentobler auch einer Gesellschaft den Spiegel hin, die nach Sensationen lechzt, in der Menschen hoch aufsteigen und genauso tief fallen können und in der nachlässig mit Fakten umgegangen wird. Nebst aller Gesellschaftskritik, ist Louis oder der Ritt auf der Schildkröte aber auch einfach ein grossartiges Leseabenteuer, und die Leser folgen Louis – wie zuerst auch die Londoner Gesellschaft – bereitwillig durch seine Abenteuer, ohne ihn am Schluss zu verurteilen.