Ich und mein Plural
Bekenntnisse

Einmal bringt Jens Nielsen mt seinen Wort- und Denkkunststücken unsere Welt auf verführerische Weise durcheinander. Er macht das als Erzähler so ordentlich wie René Magritte als Maler, der Männer im Anzug vom Himmel regnen lässt. «Man blättert durch sein Menschenleben und stellt fest / Überall sind Dinge vorgefallen die nicht möglich sind», sagt das erzählende Ich zu Beginn. Seine Abenteuer lassen sich in Episoden lesen oder als Roman, den wir bis zum Schluss nicht aus der Hand legen.

Nielsen schafft damit ein neues Genre: den surrealistischen Schelmenroman. Für dessen Protagonisten bestehen Notwendigkeiten wie für seine Vorläufer darin, dass sie ihn in der Not wendig werden lassen. Er führt uns in die Vergangenheit, also ins Heute, ins Tierreich, also zum Menschen, in die Physik, also in unser Innerstes, in die Medizin, also ins Verhängnis, in den Zerfall, also ins Wohlsein, in die Welt, also nach Hause. Mit Selbstverständlichkeit erlebt er so die ausgefallensten Abenteuer und fragt sich zum Schluss, warum alles eins sein soll, wenn doch «alles zusammen unendlich viel ist.» In neugierigem Staunen legt er seine Bekenntnisse ab, nicht in reuiger Bussbereitschaft. Und wir wundern uns mit ihm und merken: Mit dem Staunen beginnt das lustvolle Denken, und das Ich gerät in den Plural.

(Buchpräsentation Menschenversand)

Die Haltung bewahren

von Beat Mazenauer
Publiziert am 09.04.2018

So fantastisch leistungsfähig das menschliche Gehirn ist, so absonderlich manifestieren sich hin und wieder seine Störungen und Fehlleistungen. Die Gehirnwindungen erschweren beispielsweise den Umgang mit Zahlen oder versagen beim Sehen. Es gibt Menschen, die keine Gesichter erkennen. Andere verlieren das Gesicht, weil sie Gesichte haben. Doch nirgends in der Forschung ist jener Fall belegt, den Jens Nielsen zu Beginn seines neuen Buches präsentiert. Der Ich-Erzähler bekennt, dass er nur eine Gehirnhälfte habe, beziehungsweise zwei, von denen die eine aber in Grösse eines Hirsekorns verkümmert sei. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Wahrnehmung, sind die Augen doch Teil des Gehirns. «Und tatsächlich», bemerkt der Erzähler: «mit dem einen Auge sah ich in der Landschaft Tiere / Die mit dem anderen fehlten». Glücklicherweise weiss das Gehirn sich anzupassen, so dass er den Tapir auf der Wiese oder den Waran am Strassenrand bald schon mit beiden Augen erkennen kann.

Ein solches Ungemach klingt reichlich seltsam. In dieser Eröffnungsgeschichte von Jens Nielsens neuem Buch steckt noch etwas anderes: nämlich eine Poetologie der sinnlichen Verrückung. Sie ist grundlegend für das Werk dieses Autors.

Drei Bände sind bisher von ihm erschienen, in denen er seinen flatterhaften Blick auf eine flatterhafte Wirklichkeit richtet. Seine Beobachtung unterliegt einer doppelten Unschärfe – oder Überschärfe. Mal als Prosadrama, mal als Erzählung oder wie im letzten Band Flusspferd im Frauenbad in kurzen pointierten Skizzen verwirbelt der Autor Mikro- und Makrokosmos, Sinn und Unsinn, das Ich und seine Welt auf eine Weise, die vielleicht schräg anmutet, doch immer wieder neue Sehweisen eröffnet. Jens Nielsen ist ein Grossmeister des denkbar Möglichen – auch im neuen Band.

Er versammelt gut 50 akrobatische Denkfiguren in Form von mal launigen, mal skurrilen Szenen und Geschichten, in denen scheinbar alles drunter und drüber geht. Ein Mann beobachtet vom Balkon aus, wie riesengrosse Bébés mit Schnuller und in Windeln eine Autobahn überfallen und mit Autos um sich werfen, als wären es Spielzeuge. Oder ein Junge erzählt von seiner Wasserscheu. Er versteht «das Schwimmen im Prinzip», braucht also gar nicht mehr ins Wasser zu steigen. Als ihn die Lehrerin dennoch ins Becken schubste und er gleich unterging, entdeckte er, dass «keine Atemnot sich aufbaute / Stattdessen hatte ich plötzlich Durst». Er trinkt gleich das ganze Schwimmbadbecken aus, bis sein Kopf aus dem Wasser taucht und die Lungen unwillkürlich wieder auf Luftatmung umstellen.

Solche traumatischen Erfahrungen finden Linderung in traumhaften Szenarios. Indem der Autor seine Figuren erzählen lässt, überwinden sie ihre kindlichen Nöte. Zugleich vergrössern sie die Distanz zur Umwelt. Aus der Imagination entsteht eine eigene Welt, wie in «Urschrei». Alles, was der Mann in die Luft hinaus schreit, verwirklicht sich umgehend: ein Schaf, zwei Schafe, eine Grasnarbe, ein Schnitzel und schliesslich die Schwerkraft, nachdem die erste Frau tot vom Himmel gefallen ist. Doch die zweite Frau will sich «nicht an mein Geschrei gewöhnen».

Ursache und Wirkung geraten verquer. Hier fühlt sich ein Ich-Erzähler zu gross für die Welt, da ein zweiter zu klein, und ein dritter beobachtet Dinge, die niemand sonst bezeugen kann, wie eben die brutalen Bébés auf der Autobahn. Mit solchen Szenen und Geschichten schliesst der Band Ich und mein Plural an Jens Nielsens frühere Texte an. Doch etwas ist daran anders. Der Untertitel «Bekenntnisse» verrät es. Kaum zufällig erinnert er an die Confessiones von Augustinus, die als Urzelle der autobiographischen Literatur gelten. Darin bekannte der spätantike Kirchenvater, wie er aus der «Fülle seiner Irrtümer» zu Gott und seiner Wahrheit fand.

Um Gott geht es Jens Nielsen nicht. Näher liegt ihm das Ich mit all seinen Mängeln und Fehlfunktionen. Mag es auch nur eine Gehirnhälfte haben, bekennt es sich dennoch zu seinem unbändigen Wunsch, erstens zu sich selbst zu kommen und damit zweitens einen Platz in der Gemeinschaft zu finden. Dafür ist es bereit, sich notfalls auch selbst zu verleugnen, indem es, beispielsweise, das Angebot des Kinderpsychologen annimmt und zugibt, dass es das «seltsame Benehmen» mit der einen Gehirnhälfte nur simuliere.
Welche Opfer ein solcher Friede fordert, davon erzählt Ich und mein Plural. Das erzählende Ich multipliziert – getreu dem Titel – fortlaufend die Schwierigkeiten, die es guten Willens zu überwinden gedenkt. Nur allzu oft missrät der Versuch. Mal beträgt es sich in den Augen seiner Umgebung skandalös unschicklich, mal gutmütig dumm, mal traumatisch verletzt, wofür es Ablehnung oder Unglauben erntet. «Darum komme ich mir manchmal einsam vor», mit triftigem Grund.

Die bekennntnishaft monologischen Texte im losen Flattersatz präsentieren ein Individuum, das sich entgegen aller Erfahrung als ein zoon politikon, als ein vernünftiges Gemeinschaftswesen verstehen will. Auch wenn die Vernunft «nur ein Sonderfall des Wahnsinns» ist, versucht es zu verstehen, und versucht es zu stehen:

Erst konnte ich mich dagegen wehren
Mit Vernünftigsein
Mit Aufrechtstehen
Seit einer Weile aber war mir aufgefallen
Dass mein Halt im Rationalen angefangen hatte abzubröckeln

Darum geht es in diesem Buch: ums Aufrechtstehen und das Gesicht Wahren. In Variationen beschreibt Jens Nielsen, wie das Gesicht verrutscht, der Körperleim sich auflöst, der Brustkorb zusammenklappt, die Knie einknicken und nur noch die Waden gerade stehen. Dieser Mensch zerfällt immer und immer wieder, ganz ohne larmoyantes Klagen. Die Frage ist ganz sachlich: Wie beweise ich Haltung in einer Welt, die mich nicht braucht? Wie wahre ich den Respekt vor mir selber.

So treten Jens Nielsens Texte in einen Dialog mit den Lesern und Leserinnen. «Ich bemühte mich stets aufrecht zu gehen», schreibt er, und siehe da: «Ein Weilchen stand ich sogar fast gerade da und war ein Übermensch». Die Formulierung verhehlt nicht die Zerbrechlichkeit dieses erhabenen Moments.

«Es gibt heute keine Fragen, / jeder ist sich selbst die Frage», schrieb Daniil Charms in einem Gedicht. Das Zitat kann für Jens Nielsen gelten. Er stellt (sich) die Frage mit einer absurden, surrealistischen Komik, wie wir sie aus seinen früheren Büchern kennen. Immer deutlicher vernehmbar schwingt dabei ein zweiter Grundton mit: ein clowneskes Lachen, das untrüglich eine existentielle Traurigkeit verrät.

Die skurrilen Konstellationen täuschen nicht darüber hinweg, dass hier einer – der Erzähler und durch ihn maskiert der Autor – vorsichtig in existentielle Abgründe blickt. Er erzählt von einem menschlichen Individuum, das den Normen einer fit getrimmten Gesellschaft nicht genügen mag. Seine Einsamkeit und sein vergebliches Bemühen sind die Kehrseite der narzisstischen Selbstinszenierung. Wer nicht mithalten kann noch will, fällt raus. Dagegen kämpfen Jens Nielsens spastische, allzu fantasiebegabte Figuren lustig verzweifelt an. Sie bekennen Respekt für das andere: das zu gross Geratene, das zu Kleine, das Unwahrscheinliche, das Unscheinbare. Sie wollen ihr Gesicht nicht verlieren, sie suchen Haltung zu bewahren, auch wenn ihnen die Knie einknicken und das Rückgrat bricht.

Der Mensch ist ein Mängelwesen, er ist verwundbar und schwach, zugleich begabt mit unendlichen Fähigkeiten. Das ist der Kern dieser Geschichten. Das Subjekt muss sich für jede Entgleisung, jede Fehlfunktion, jede Abartigkeit entschuldigen: sich dazu bekennen, um nicht aus dem Kollektiv verstossen zu werden.

So gesehen erhalten plötzlich auch komische Weltbetrachtungen eine neue Dimension: beispielsweise in der Erzählung «Argentinien». Der Erzähler sitzt in einem Restaurant am Fluss und beobachtet, wie Vögel sich immer wieder neu zu Schwarmbildern formieren. Für einen «unverständlich langen Augenblick» erkennt er in einem solchen Bild «die Form von Argentinien». Es stürzt gleich wieder zusammen, doch im Kopf bleibt es stehen. Könnte nicht genau dies das eigentliche Argentinien gewesen sein, das «in Wirklichkeit nur eine kurze Zeit herumfliegt» und den «Verlauf seiner Geschichte abschnurrt», bevor es in sich wieder auflöst?

Die Erscheinung am Himmel gerät zur platonischen Erkenntnis:

Ob alle diese Abbilder der Dinge das Eigentliche sind
Das Wirkliche
Und ob wiederum entsprechend alles
Was es nach unserer Ansicht wirklich gibt
In Wahrheit nur das Abbild
Auch wir selbst
Nichts weiter wären als ein Bild von uns

Dann setzt die Dämmerung ein und ein kleiner Klumpen Erde treibt flussabwärts «dem Kap der Angst entgegen».

Jens Nielsens literarische Welten sind heillos verwickelt und komisch surreal. Zugleich sind sie, in diesem Band intensiver als früher, von einer Schwermut durchwoben, die mit Witz und Komik die intimen Abgründe des Menschlichen offenbaren. Wer hat nicht täglich um Haltung und Respekt (auch vor sich selbst) zu kämpfen? Wer fühlt sich nicht mitunter gedemütigt dadurch, dass wir diese Welt brauchen, die auf uns getrost verzichten kann? Indem sich seine Leser auf die Betrachtungen von Jens Nielsens Subjekten einlassen, vervielfältigen sie deren Ich.