poema Gedichte und Essays
Vor 65 Jahren erschien Eugen Gomringers Gedicht «avenidas» in der Zeitschrift «spirale». Es war ein erstes Beispiel jener «Konstellationen», die in der Folge eine wesentliche Grundform der Konreten Poesie bilden sollte. Auf unvermutete Weise hat dieses Gedicht in jüngster Vergangenheit für Zündstoff gesorgt und eine umstrittene Aktualität gewonnen – Anlass genug, das dichterische Werk des Begründers der Konkreten Poesie neu zu betrachten. Eugen Gomringer hat dazu eine Anzahl seiner wesentlichen Gedichte versammelt, sie selber kommentiert und ihnen Essays bekannter Autorenkollegen beigegeben. Er hält damit Rückschau auf die Entwicklung einer literarischen Bewegung, deren minimalistischer Reduktionismus zunächst als belanglose Spielerei belächelt wurde, deren kreatives Potential sich unterdessen jedoch in einer weltweiten Rezeption und Verbreitung erwiesen hat. Im Mittelpunkt des vorliegenden Bandes stehen sechzehn Texte, die ebenso sinnfällig wie schlagend vor Augen führen, dass nicht nur inhaltliche, sondern auch streng formale Verdichtung poetische Wirkungen hervorbringen kann. Die vielen Facetten dieses Verfahrens zeigen die Gedichte «schwiizer», «ode an züri», «fünf vokale», «schweigen», «kosmos chaos extase», «chumm», «wind», «häuser des i ging», «sie wirken zusammen», «avenidas y flores», «kein fehler im system», «konstellationen», «ping pong», «möv möv», «das schwarze geheimnis», «gleichmässig gleich» und «vokale».
(Buchpräsentation Nimbus Verlag)
Ein Text macht sich frei
Dass sein Gedicht prominent an die Fassade einer Hochschule gemalt wird, passiert einem lebenden Künstler selten genug. Dass darüber dann auch noch eine grosse und heftige Debatte losgetreten wird, ist ein rarster Glücksfall – sollte man meinen. Doch die Art und Weise, in welcher ein Studentinnen-Ausschuss auf seiner Lesung von «avenidas» als sexistischem Text beharrte und auf der Tilgung des Werks bestand, dürfte Eugen Gomringer die Freude an der Episode verdorben haben.
Dass Gomringer sich eine Auseinandersetzung mit seinem Werk wünscht, davon zeugt der Band poema, in dem er eine breite Auswahl seiner Gedichte vorstellt und von einer Vielzahl von Freunden und Kritikern kommentieren lässt. Das Buch versammelt eine Reihe von kundigen und lesenswerten Essays, einerseits zur allgemeineren Würdigung Gomringers und der von ihm begründeten Konkreten Poesie und andererseits zur vertieften Analyse und Kontextualisierung einzelner Poeme. Neben Originalbeiträgen liest man gerne noch einmal Michael Lentz’ Rede und Peter von Matts Zeitungsessay zu Gomringers 90. Geburtstag und Kurt Martis frühen Text «Gedichte wozu?», in dem er bereits 1956 die Radikalität und gesellschaftliche Funktion von Gomringers Poesie hervorhob.
Marti fasste die konkrete Poesie als Gebrauchsgegenstand auf, dessen Gebrauch darin besteht, das Spiel weiterzuspielen, fortzuführen, selbst tätig zu werden und in die Auseinandersetzung mit der Sprache einzurücken. «Wer sich mit Gomringer auseinandersetzen will – und das wäre wünschenswert, dass das geschieht –, muss sich mit seiner Gesamtkonzeption auseinandersetzen und darf nicht bei dieser oder jener Eigenwilligkeit, die ihm ge- oder missfällt, stehen bleiben.» Ein geradezu prophetisch anmutender frommer Wunsch, aus heutiger Sicht.
Mit Walter Jens, der sich im Band zum Mundartgedicht «schwiizer» äussert, könnte man festhalten, dass zuviel «kursorische», und zuwenig «statarische Lektüre» von «avenidas» erfolgt ist. Denn, «auf dieses Wechselspiel von entzücktem und meditierendem Lesen haben alle Arbeiten Gomringers Anspruch». Dass die kursorische Lektüre neben Entzücken auch Entrüstung zeitigen kann, hat Jens nicht mehr miterlebt.
Der Gang durch verschiedene Spielarten von Konkreter Poesie zeigt indessen schön, dass das Konkrete in der Konkreten Poesie eine graduelle, oder gar relative Sache ist. Gomringer weist in seinen einleitenden Bemerkungen zu «avenidas» zwar auf die konkrete Form des «y» hin, das auch graphisch eine Verzweigung und Verknüpfung zwischen den Begriffspaaren wie «avenidas» und «mujeres» hinweist. Doch für Marc E. Cory, der Gomringers Gedichte in einer Spannung zwischen offenem und geschlossenem System sieht, ist klar, dass «avenidas» auf der geschlosseneren Seite steht. Das Gedichte «baum kind hund haus» dagegen, das mit «avenidas» viel gemeinsam hat, verzichtet auf die Konjunktion «y» oder «und» oder auf sonstige Zwischenwörter, welche die Auslegung kanalisieren würden.
Wie Cory aufzeigt, und wie viele Kritiker implizit anerkennen, ist es keineswegs so, dass «abstrakte», die Umweltrealität abbildende Auslegungen von Gomringers Gedichten abwegig wären. Auch Gomringer selbst sagt, mit Blick auf das Gedicht «möv», das die «herstellung einer zweiten realität», der konkreten Kunstrealität, immer auch ein Stück weit mit Abstraktionsprozessen einhergeht. «einem solchen ambivalenten prozess begegnet man wiederholt in der konkreten poesie, da der minimalste laut, das einfachste zeichen stets mit einer bedeutung aufgeladen ist.»
Und so ist es zweifellos auch bei «avenidas». Das Gedicht, in dem ein Bewunderer eine Konstellation von Alleen, Blumen und Frauen bewundert, ist – zumindest auch – eine Abstraktion einer Umweltrealität, nämlich einen Boulevards von Barcelona. Nach seinen eigenen poetischen Idealen mag das Gedicht nicht als «ein Gedicht über…» gemeint sein, aber es wird unweigerlich so gelesen werden. Ein unglücklicher Zufall vielleicht, dass gerade diese Konstellation in den Fokus einer kritischen Debatte geraten ist, aber jedenfalls ein Umstand, dem sich die hochkarätigen Autoren des poema-Bandes ruhig ein wenig genauer hätten widmen können.
Auch Gomringers Tochter Nora, die einen kurzen Originalbeitrag zu «avenidas» beisteuert, wagt sich nicht aus der Deckung. Das Gedicht erfreue viele und erzürne nur manche, hält sie fest. Und, «der Text ist – dabei bleibe ich – null agitativ.» Während es bei mehreren Konstellationen für die Autoren des Bandes kein Problem darstellt, die aussersprachlichen Bezüge in die Interpretation miteinzubeziehen, wird «avenidas» mit spitzen Fingern angefasst. Und so bleibt unausgesprochen, worauf sich wohl alle halbwegs an einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Gedicht Interessierten sollten einigen können: Dass dieses Kunstwerk nicht nur überzeitlich geniessbare konkrete Vorzüge hat, sondern auch die Abstraktion einer Umweltrealität ist, die vom Geschlechterklischee der 50er Jahre geprägt ist, und die also – doch wohl glücklicherweise – schlecht gealtert ist.
Und so mutet der in keckem Barbie-Pink gefasste Band ein wenig wie ein Enactment von Gomringers berühmtem Gedicht «schweigen» an, in dem inmitten von vierzehn Wiederholungen des Titelwortes eine Leerstelle klafft: Viel beredtes Schweigen tanzt rings um das eigentliche Schweigen, bei dem Sprachlosigkeit herrscht. Auch das Poem «schweigen» ist übrigens geschlechterpolitisch nicht ganz so unverdächtig, wie man denken könnte. Für Oskar Pastior eröffnet sich «das ‹Loch des Schweigens› als metaphorisches Genital der Interpretation». Damit wird das Gedicht exemplarisch für eine Auffassung des Gedichts als Porno-Graphie im wahrsten Wortsinn. Der Text macht sich frei für die befruchtende Penetration des männlichen Interpreten. Bleibt zu hoffen, dass diese Lesart nicht in die Hände von Leserinnen oder Lesern fällt, die dem Gedicht im öffentlichen Raum begegnen.