Krieg und Liebe Essays
Ob er über große geschichtliche und politische Themen nachdenkt oder über ganz konkrete Fragen einfacher Leute - Lukas Bärfuss ist ein Autor und Denker von europäischem Format. Er schafft es, auch komplizierte Sachverhalte so zu erzählen, dass man seine scharfsinnigen Argumentationen nachvollziehen kann, dass man sich eingeladen fühlt, an seinen Gedankengängen teilzunehmen. Mit Überraschung, Staunen und immer mit Genuss und Gewinn. Sei es, wenn er über die Schweiz spricht oder über Erfahrungen in Afrika und Südamerika, ob er über Autoren von Goethe, Nietzsche und Tolstoi bis Nicolas Born nachdenkt oder über Ovid, Stendhal und Sakurai, immer erfährt man Erhellendes. Bärfuss schreibt über Religion und Glauben, über die Moral im Journalismus und über das Leben eines Vertreters für Geräteentkalker. Es zeigt sich, dass es keine kleinen oder großen Fragen gibt, stets ruft der Autor die großen Zusammenhänge und ethischen Dimensionen auf, macht sie sinnfällig sichtbar. Er hütet sich vor vorschnellen Antworten, und zuweilen ist die präzise Beschreibung eines Dilemmas gerade das Leistbare, das weiterbringt. Freude und Notwendigkeit können ganz nah beieinander liegen, oder auch himmelweit voneinander entfernt.
(Buchpräsentation Wallstein Verlag)
Gesang und Zorn
Als Essayist ist Lukas Bärfuss im Oktober 2015 einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden, als er in der FAZ zu einem wütenden Rundumschlag gegen die Entwicklungen in der Schweizer Politik und Gesellschaft ausholte. Zweieinhalb Jahre später erscheint der Text, «Die Schweiz ist des Wahnsinns», in seinem Essayband, jedoch erst gegen Ende. Bis man sich die wütende Tirade, mit der sich Bärfuss neben viel Lob und Kritik das Etikett des neuen Max Frisch einhandelte, erneut zu Gemüte führen kann, liest man sich durch allerlei Reden.
Seit seinem Roman Koala von 2014 ist er offensichtlich ein gern gesehener Gast als Redner an allerlei Theatern, Foren, Kolloquien und Diplomfeiern. Viele dieser Texte strahlen ihren okkasionellen Charakter geradezu aus. In seiner Dankesrede zum Nicolas-Born-Preis erklärt er: «Ich bin ein Niedersachse.» In der anschliessend abgedruckten «Dresdner Rede» will er dann, mit Verweis auf seine kindliche Lektüre von Otfried Preussler, «ein Mensch aus Sachsen» sein.
In seiner Rede vor der Nietzsche-Gesellschaft in Sils Maria geht er dann allerdings nicht so weit, sich als Sils Marier oder gar als Nietzsche auszugeben. Stattdessen bemüht er sich um eine Lektüre von Nietzsches moralkritischen Schriften, wobei er ständig betont, es sei ihm nachzusehen, dass er Nietzsche nur «als Schriftsteller» lese. Wenn er am Ende einräumt, er könne mit Nietzsches Ansichten nichts anfangen und habe dessen Schriften mit Beklemmung und Ablehnung zur Kenntnis genommen, dann hat der Leser nicht sehr viel mehr dazugelernt, als dass Lukas Bärfuss kein Nietzscheaner ist
Bärfuss liebt offensichtlich die Herausforderung, sich in ihm unbekannte Themen zu stürzen und zu schauen, was er zustande bekommt. Die Resultate sind durchaus beachtlich, und dennoch bleiben sie naturgemäss an der Oberfläche. Schwungvoll und eigenwillig verbindet Bärfuss, was nicht zusammengehört, und stösst damit spannende Fragen an. Leider sind die Analysen und Argumente, mit denen er seine Thesen zum abgerundeten Versuch zusammenkleistert, oft unausgegoren.
Am Schweizer Theatertreffen denkt er etwa über den Applaus nach, den er, der Theaterautor, als «Königin der Geräusche» empfindet. Im Applaus kämen «Präsenz und Gemeinschaft» zum Ausdruck, erklärt er. Das ist ebenso wahr wie banal. Die kulturgeschichtliche Genese und Geltung des Applauses ignoriert er vollkommen, wenn er behauptet: «Applaus ist so egalitär wie das Theater.»
Sorgfältiger gearbeitet sind seine zwei Poetikvorlesungen, die auch dadurch überzeugender wirken, dass der Mensch hinter den Texten, der ohnehin überall spürbar ist, darin ausdrücklich zur Sprache kommt. Auch hier stösst man auf schwammige Sätze über Kants Ästhetik und auf eine unnötige Zusammenfassung etwa von T.S. Eliots Traditionsbegriff. Doch verfolgt man dabei mit Interesse die Spur des werdenden Schriftstellers und Dramatikers.
Noch stärker und stimmiger erscheint «Die Musik», eine Art Prosa-Gesang über seine abgestürzten und verstorbenen Freunde aus der Teenagerzeit. Weitgehend frei von Bildungsballast und in scharfer, drastischer Diktion lässt er die tragischen Figuren erstehen und in ihr Schicksal von Wahnsinn, Drogen und Gefängnis tappen. Dass Bärfuss seine eigene schwere Familiengeschichte dazwischen nur anklingen lässt, beglaubigt seinen Gesang umso mehr.
Am besten ist Bärfuss also, wenn er singt – oder dann, wenn er tobt. Das zeigt zum Schluss des Bandes die aufgesparte Lektüre des FAZ-Essays. Mit all seinen Fehlern und Pauschalisierungen, für die Bärfuss zur Genüge gescholten worden ist, ist «Swissmania» der beste Essay des Bandes. Unverhohlen politisch, spürbar zornig und fulminant rhetorisch stochert er in älteren und neueren helvetischen Wunden und schmettert heraus, was hierzulande alles im Argen liegt. Ein treffsicherer Tritt ins katatonische Gesäss der Eidgenossenschaft, der auch nach zwei Jahren noch sitzt – und den man gewiss alle zwei Jahre mit Gewinn wiederlesen wird.