wo chiemte mer hi? sämtlechi gedicht ir bärner umgangsschprach
Kurt Marti wurde bekannt als aufmüpfiger protestantischer Theologe, als Autor von Erzählungen und kritischen Kommentaren des Zeitgeschehens. 1967 erschien Rosa Loui, Martis erster Lyrikband auf Berndeutsch. Die Gedichte verbinden Sprachexperiment mit politischer Kritik. Ihre Auswirkungen auf die Literatur in der Schweiz waren enorm. Sie beeinflussen Autoren von Peter Bichsel über Franz Hohler bis zu Pedro Lenz und gelten heute als Klassiker. Zum ersten Todestag erscheint in der Kollektion Nagel & Kimche die gesammelte Mundartlyrik Martis, ergänzt mit vielen bislang unpublizierten Gedichten. Herausgegeben vom Literaturwissenschaftler Andreas Mauz und mit einem Nachwort des Spoken-word-Dichters Guy Krneta.
Rezension
Kurt Marti
In einem Papier für den Berner Schriftstellerverein formulierte Kurt Marti (1921-2017) 1964 «aus dem Handgelenk» sechs prägnante Thesen «zur Situation der bernischen Mundartliteratur». Er bekundete darin seine Skepsis gegenüber der traditionellen Dialektliteratur, die beispielsweise daher rühre, dass sie kein berndeutsches Gedicht enthalte, in dem «ein Auto oder ein Flugzeug vorkommt». Bis dahin hatte sich der damals 43-jährige Pfarrer und Schriftsteller selbst nicht als Dialektautor hervorgetan. Drei Jahre später erst sollte er den Bann brechen – nachhaltig, wie sich erweisen wird. 1967 sorgte sein Buch rosa laui. Vierzg Gedicht ir Bärner Umgangsschprach für literarisches Aufsehen. Kurt Marti ging es mit seinen Mundartgedichten nicht darum, eine Rückbesinnung auf helvetische Sprechweisen einzuläuten, ganz im Gegenteil. Er trat – notabene in einem deutschen Verlag – gegen die idyllisch verklärende Volkstümlichkeit an. Für ihn war das kulturelle Erbe in der Avantgarde aufbewahrt. Hier fand Marti «e schprach / und die wäri / so schtarch / und so frei / dass / sech niemer / getrouti / se z’rede». Entsprechend liess er, neben Naturbildern, auch Vietnam auftreten, die Apokalypse, den Tourismus oder jene Dinge, die sich im finsteren Untergrund abspielen:
z'nacht
i de bankkatakombe
suecht sech
e truurige zinsfuess
ds luschtige zinsbei
vo rüschtigsfabrigge
zum tanz
Mit einem Mal verwandelte sich der Dialekt in Mund-Art und wurde modern, getreu einer Bewegung, wofür Marti zusammen mit Walter Vogt ebenfalls 1967 den Grundstein legte. Als Titel für eine Veranstaltung mit Dialektgedichten prägten sie programmatisch den Begriff der «modern mundart». In seiner hochsprachlichen Einleitung dazu betonte Walter Vogt, dass das Schriftdeutsch in der Schweiz «die am besten beherrschte, dennoch die fremdeste» Sprache geblieben sei. Denn zum einen liege das Schriftdeutsch quer im Mund, zum anderen kenne die Mundart keine «lesbare Transkription». Ob diese These heute noch aufgeht, bleibe dahingestellt. Jene Veranstaltung sowie Kurt Martis rosa laui-Gedichte gaben einen poetischen Impuls, der im Werk von Mani Matter weiterlebte, dessen erste Schallplatte «I han en Uhr erfunde» schon 1966 erschienen war. Und Franz Hohler setzte mit seinem 1967 erstmals vorgetragenen Fantasietext «Ds Totemügerli» noch einen drauf.
Aber es waren vor allem Kurt Martis Gedichte, welche die literarische Moderne in die Schweizer Mundart einbrachten und das poetische Spiel feierten. Der posthum erschienene Band Wo chiemte mer hi? dokumentiert Martis «sämtlechi gedicht ir bärner umgangssprach». Darin enthalten ist auch der 1973 erschienene zweite Band undereinisch, der umfangreicher, doch auch heterogener ausfiel und den Ton von rosa laui in unterschiedliche Richtungen weiter entwickelte. Es finden sich darin Tagebuch-Gedichte, in denen Marti versuchte, das Tagesgeschehen poetisch zu verarbeiten, unter anderem auch den Tod von Mani Matter – «usgrächnet är». Ausgeprägter als in rosa laui wird darin vor allem die spirituelle Seite seines Dichtens spürbar, in der das mitunter wortspielerische dialektische Abwägen im Vertrauen auf Gott aufgeht.
Der Band begründet aber auch die moderne Spoken-Word-Tradition wie beispielsweise im Gedichte «kabbalistik»:
undereinisch
überzwöinisch
innerdrünisch
usserviernisch
hinderfüfnisch
vordersächsischallersiebnisch
Später hat sich Kurt Marti mit seinem Schreiben in Dialekt zurückgehalten, sein Werk ist der Hochsprache verpflichtet, seine beiden Gedichtbände aber haben etwas freigesetzt, was heute vorab in der Berner Literatur in Hochblüte steht. Entsprechend hat der Band rosa laui seine Bedeutung bis heute bewahrt.
Aus: «Ir Bärner Umgangssprach». Marti, Vogt, Sterchi und «Bern ist überall», ein Fokus von Beat Mazenauer.