Was wir reden, wenn es gewittert
Gedichte

Thilo Krause beschäftigen die Dinge und Wörter des Alltags. In der Berührung mit scheinbar einfachen Befindlichkeiten tun sich unerwartete Räume auf, weisen hinaus über das, was sie im ersten Moment zu sein scheinen. Seine Gedichte sind Wahrnehmung und Konzentration, ein Meditieren beim Tun: beim Kochen, Spazieren oder Reisen. Bei aller Einfachheit der Worte sind Klang, Rhythmen und Bilder das, was aus der Beobachtung ein Gedicht macht: «Draußen blitzt es. / Drinnen hält sich träge der Sommer. / Dosen, Flaschen, Müll glimmen im Farn». Mit dem in der Schweiz lebenden Thilo Krause ist eine besondere Stimme für die deutschsprachige Literatur zu entdecken.

(Buchpräsentation Hanser)

Rezension

von Beat Mazenauer
Publiziert am 26.02.2018

Thilo Krause: Was wir reden, wenn es gewittert

Das Markenzeichen von Thilo Krause ist seine poetische Unerschütterlichkeit und Unaufgeregtheit. Mit Bezug auf seinen neuen Gedichtband Was wir reden, wenn es gewittert könnte auch von morgenfrischer Klarheit und Nüchternheit gesprochen werden.

Und stehe auf und bin
nah an der Stadt

– setzt der lyrische Reigen unter der Überschrift „Zürich, um Null“ ein. Morgenlicht sickert ins Zimmer, das lyrische Ich schaut bei den Kindern vorbei, sucht sich aus den Träumen einen Weg zurück in den Alltag:

So lange verwandeln wir die Dinge zurück
in das, was sie sind – Tisch, Teller und Glas.

Viele Gedichte später heisst es nochmals: «Stieg in den Morgen. Ein Bus, der gänzlich leer war». Darüber steht ein Zitat des Haikudichters Bashō – eine vielsagende Referenz.

Es ist die Genauigkeit und Beharrlichkeit, mit der Thilo Krause das tägliche Tun und Werden betrachtet. Er schaut auf die kleinen Dinge, ohne ihnen besondere Bedeutung beizumessen. Es geht nicht darum, ob sie gross sind oder klein – sie sind einfach, darin liegt ihr Wert. An diesem Umstand ändern auch ferienfarbige «Sardische Notizen» nichts.

Einfache, unumstössliche Ordnung
zu der ich gehöre, durch einen frierenden Körper
der sich an mich schmiegt, das Zittern blauer Lippen.

So unscheinbar sie klingen, die Gedichte bewegen sich dennoch auf einem schmalen Grat des Süss-Sauren, wie es in der leitmotivisch wiederkehrenden Brombeere steckt. Es sind die Übergänge, die den Dichter interessieren: das morgendliche Werden des neuen Tages, das abendliche Zwielicht des vergehenden, der sich abzeichnende gewittrige Wetterumsturz. In diesem atmosphärischen Wechselspiel bleibt der Dichter gelassen. Er bringt diese Momente zur Sprache, die vielleicht auch jene Momente sind, in denen Thilo Krause, von Beruf Asset Manager beim Elektrizitätswerk der Stadt Zürich, seine poetische Musse findet.
Sein neuer, bislang dritter Lyrikband klingt im Ton vielleicht etwas ruhiger, inniger als die früheren Gedichte. Sie bergen auch etwas weniger Überraschungen, mit einem Zugewinn an Unerschütterlichkeit.

Was ich dir sagen wollte, steht
auf die Wände geschrieben

flackert
erlischt

Der Schatten von Thilo Krauses Schrift zeichnet (mit feinem Verweis auf Heines «Belsatzar») kein Menetekel and ie Wand, vielmehr kündet sie, mit souveräner poetischer Geste entworfen, von reiner Zuneigung.

Fokus «Gedichte aus dem Frühjahr. Neue Lyrik von Raphael Urweider, Thilo Krause, Melanie Katz und Ingrid Fichtner» (06.08.2018)