Hunde im Weltraum Erzählungen
Andreas, mit einem Gerichtsfall befasst, steht vor dreieinhalb Meter Akten und soll darin die Wahrheit ausfindig machen. Fabienne und ihr Freund suchen am Samstag Abend den ultimativen sexuellen Kick, um am Sonntagnachmittag bei den Eltern Kuchen zu essen. Und schließlich Philipp, Fahrradkurier, der sich sein Fahrrad – seinen Silberpfeil – klauen lässt. Matthias Amanns Figuren, auf der Zürcher Langstrasse, vor Susan’s Tattoo-Shop, im Kosmonautenmuseum in Moskau oder in Oman unterwegs, ahnen, dass sie die Fährte verloren haben. Das Leben war einfach schneller. Wie sich der verträumte Einzelgänger im Dachstock, das junge Paar im Schrebergarten, der Fahrradkurier ohne Fahrrad langsam an eine unsichtbare Linie herantasten, sie berühren und manchmal überschreiten, davon erzählen die klug gebauten und sprachlich dichten Geschichten. Und nicht zuletzt vom Unbehagen an einer Welt, in der man Hunde im All vergisst.
(Buchpräsentation Rotpunktverlag)
Rezension
Ihm fehle die Ruhe, antwortet der Protagonist der kurzen Erzählung «Susan's Tattoo Shop» auf die Frage, wie er mit dem Schreiben vorankomme. Der Umzug und die Jobsuche fügt er als Hinderungsgründe an. Der Zürcher Autor Matthias Amann muss sich seit Erscheinen seines beachtlichen Debüts Hunde im Weltraum nicht mehr erklären; allfällige Schreibschwierigkeiten hat er bravourös hinter sich gelassen. Die neun sorgfältig komponierten Erzählungen zeigen Lebenswelten junger Erwachsener, die zur Generation des 1972 geborenen Autors gehören. Es sind Menschen aus einem urbanen Umfeld wie sie in Zürich anzutreffen sind: ein Velokurier, ein Gerichtsmitarbeiter oder eine Lehrerin, die Schauspielerin werden wollte. Amann beschreibt sie mit einer sehr präzisen, sachlichen Sprache. Die kurzen Erzählungen sind von einer Sprachökonomie geprägt, die dem Absolventen des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel (2006–2009) auch bei seiner Arbeit als Gerichtsschreiber zugute kommen dürfte.
Viele der Erzählungen kreisen um das Themenfeld Beruf und Berufung, sowie den schwierigen Einstieg in die Arbeitswelt. Es sind Zweifel und Brüche, die das Leben der Figuren begleiten. Amann versteht es ausgezeichnet, diese Suchenden mit wenigen Strichen lebensnah zu charakterisieren. Die kurze Geschichte «Nächste Woche Santiago» mag als gutes Beispiel dienen, wie bei ihnen der Beruf und das Private auseinanderklaffen können. Marcel, ein Mitarbeiter im diplomatischen Corps, hetzt von einer Dienstreise zur nächsten, als ihn bei einem Aufenthalt in Oslo die Nachricht erreicht, dass sein Vater verstorben sei. Die Verhandlungsrunde mit Singapur beschäftigt ihn jedoch mehr als die traurige Nachricht. Auch Tage später an der Beerdigung verspürt er kaum Schmerz. Immerhin wundert er sich darüber. Amann schafft es in dieser Szene die von Gefühlskälte und Gleichgültigkeit geprägte Innenwelt seines Protagonisten mit einem einzigen Satz schonungslos aufzuzeigen. Als Marcel seine Frau betrachtet, stellt er fest: «Valeria sah umwerfend aus mit ihrer Sonnenbrille.» Unterstrichen wird diese Indifferenz durch die nebensächliche Beobachtung, dass Hochspannungsleitungen hinter der Friedhofsmauer verliefen. Doch genau diese kleinen Details und Bilder machen seine Figuren derart glaubhaft. So auch in der Erzählung «Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit». Andreas, der soeben seine Arbeit an einem Gericht in der Zentralschweiz aufgenommen hat, wird mit einem drastischen Fall betraut. Eine junge Mutter wird tot in ihrem Bett vorgefunden, niedergestreckt von einer Kugel im Hinterkopf. Der dreijährige Sohn hat neben der Toten gespielt. Er hat die ganze Nacht und den ganzen Vormittag in der Wohnung verbracht. Wie verarbeitet ein noch nicht abgebrühter Berufseinsteiger eine solche Ungeheuerlichkeit? Amann lässt bei seinem Protagonisten Erinnerungen aufkommen: an Spielzeuge aus der Kindheit oder an Gedankenspiele, in denen Andreas als Kind seine Eltern hat sterben lassen. Oder wie er als Zehnjähriger seine tote Grossmutter gefunden hatte und mit dieser Erfahrung allein gelassen wurde.
Amann zeigt sich auch in den anderen Erzählungen als genauer und einfühlsamer Beobachter. Etwa in der ersten Erzählung, die von einem Studienabbrecher handelt, der als Velokurier durch Zürich kurvt. Wie wichtig sein Arbeitsgerät ist, zeigt sich, als sein geliebter «Silberpfeil» gestohlen wird und er dadurch vor Augen geführt bekommt, wie prekär seine Existenz tatsächlich ist. Matthias Amann findet dafür eine Sprache, die das rasante Tempo des Kuriers mitgeht und gleichzeitig dessen Milieu detailreich und im genauen Wortlaut erfahrbar macht. Mit grossem Raffinement sind Begriffe des Fachjargons und der Szeneslang in den Text eingewoben.
Amann kann aber auch entschleunigen. In der letzten Erzählung erkundet ein 39-jähriger Mann Buenos Aires. Er schlendert durch die «Stadt der Hunde», besucht Ausstellungen und Buchhandlungen und landet im botanischen Garten, einem Katzenparadies. Grund für seinen Aufenthalt sind Kurse an der nationalen Tanzakademie. Es ist die Rückbesinnung auf einen Traumberuf, den er nach einer verpatzten Aufnahmeprüfung jäh ad acta legen musste. Die Figur bleibt jedoch weitestgehend eine Leerstelle. Nur sehr spärlich erfahren wir etwas über ihre Beweggründe, ihr bisheriges Leben. Da wäre eine Anna und ein gemeinsamer Garten, an die der fast Vierzigjährige sehnsüchtig denkt. Ein Zitat aus den Winter Journals von Paul Auster lassen am Ende vermuten, dass Schreiben sein künftiger Weg sein könnte: «Writing as a lesser form of dance».