Visby infra-ordinaire listen, würfeln, finden
Der Text inszeniert und dokumentiert „eine an die psychogeographischen Experimente der Situationisten gemahnende Methode, gewissermaßen einen Keil in die geläufige, wie von selbst funktionierende Praxis zu treiben, mit der wir uns in einer durchschnittlichen europäischen Stadt – sei es in Winterthur, in Budweis oder eben in Visby – aufgrund unseres Vorwissens und unserer Erfahrung meist mühelos orientieren können. Eine gerade Augenzahl bedeutet: nach rechts abbiegen; eine ungerade nach links. Mit einem Würfelwurf wird auch bestimmt, wieviele Blöcke man der Straße zu folgen hat. Ist der neue Standort dann erreicht, geht es um »Materialgewinnung«; Notizen und Photos werden gemacht, mit Klängen und mit Text improvisiert. Oder ein »Würfelgedicht« entsteht.“
(Florian Neuner, edition taberna kritika)
Elisabeth Wandeler-Decks gewürfelter Weg nach und durch Visby
Elisabeth Wandeler-Deck: Visby infra-ordinaire
In einem 1989 posthum erschienenen Aufsatz prägte Georges Perec den Begriff «infra-ordinaire», mit dem er sich gegen den Kult des Extraordinären stellte. «Wo ist das, was wirklich geschieht», fragte Perec: «das Banale, das Alltägliche, das Selbstverständliche, das Allgemeine, das Gewöhnliche, das Infra-Gewöhnliche». Es ist gewiss eine der schönsten Aufgaben von Literatur, genau diesem Infra-Ordinären Ausdruck zu verleihen. Auf eigenwillige und Perec höchst angemessene Weise hat sich das auch Elisabeth Wandeler-Deck in ihrem neuen Buch zur Aufgabe gemacht. Visby infra-ordinaire heisst es, in Anlehnung an Perec und an Jacques Roubauds «Tokyo infra-ordinaire» stellt es sich in die Tradition der Oulipo-Gruppe, die ein ausgesprochenes Faible für die Regelhaftigkeit von Texten pflegt. Ihre «Literatur unter Einschränkungen», wie eine Selbstdefinition lautet, lotet die Potentiale der Literatur mit den Mitteln der Mathematik, des Zaubers und des Zufalls aus.
Daran schliesst Elisabeth Wandler-Deck an. Ausgehend von einem Aufenthalt als Writer in Residence in der gotländischen Hauptstadt Visby unternimmt sie eine systematische Erkundung der Stadt mit beschreibenden Mitteln. Gemeinsam mit der ebenfalls in Visby residierenden Komponistin Margrit Schenker «würfelte» sie sich durch die Stadt. Sie ging dabei wie folgt vor: Ein Würfelwurf bestimmte an einem bestimmten Kreuzungspunkt in der Stadt, ob sie nach rechts (gerade Zahl) oder nach links ging, und (je nach Augenzahl) über wie viele Strassenverzweigungen hinweg bis zum nächsten Standort. Hier hielt sie inne, beobachtete, und notierte, was sich zeigte oder tat. Danach folgte ein weiterer Würfelwurf. In einem späteren Arbeitsgang hat Elisabeth Wandeler-Deck die so gewonnenen Aufzeichnungen kategorisiert, verfeinert und ergänzt. Jedem der Standorte (1.) hat sie weitere Spezifikationen (1.1), spontan auftauchende Gedanken (1.1.1), Zitate oder zuletzt auch eigene Textversuche (1.1.1.1.1.1) beigefügt, die aus der fraglichen Konstellation entstanden sind. Systematisiert und durchnummeriert ist daraus ein höchst sonderbarer, vollends durchstrukturierter, zugleich spielerisch anregender Text entstanden, der sich einer herkömmlichen Lektüre entzieht.
Mit ihrer im Wortsinn aleatorischen Bewegungsformel macht sich Elisabeth Wandeler-Deck so – bereits bei sich zuhause in Zürich ansetzend – auf den Weg nach und durch Visby, um ihre Reise auf «infra-ordinäre» Weise zu dokumentieren. Die Reise per Würfelwurf beginnt wie folgt:

usw.
Der fragmentarische wie fragmentierte Text wird so von Tag zu Tag fortgeschrieben. Das Wort «Rand» beispielsweise überdauert die erste Nacht und wird am 26. Juli weiter variiert. Am selben Tag fällt der Autorin auch das Wort «tapfer» ein und «unterbricht mich in ein weiteres Nichtwissen hinein».
Diese Tapferkeit ist auch den Leserinnen und Lesern für diesen vielfältig geschichteten Text gewünscht, der einen Stadtaufenthalt dokumentiert und zugleich die Bedingungen des eigenen Schreibens mitreflektiert. Das muss nicht, kann aber ein grosses Vergnügen bereiten, die Neugier auf eine literarisches Experiment vorausgesetzt.
In: Fokus «Poetische Experimente 2018» von Beat Mazenauer, 17.07.2018